feldblog-Wachstumsmanifest

Norbert am Tuesday, 19. September 2006, 23:32

Da Marxens kommunistisches Manifest für einige Jahrzehnte so ein Renner war, hat sich die Propaganda-Abteilung der selbsternannten "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" ein neues Manifest ausgedacht und bewirbt es intensiv im Internet:
Das INSM-Wachstumsmanifest

Was die können, können wir schon lange. Es folgt: Ein weiteres Wachstumsmanifest (mit bereits an verschiedenen Stellen veröffentlichten Anmerkungen):

Warum Deutschland mehr Wachstum braucht

Deutschland braucht mehr Wachstum, damit das heutige Wirtschaftssystem weiter funktionieren kann. Denn ohne Wachstum verfällt es in Krisen. Dieses Wirtschaftssystem benötigt dauerhaftes Wachstum, weil es dauerhaft von den Armen zu den Reichen umverteilt. Und das geht so:
Bevor ein Euro investiert wird, muß für den Investor klar sein, daß er mehr als diesen Euro zurückbekommt. Jeder Euro will verzinst sein, sonst wird er nicht investiert.
Mit jedem investierten Euro fließt dem Investor also dauerhaft zusätzliches Einkommen zu: Zinserträge oder Renditen oder Dividenden, wobei jedes dieser Worte nichts anderes als ein Synonym dafür ist, Geld für die Bereitstellung von Kapital zu bekommen. All die (in Form von Geld) erzielten Kapitaleinkommen müssen jedoch erneut in die Wirtschaft reinvestiert werden - oder das Geld bleibt dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Der dadurch auftretende Geldmangel führt zu der oben benannten Krisenanfälligkeit, weshalb es aus Sicht einer funktionierenden Wirtschaft zwingend ist, daß die Kapitalerträge wieder in die Wirtschaft reinvestiert werden. Wie jedoch ebenfalls bereits festgestellt wurde, wird ein Euro nur dann investiert, wenn er eine Verzinsung abwirft - womit deutlich werden sollte:
Im heutigen Wirtschaftssystem wächsen die investierten Kapitalien und die daraus erzielten Kapitaleinkommen beständig an.

Wer aber zahlt die Kapitaleinkommen? Da Geld selbst nicht arbeitet sondern immer nur Menschen zahlt natürlich die arbeitende Bevölkerung diese Abgabe - und zwar unabhängig davon, ob sie als Arbeiter, Angestellter oder Unternehmer tätig ist. Eingetrieben wird die Kapitalabgabe über die Produktpreise, denn die Kapitalverzinsung fällt in den Unternehmen als Kostenblock an, der an die Kunden weitergereicht wird.

Volkswirtschaftlich gesehen kann nur verteilt werden, was zuvor produziert wurde. Die Gesamtmenge der Produktion ist das Volkseinkommen (bzw. das Inlandsprodukt). Dieses Gesamteinkommen wird in zwei Richtungen verteilt: An die Arbeitenden und an die Kapitalbereitsteller in Form von Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen.
Würden nun alle Löhne genauso konstant bleiben wie alle gezahlen Kapitalabgaben, so würde Jahr für Jahr derselbe Wirtschaftsoutput ausreichen, um denselben Wohlstand zu generieren. Denn Jahr für Jahr würde ja dasselbe Produktionsvolumen an dieselben Interessengruppen verteilt. Da nun jedoch (wie oben gezeigt) die Kapitaleinkommen beständig anwachsen, würde ein Kuchen, der Jahr für Jahr gleich groß bleibt bedeuten, daß die Arbeitseinkommen sinken müssen (es gilt: Gesamtkuchen = Arbeitseinkommen + Kapitaleinkommen). Steigende Kapitaleinkommen bei gleichbleibendem Gesamteinkommen würde sinkende Löhne bedeuten (oder steigende Arbeitslosigkeit, da Arbeitslosigkeit gleichbedeutend ist mit sinkenden Lohnzahlungen, also sinkenden Arbeitseinkommen).
Wenn eine Gesellschaft diesen Wohlstandsverlust der arbeitenden Bevölkerung jedoch nicht will, so muß sie in einem kapitalabgabenorientierten System eben dafür sorgen, daß der Gesamtkuchen wächst. Denn nur dann bleibt den Kapitaleinkommen der Platz zum Weiterwachsen!

Darum braucht Deutschland mehr Wachstum!
Darum soll die abstrakte Kennzahl "Wirtschaftswachstum" der Maßstab aller Politik sein!
Aber wer hinterfragt, wohin das ganze führt?

Peak Oil


Kommentare

  1. Von Egon W. Kreutzer am Wednesday, 20. September 2006, 08:34

    Wer hinterfragt?

    Du, er, sie, es, wir, ihr, sie - und ich.

    (hoffentlich!)

  2. Von Stefan Freichel am Wednesday, 20. September 2006, 10:32

    wer hinterfragt?

    dank solcher Köpfe wie euch beiden
    hoffentlich immer mehr ;-)

    sonnige Gruesse aus dem Saarland

  3. Von Stefan Freichel am Wednesday, 20. September 2006, 21:16

    Huch,

    das es schon so viele (siehe Forumsbeiträge zum Spiegelartikel) sind, die das System hinterfragen, hätte ich jetzt doch nicht gedacht ;-)


    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,437158,00.html

  4. Von Uwe Göthel am Wednesday, 27. September 2006, 21:31

    Nur Mut und weiter so. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Schade, daß es Feldpolitik nicht mehr gibt (Verständnis), aber net-news-global ist ein respektabler Ersatz. Wünsche mir öfter mal nen Beitrag von Dir.

    Solidarische Grüße aus Wowi-Land

    Uwe



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