Wohin geht das Wissen? Wikipedia, Urheberrecht und ein Weltwunder.
Christian am Sunday, 25. January 2004, 01:16
500 Jahre nach dem ersten "Urheberrecht", der Charter Mary, entstehen im Internet zum ersten Mal Werke, die jenseits der Verbote in Qualität und Umfang wachsen. Vernetzte Gruppen stellen das Urheberrecht als zentrale Rechtsregel, die das Kopieren, Verändern und Studieren von Werken verbietet, vollständig auf dem Kopf. Alles ist erlaubt, die Anarchie lebt in der Praxis und ... funktioniert!
Seit einigen Jahren arbeitet das Wikipedia Projekt an einer frei verfügbaren Enzyklopädie. Ihre Produktionsweise ist radikal anders als alles dagewesene: Tausende Freiwilliger Helfer fügen neue Informationen ein, schreiben Artikel und diskutieren über die neutrale und korrekte Darstellung eines Artikels. Neutraler Standpunkt nennen die Wikipedianer das.
Jeder, der sein tolles Betriebswirtschaftsstudium ernst genommen hat, "versteht" "sofort", dass so etwas nicht funktionieren kann. Wo ist denn bitteschön der Eigennutz geblieben, der Schutz des "Geistigen Eigentums", die Konkurrenz?
Die fundamental falsche Wahrnehmung liegt in den Eigenschaften von Materiellem (Häuser, Autos, Schnitzel) und Logikalischem (Bücher, Software, Musik). Materielle Dinge verfallen, um sie rankt sich ein Wettbewerb, der ihrer natürlichen Eigenschaft der Begrenztheit entspringt. Logikalien (dazu gehört bisher auch Geld!) kennen weder Verfall noch Knappheit. Sie sind ubiquitär, wie der Volkswirtschaftler so gerne sagt. Wieso uum Himmels Willen sollte man also den Zugang zu Wissen einschränken?
In der Zeit, in der Kopieren noch teuer war und der Preis der Wissensproduktion gering im Vergleich zum Vertrieb, hatte das Urheberrecht die sinnvolle Aufgabe, illegale Billigkopien zu unterdrücken, um Verluste für Verleger zu minimieren. Nebenbei konnte man damit auch noch prima zensieren. Funktioniert übrigens immer noch super ...
Mit den Droits d'Auteur im Sinne der Französischen Revolution führte man die Idee unveräußerlicher Rechte für Autoren ein, zu denen auch ein immaterielles Recht an den Werken gehöre. Dass man nun eine Rechtsvorschrift, die der wirtschaftlichen Sicherung und der politischen Unterdrückung diente, als humanistische Idee umformte, kommt einem heute sicher pervers vor, doch damals war die Vorstellung eines Buches untrennbar von seiner physischen Form fixiert.
Heute steht die Welt Kopf, da wir ein universelles Medium zur Übertragung beliebiger informationeller Inhalte haben, das Internet. Dessen transformierende Wirkung auf den menschlichen Geist wird nach wie vor vollends unterstützt. Jeder freut sich über Chatrooms, Flash-Webseiten und E-Commerce. Wie es unsere ganz alltägliche Wahrnehmung, unser tägliches menschliches Miteinander verändert, das untersucht wohl keiner. Oh, ich gleite vom Thema ab ...
Um eine lange Geschichte kurz zu machen, ist das Urheberrecht in seiner gegenwärtigen Form, in der es weder dem Urheber, der inzwischen über den Mittelsmann Verwertungs- und Rechteindustrie arbeiten kann, noch dem Informationsnutzer dienlich. Das Modell der totalen Kontrolle einer Instanz über ein geistiges Werk ist absurd geworden, und zum Scheitern verurteilt:
"Copyright law is totally out of date. It is a Gutenberg artifact. Since it is a reactive process, it will probably have to break down completely before it is corrected."
