Psychische Systeme und Wirtschaftswachstum
Norbert am Freitag, 05. November 2004, 15:58
Menschen sind psychische Systeme. Das klingt hart, unmenschlich, aber es ist leider die Wahrheit. Die wenigstens sind sich darüber im Klaren, wie massiv sie von ihrer Umgebung beeinflußt werden. Menschen sind letztlich nichts weiter als das Ergebnis all ihrer Erfahrungen, die irgendwann auf sie eingeströmt sind (Alles Leben ist Kommunikation!). Die meisten Prozesse in diesen psychischen Systemen laufen automatisch ab. Und sie folgen simplen Regeln.
Eine dieser Regeln psychischer Systeme ist, daß das, was häufiger kommuniziert wird, sich ihnen eher einprägt. Diesen Prozess nennt man "Lernen". Wiederholung ist die Mutter der Weisheit. Das psychische System folgt da ganz simplen Bewertungsmechanismen: Es nimmt die Eindrücke der Vergangenheit und schließt auf ihrer Basis auf die Zukunft. Und wenn immer dieselben Signale zu einem Thema einströmen, werden diese Signale eben als unabänderlich, also als "wahr" angenommen. Auf diesem Wege orientiert sich ein psychisches System in einer komplexen Umwelt. Würde es ständig alle seine Regeln und "Wahrheiten" hinterfragen, käme es nicht mehr dazu, seine "eigentlichen" Tätigkeiten auszuführen.
Eines der immer wieder kommunizierten Muster in dieser Gesellschaft ist das Märchen von ewigem exponentiellen Wirtschaftswachstum. Seit Jahren wird dieses Wundermittel als das einzige angepriesen, was aus der Krise führt. Die verkürzte Kausalkette der psychischen Systeme, die diese These vertreten lautet: Mehr Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit brachte mehr Wohlstand und weniger Arbeitslosigkeit. Daraus wird die simple Ursache-Wirkungs-Kette gemacht: Nur Wirtschaftswachstum kann Arbeitslosigkeit als Problem lösen. Die Annahme, die Experten wüßten, wovon sie reden hat Wachstums-Gläubige in allen Branchen geschaffen. Auch und vor allem in den Medien. Und wenn Medienmacher mit diesem Dogma im Kopf Medien machen, so wird gegenüber der Masse an psychischen Systemen "da draußen" immer wieder dieses Dogma der Wirtschaftsreligion dahergebetet. So manifestiert es sich im globalen Denken der aus psychischen Systemen bestehenden Gesellschaft.
Psychische Systeme werden durch Wiederholungen geprägt.
Deshalb ist TV-Werbung so gefährlich.
Psychische Systeme mit Macht machen sich dieses Wissen zunutze, um ihre Machtposition aufrecht zu erhalten. Sie wissen beispielsweise: Diskutiere nie über diskussionswürdige Dinge, sondern setze sie einfach voraus, als wären sie völlig normal und längst beschlossene Sache. Zu beobachten an der derzeitigen Diskussion um die Abschaffung eines Feiertages zum Zwecke vermehrten Wirtschaftswachstums. Plaziere einen Vorschlag, den niemand annehmen wird: Den 3. Oktober, ein quasi heiliges Datum für Nationalstaatsfetischisten. Lenke die entstehende Debatte auf einen anderen Tag - Pfingsmontag - und vermeide somit eine Grundsatzdiskussion über die Scheißidee an sich. Welchen Feiertag wollen wir abschaffen, wenn wir alle Feiertage abgeschafft haben?
Wir psychischen Systeme sind Roboter, die erst noch Menschen werden wollen, indem sie verstehen, wie sie selbst funktionieren. Wir Roboter werden regiert von echten Vollidioten, das muß ich jetzt mal so sagen. Diese ganze deutsche Regierung ist genausowenig haltbar wie die ganze deutsche Opposition. Ein Haufen Irrer im Schlips? Schlimmer als ein Zoo...
Dabei ist die Wirtschaftswachstumsdebatte von der völlig falschen Seite aufgezogen! Es darf nicht die Frage gestellt werden, wie mittels mehr Wachstum die Arbeitslosigkeit verschwindet, sondern wieso es überhaupt Arbeitslosigkeit in diesem Maße gibt.
Dann stellt man nämlich fest:
Massenarbeitslosigkeit selbst hat keinen Grund/Sinn, sondern höchstens eine Ursache. Es steht also die Frage: Was ist die Ursache von Arbeitslosigkeit? An sich ist Arbeitslosigkeit sinnlos, denn: Wir Menschen wollen Wohlstand. Je mehr Menschen arbeiten, umso mehr Wohlstand gibt es, weil mehr helfende Hände mehr Wohlstand schaffen. Arbeitslosigkeit torpediert jedoch genau diese Zielstellung und wirkt damit dem Sinn des Wirtschaftens - Wohlstand! - entgegen.
