"Wieso willst Du eigentlich nicht wählen gehen?"
Norbert am Tuesday, 13. September 2005, 12:22
"Wieso willst Du eigentlich nicht wählen gehen?" Es wird das erste Mal sein, daß ich eine Wahl ausschlage. Ich gehe jedoch nicht einfach nicht wählen, ich wähle anders. Warum?
Unter politischen Gesichtspunkten bringt dies eigentlich dieser Spiegel-Artikel von Claus Christian Malzahn besser auf den Punkt, als ich es hätte tun können: Ich erwarte von der Parteienpolitik einfach nichts mehr. Warum sollte ich sie also damit legitimieren, meine Wahlkarte in eine Urne zu werfen?
Unter persönlichen Gesichtspunkten hat meine Nicht-Wahl bereits jetzt Erfolg. Ich darf mit Egon W. Kreutzer per eMail über den Sinn von "Wählen gehen" (seine Meinung) und "Anders Wählen" (meine Meinung) diskutieren, ich werde von anderen Seiten gefragt "Wieso willst Du eigentlich nicht wählen gehen?" und ich habe andere angeregt, über ihr eigenes Wahlverhalten nachzudenken. Was kann der Verzicht darauf, eines von 60 Millionen anonymen Kreuzchen zu sein, mehr bringen? In kleinem Rahmen ist es mir also gelungen, eine Diskussion anzuzetteln. Fein!
Politik soll das Leben der Menschen beeinflussen. Jeder Städteplaner beeinflußt das Leben von Menschen jedoch teilweise viel intensiver, als dies die (derzeitige) Parteienpolitik kann (wie beispielsweise dieses Interview in der Welt zeigt). Jeder Unternehmer, der Angestellte hat, beeinflußt deren Leben viel intensiver, als DerDieDasKanzlerIn in Berlin. Politik wird eben nicht nur durch Parteien gemacht, Einfluß nehmen oft ganz andere Institutionen und Handelnde. Sind Politiker oft nicht vielmehr als nur Im-Namen-des-Volkes-Abnicker von Ideen, die ganz woanders ausgeheckt wurden? (Spiegel: Erdgas: Russland und Deutschland unterzeichnen Pipeline-Abkommen)
Das heißt nicht, daß Parteienpolitik machtlos ist: "Hartz IV" & Co. zeigen, wie machtvoll "Großkonzernpolitik" sein kann. Doch genau da liegt der Knackpunkt: Wenn die große Politik sich eben (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr um die Menschen kümmern will, müssen die Leute die Sache eben selbst in die Hand nehmen. Muß eben die kleine Politik die Lücke füllen, die die Großkonzerpolitik reißt. Und kleine Politik wird eben grade nicht in Berlin gemacht.
Meine Entscheidung, meine Wahlbenachrichtungskarte zu Omnibus für Direkte Demokratie zu schicken ist somit meine Wahl für einen alternativen Weg zum Nicht- oder Ungültig-Wählen. Und doch gibt es Gründe, sich kommenden Sonntag für den "normalen Wahl-Weg" zu entscheiden...
Kommentare
Empfehlung:
Von 2nd_Ralf am Wednesday, 14. September 2005, 00:47
@Norbert:
Ich stimme den Argumenten von Herrn Kreutzer mit gutem Gewissen zu, wenngleich ich deine Meinung respektiere. Man kann wählen gehen und hat dann immernoch die Möglichkeit zum kreativen Handeln auf lokaler Ebene.