(N. Negroponte, MIT Media Lab, 1995)
Die chaotische, anarchische Wikipedia, in der jeder Mensch mit Internet-Zugang in zwei Dutzend Sprachversionen frei editieren kann, stellt ihre Inhalte frei zur Verfügung, mit Erlaubnis zum Kopieren, Verändern, Studieren, etc. solange diese Rechte an Dritte weitergegeben werden. Diese Offenheit erzeugte bisher 192.000 Artikel auf der englischsprachigen und mehr als 47.000 Artikel auf der deutschsprachigen Variante. Der Datenverkehr von Wikipedia überflügelt seit Monaten das Angebot der renommierten Encyclopaedia Britannica. Die deutsche Variante hat zumindest schon mal die Microsoft Encarta Standard geschlagen, bei einem langsamen exponentiellem Wachstum kann man davon ausgehen, dass jede andere Enzyklopädie in etwa 3 Jahren überholt ist und auch qualitativ so weit entwickelt ist, dass es kein Überlebensrecht mehr für die proprietären Enzyklopädien gibt.
Die Wikipedianer sind ein sehr bescheidenes Völkchen, doch letztendlich, um ganz pathetisch zu sprechen, arbeiten sie an einem Projekt mit dem Stundenaufwand eines Pyramidenbaus und der Menge an Gedankenarbeit einer Mars-Mission. Sehr diffus natürlich, um eine riesige Bandbreite an Information abzudecken. Das zweite Weltwunder des Wissens nach der Großen Bibliothek von Alexandria können diesmal wir alle schaffen.
Quo vadis, freies Wissen?

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Kommentare
Empfehlung:
Von Norbert am Sunday, 25. January 2004, 01:43
Laßt uns lieber Wissen als Geld anhäufen, Wikipedia als neues Weltwunder, das gefällt mir ;-) Vielleicht finden wir ja so irgendwann mal Wahrheit oder Realität. So zur Abwechslung....
Von Sitting-Bull am Sunday, 25. January 2004, 09:25
Grundsätzlich begrüße ich diese Ideen, und auch wikipedia.de halte ich für eine tolle Sache.
Ich kann euch aber versichern das auch diese Seite "gesteuert" ist, es ist genauso wie bei I. Goldstein in 1984. Versucht mal, Begriffe, die sehr die herrschende Meinung nachbilden,aufzuklären oder zu verändern. Es wird euch nur schwer gelingen. Z.B. waren die Worte Herrschaft und Matriarchat grottenfalsch erklärt,
und Aufklärungsversuche meinerseits wurden nur teilweise akzeptiert.
Also sollte man immer wachsam bleiben.
Von Christian am Sunday, 25. January 2004, 12:32
@Sitting-Bull: "Gesteuert" ist schon sehr verschwörungstheoretisch. Ziel soll es auch sein, das festzuhalten, was die Masse der Menschen bzw. "die Experten" gegenwärtig unter einem Begriff verstehen. Dass das nicht unbedingt aufklärerisch sein muss, ist direkt logisch. Die Wikipedia hat aber im Gegensatz zu anderen Enzyklopädien Artikel über Freiwirtschaft, viele Alternativtheorien etc.
Und was Immer Richtig (tm) ist: Wachsam bleiben!
Von hitchhiker am Sunday, 25. January 2004, 15:21
Ich denke aber auch, dass eine gewisse Gefahr besteht, nämlich dass kommerzielle Anbieter bei fortschreitendem Erfolg von "Wikipedia" eine Bedrohung ihrer Geschäftsgrundlage geltend machen...
Es gibt da sicherlich Wege, dem Projekt von Industrie und Politik Steine in den Weg zu legen. Man denke nur mal an die diffusen Vorwürfe, freie Software würde den Terrorismus unterstützen etc pp.
...und sobald sie nur einen Artikel in Wikipedia entdecken, der erheblich dem eines Artikels in der Enzy.Britannica/Encarta/Brockhaus... gleicht, dann haben sie auch die Quasi-Legitimierung für ihre Hau-Drauf-Politik.
Ich denke, dass früher oder später da etwas passieren wird...leider.
