Meinungsmacht macht Meinung

Norbert am Tuesday, 07. February 2006, 12:39

"Bild dir deine Meinung!" suggiert der Meinungsgroßhändler tagtäglich, der sich bildende Leser hätte eine Chance, seine eigene Meinung zu bilden und nicht nur die Meinung der Blattmacher eingestöpselt zu kriegen. "Bild" lesen heißt immer noch, daß sich die Meinung der Bild-Schreiberlinge in den Köpfen der Leser bildet.

Meinungsfreiheit.
Hmm.
Karikaturen.
Hatten wir hier auch schon...
Und nun gibt es Karikaturen, die den muslimischen Propheten Mohammed auf den Arm nehmen. Die Welt brennt wegen ein paar Zeichnungen.
"Der Westen": Auf seiten der Meinungsfreiheit.
"Der Islam": Auf seiten des Respekts des persönlichen Glaubens.

Und dabei: Bigotterie auf allen Seiten! Wie widersprüchlich der Protest aus dem Lager der extremistischen Gläubigen ist, zeigt Sonia Mikisch in der taz: Was nun, ferner Bärtiger? Als wären Mord und Totschlag und Brandstiftung in irgendeiner Form "besser" als beleidigende Zeichnungen?

Wie widersprüchlich die Hochhalter der westlichen Meinungsfreiheit sind, zeigt heute Florian Rötzer von Telepolis: Karikaturen über Holocaust als Gegenangriff. Er verweist auf ein deutsches Gerichtsurteil von 1998, in welchem die "öffentliche Zurschaustellung eines gekreuzigten Schweines im Internet" strafbar sei. Der Grund: Das Heiligtum des Christentums, dessen Gedankengut tief im "westlichen" Bewußtsein verankert ist, würde durch die Kombination des heiligen Kreuzes mit einem schmutzigen Schwein beleidigt. Wie weit ist die Meinungsfreiheit wirklich im "Westen" gediehen?

Auf einen Höhepunkt steuert die Auseinandersetzung zu, wenn die iranische Zeitung ihren Karikaturenstreit über den Holocaust startet und die Ergebnisse veröffentlicht. Es ist zu erwarten, daß nicht nur harmlose Witzchen zu sehen sein werden. Nur: Wohin läuft diese Entwicklung?

Grundsätzlich positiv wäre es zu sehen, wenn Meinungsverschiedenheiten künftig auf dem Schlachtfeld der Karikaturen ausgetragen werden. Das tut nur weh, wenn Tabus getroffen werden und mit ein bißchen lächelnder Selbstkritik überstehen wir das alle. Doch mit dem Thema Holocaust wird natürlich auch ein Tabu berührt, welches im Westen diskussionswürdig ist. Ist es in Zeiten der Meinungsfreiheit noch legitim, daß es strafbar ist, bestimmte Meinungen zu vertreten? Man mag von Holocaust-Leugnern halten, was man will, aber hat die Gesellschaft das Recht sie nur für ihr Denken zu bestrafen? Wie weit sind wir mit dieser Situation noch von Orwells "Ministerium für Wahrheit" entfernt? Und wer bestimmt (mit welcher Legitimation), was gedacht und gemeint werden darf und was nicht?

"Bild dir deine Meinung!" Auch im "Westen" wird es nötig, sich über die Rolle der Meinungs- und Pressefreiheit klarer zu werden. Die konzentrierte Macht der Medien, die Meinungsmanipulateure in den Marketingagenturen, die "Alternative-Information"-Resistenz der Politiker und Behörden - all das spielt in die aktuelle Debatte mit rein. Wird Zeit, daß auch mal darüber diskutiert wird!

Peak Oil


Kommentare

  1. Von 2nd_Ralf am Thursday, 09. February 2006, 23:25

    Wenn Meinungsfreiheit dazu verkommt, dass destruktive Ideologien unterschwellig in die Gesellschaft geschwemmt werden, dann kann ich es nur als gemeingefährlich bezeichnen. Dazu zähle ich mancherlei Meinungsbildung genauso wie die allgemeine Verrohung der Kultur, die sich mal in einer noch-so-flachen und primitiven Comedyshow oder eben in solchen, gleichartig taktlosen Karikaturen ausdrücken. Nichts geht über eine gute Satire (oder den Eulenspiegel), und der jüdische (Galgen-)Humor ist bestes Beispiel für lebendiges, ehrliches Leben mit Humor. Das sollten sich aber eben auch die Herren Muslime mal hinter die Ohren schreiben!
    Im Übrigen ist das (manchmal überreizte, manchmal "industriealisierte") Holocaust-Thema sehr brisant, zumal sich manch dümmliches Judengewitzel seit Jahrhunderten in Europa hält und gelegentlich auf tragische Weise entlädt. Da kannst du von mir denken was du willst, aber ich finde es beschämend, dass darüber noch debattiert wird, da geht es weniger um ein "Tabu".
    Beste Grüße aus der Lausitz

  2. Von Kurz und mündig am Friday, 10. February 2006, 02:40

    Wochenrückblick:
    Nach zähen Verhandlungen zwischen Geiselnehmern und Geiselgebern einigte man sich auf eine 40-Stunden-Woche für dänische Karikaturisten. +++ Aufgrund hoher Schnee- und Serverlast droht das Dach der "Jyllands-Posten" einzubrechen. +++ Das Renteneintrittsalter für iranische Ingenieure wurde auf 67 Jahre erhöht.



Empfehlung:
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