Oder um das ganze mal auf das System Wirtschaft zu beziehen:
Zielfunktion eines Wirtschaftssystems sollte sein: Wohlstand der Menschen fördern. Wenn ein Wirtschaftssystem wie das heutige dies nur unzureichend erfüllt, indem es Potential verschwendet (Massenarbeitslosigkeit ist eine MEGA-Verschwendung), so ist das System nicht optimal. Oder um es mit Mutabor zu sagen: Das System ist der Tyrann, komm wir wechseln das Programm! "'tschuldigung, dürfen wir mal durch? Wir sind Wirtschaftsprogrammierer und sollen hier was reparieren..."
Massenarbeitslosigkeit ist sehr leicht zu beheben. Es müssen nur einige wenige Monopole fallen und schon verschwindet dieses Phänomen quasi von ganz alleine. Demnächs gibts ein Buch zum Thema, was das Ganze etwas detaillierter beleuchtet. Aber ob das "die da oben" kapieren, wo es doch so sehr gegen ihr seit Jahrzehnten gewachsenes Weltbild verstößt... Naja, eigentlich brauchen wir "die da oben" nicht. Wir brauchen nur eine kritische Masse psychischer Systeme, die Lust hat, mal was Neues auszuprobieren.
Kommentare
Empfehlung:
Von Andreas am Freitag, 05. November 2004, 16:40
Alles gut und richtig aber eine Antwort fehlt nun: Weshalb konntest Du dann überhaupt diese Zeilen verfassen????
Gruß
Von Thomas am Freitag, 05. November 2004, 17:19
Moin,
ist ziemlich gut beschrieben, wie erfolgreich die psychische Infiltration funktioniert.
Dazu psst gut die Formnulierung im Spiegel-Vote zum Thema:
Sparen statt Feiern
Sollte der Tag der deutschen Einheit wie geplant generell auf einen Sonntag verlegt werden, um die Wirtschaft anzukurbeln?
Allerdings ist zu bemerken, dass heute Mittag die Formulierung noch ganz anders lautete, als noch nicht feststand, wie es um den 03.10. steht, nämlich:
Soll der Tag der Deutschen Einheit oder ein anderer Feiertag gestrichen werden, um die Wirtschaft anzukurbeln.
Man ist schnell an die prima ja/nein Wahl bei Opel erinnert. Aber so wird geschickt impliziert, dass die Frage vernünftigerweise nur lauten kann, WELCHER Feiertag und nicht OB überhaupt einer.
Man fühlt sich jeden Tag an den Kampf gegen Windmühlen erinnert, weil der gemeine amüsiersüchtige Durchschnittsmensch nicht nur das alles gar nicht bemerkt, sondern es auch gar nicht wissen will, weil es unangenehm wäre, man müsste ja beginnen zu denken.
Von Stephan am Freitag, 05. November 2004, 17:38
Wiederholung ist die Mutter der Weisheit? Versteh ich nicht. Wer weise sein will, sucht nach Wissen. Das bedeuted aber nicht, daß die Summe alles Wissens Weisheit ist. (siehe Sokrates: Ich weiß, dass ich nichts weiß.") Einfach nur die Wiederholung (von was?) schafft natürlich keine Weisheit, sondern eher Realität bei denjenigen die man mit der WIEDERHOLUNG erreicht ;-). Das nennt man dann auch Massenpsychologie oder moderner: Public Perception Management (früher PR)
Gruß aus dem spießigen München
Stephan
Von Heiko am Freitag, 05. November 2004, 22:44
Ja Norbert, du triffst die Sache auf dem Kern. Dies erklärt auch das Wahlergebnis in den USA: Die Manipulation fand vor der Wahl statt. :-(
Von huscholz am Freitag, 05. November 2004, 23:24
Genau so ist es, nur sind das Vollidioten, die das mit Absicht und nicht aus Beschränkung machen.
Auf euer Buch bin ich gespannt. Mein Wahrsager bis dahin ist ökom verlag, Andreas Becker, Zukunftsfähige Politik, München 2004 (www.sbjum.de) Mein Kommentar auf meiner site heute, Eigenzitat Anf.:
Der Bund hat schon kräftig zugelangt. Aber nicht nur das. Die Neuverschuldung übersteigt wieder die legalen Grenzen. Da wird in höchster Not nach jedem Strohhalm gegriffen: Die wachstumsgläubige (irrgläubige) Regierung hat den Dreh gefunden, 0,1% Wachstum kann der zusätzliche Arbeitstag in höchstens 5 von 7 Jahren herauskitzeln.
Das ist zu kurz gesprungen, Herr Eichel. Da muss die eLeW ran. Versetzen wir uns in die Denkweise der Irrgläubigen: Ein Tag mehr macht 0,1%. Unter 2,5% Wachstum gibt es nie neue Arbeitsplätze. Also brauchen wir, lieber Herr Finanzminister, 25 zusätzliche Arbeitstage. Wegen der Optik ändern wir an den vorhandenen Feiertagen nichts. Dafür brauchen wir pro Woche nur einen halben Tag mehr heraus zu holen. Deshalb ändern wir das Ziffernblatt und erhöhen den Tag von 24 Stunden auf 26 Stunden. Das ergibt im Jahr sogar 30 Tage mehr und 3% Wachstum.