Von Sitting-Bull am Sunday, 25. January 2004, 19:52
Ziel soll es auch sein, das festzuhalten, was die Masse der Menschen bzw. "die Experten" gegenwärtig unter einem Begriff verstehen.
Die Gefahr dabei ist, das bestimmte Denkfallen existieren, und manches gar undenkbar bleibt.
Und wenn etwas undenkbar ist, existiert es nicht mehr. George Orwell wußte um diese Problematik.
Da nützt dann auch keine Aufklärung mehr.
Von Norbert am Sunday, 25. January 2004, 20:37
Pessimismus zieht der Wahrnehmung den Schleier der Alternativlosigkeit über. (Oder so... ;-) )
Von Thomas Koudela am Monday, 26. January 2004, 12:53
Wikipedia ist für mich in erster Linie der Versuch eine einheitliche Wissens- und Begriffsbasis zu etablieren. Ganz im Sinne des Artikels
Matrix Macht Metaphern, wird ein gemeinsames Protokoll geschaffen. Dieses Protokoll wird allerdings nur verwendet falls Informationen fehlen. Daher teile ich Sittig-Bulls Befürchtung nicht. In jedem Text (egal ob Posting, Blog, Artikel, Buch oder sonstigem) kann ich auf eigene Definitionen verweisen. So wie ein Programierer gewisse Funktionen und Konstanten am Anfang eines (Sub-)Programms definiert, kann ein "Autor" am Begriffe am Anfang definieren oder Sprungadressen (Hyperlink, Anmerkung, Stichwortverzeichnis) definieren an denen die exakte Definition erklärt ist.
Von hitchhiker am Monday, 26. January 2004, 13:34
@norbert
und optimismus lenkt all zu oft von den tatsächlichen problemen ab.
Von Norbert am Tuesday, 27. January 2004, 10:49
@hitchhiker: Optimist zu sein bedeutet, sich in der Lage zu fühlen, das durch die Untätigkeit der Pessimisten ausgelöste Unheil ertragen zu können ;-)
Von Irrwicht am Monday, 25. October 2004, 02:07
Meine Meinung: Wikipedia wird die herkömmlichen Wissensquellen a la Gutenberg nicht schlagen können. Denn die Stärke von wikipedia ist gleichzeitig die Schwäche: Es entstehen Dopplungen da mitunter mehrere Personen ein Thema lieben, und ihre Formulierungs- und Sichtweise so durchbringen wollen; - Fehler, da manche nur mal so vorbeikommen, was locker aus der Hand schreiben und es erst viel später editiert wird, - es entsteht ein hartes Ringen um die vorherrschende Meinung, gerade bei allgemeinverständlichen Themen wie Politik oder sogar Sex, das dann viel langsamer als im direkten Dialog entkrampft wird. Allgemein wachsen allgemeine und webverfügbare Inhalte (Filme, Schauspieler, Comics, Musik) schneller als fachliche, für die man immer wieder auf die herkömmlichen Informationsquellen zurückgreifen muß. Sie sind die Wurzeln eines fundierten wikipedia und werden es immer bleiben, denn niemand kann 0815-Seiten aus dem Web als Quellengrundlage wirklich vertrauen. Der nächste Punkt ist die Lesegeschwindigkeit im Web - sie ist wesentlich niedriger als bei einem Buch, auch wenn man die Infos dafür schneller findet.
Aber natürlich bildet wikipedia einen durch Kurzweile beim Blättern bestechenden Bildungsanreiz
(man lernt dazu, wenn man dort mal zufällig bissel rumklickt) und eine erste Infoquelle, denn man kommt schnell an Infos ohne in die Bibliothek zu müssen oder Geld für ein Buch auszugeben, das dann nutzlos im Schrank steht. Aber schlagen wird es die herkömmlichen Medien nicht, allenfalls wird es eine Koexistenz geben. Denn ganz ehrlich: die meisten Infos, die uns die Welt bietet sind für unser Leben nutzlos. Für bezahltes Wissen gibt es Bücher und Lehrgänge und für intellektuelle Spielerei eben halt wikipedia.