Was die Regierung sicher weiß aber nicht zugibt, wir sind schon ausgewachsen. Jeder zusätzliche Arbeitstag kann nur etwas bringen, wenn die zusätzlich produzierten Güter auch abgesetzt werden können. Dies ist jedoch beim kaputten Binnenmarkt nicht möglich, würde sogar zu noch mehr Preisverfall und weniger Steuern führen. Bei 5 bis 10 Millionen Arbeitslosen, je nachdem wie gezählt wird, brauchen wir Arbeitsplätze und nicht Arbeitstage. Eigenzitat Ende
Noch etwas, ein Effekt, den ich den Kapitalisten als zusätzliche Absicht unterstelle: Senkung des Masseneinkommens bedeutet in Relation Zunahme der eigenen Kaufkraft.
Alles Gute, Hans U. Scholz
Von Alexander Hartmann am Samstag, 06. November 2004, 09:45
Ein Beispiel für die Art der Manipulation, mit der Bush die Wahl in Ohio gewonnen hat: Die Republikaner haben in den ländlichen Regionen eine Riesenkampagne für eine Referendum gemacht, mit dem "Homo-Ehene" verboten werden sollten. Damit haben alle "little old ladies" und andere, die sich für gute Christen halten, zu den Wahlkabinen getrieben, wo die meisten dann auch schön brav ihre Stimme für die Präsidentschaftswahl abgegeben haben. Was die Repse den Wählern nicht verraten haben, ist, daß der Landtag erst im Frühjahr "Homo-Ehen" gesetzlich verboten hatte. Das ganze war also nur ein Ablenkungsmanöver, damit die Leute bei der Entscheidung über Bush oder Kerry nicht an die Wirtschaftslage oder den verlorenen Krieg im Irak denken.
Schlau gemacht, nicht wahr?
Von Achim am Sonntag, 07. November 2004, 02:17
Wenn die Regierung mehr Wachstum will, dann soll sie eben auf Planwirtschaft umstellen und Produktionsbefehle erteilen. Dann könnte man auch endlich mal die Bundeswehr zu etwas Nützlichem einstetzen: Überwachung und gewaltsame Durchsetzung der Superproduktion:
- Am Wochenende und nachts durcharbeiten
- Alle stillgelegten Steinkohleminen wieder in Betrieb nehmen, damit durch deren Verbrennung genug Strom erzeugt werden kann, alle Maschine überall pausenlos laufen zu lassen.
-Mehrfachstecker kostenlos an die Bevölkerung verteilen, damit alle Haushaltsgeräte gleichzeitig betrieben werden können
-das Kreditsystem umstellen: Wer Kredite aufnimmt und das Geld ausgibt, bekommt dafür Zinsen. Wer spart, muss Zinsen bezahlen
-alle Stauseen leerlaufen lassen, um kurzfristig noch mehr Strom zu erzeugen
usw.
Da würden Die Amis vor Neid erblassen, wenn wir 2005 auf diese Weise 57% Wachstum erreichen.
Von Gunter Mielke am Mittwoch, 02. November 2005, 12:10
also ich mein ja dazu das Frau Branstner stinkt und das den Wachstum hindert
Von Anomymus am Montag, 21. November 2005, 09:07
Grenzenloses Wachstum mit einseitigem Gewinnfluss ins Management und an die Aktionäre haben das heute benötigte Kapital schlichtweg verbraucht. Die selbst verschuldete Erschöpfung der hiesigen Märkte soll mit der „Globalisierung“ gerettet werden. Obwohl Schöngeredet, wird darunter jedoch nur die Ausbeutung der neuen Märkte, vormals Drittweltländer, verstanden.
Dass die Wirtschaft heute darbt, darf uns nicht verwundern. Die Konsumenten wurden verführt, gestern schon auszugeben, was sie noch nicht einmal heute imstande sind zu bezahlen, viele werden es auch morgen nicht sein. Ich will alles – und das sofort, so der Slogan der Marketinstrategen. Nur wurde dabei vergessen, dass die Gewinne eben auch schon gestern gemacht und verteilt wurden. Auch gerecht verteilt? Fliessen die Gewinne kanalisiert nur zu Wenigen, so sind es auch nur Wenige, die das Geld wieder in die Wirtschaft fliessen lassen, viel Geld, nur fliesst es in einen Markt, der für den Normalbürger unerreichbar ist, nämlich den Markt der Luxusartikel, der wiederum von den Superreichen dieser Welt beherrscht wird. Dieser Markt ist für die Weltwirtschaft eigentlich relativ unwichtig, da er nur die Bedürfnisse einer reichen Minderheit deckt und damit auch nicht der grosse Arbeitgeber ist. Die eigentlichen Säulen der Wirtschaft, nämlich die Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Wohnung, beginnen zu bröckeln und werden für den kleinen Mann immer mehr zum Existenzkampf. Die „Schlange Kapitalismus“ hat sich in den Schwanz gebissen und beginnt sich selber zu verdauen.
Und was für eine Rolle spielen wir? Wir sind, ohne es zu merken, die Leibeigenen der Konzerne und deren Nachahmer geworden, wir lassen uns unter Druck setzen, uns erniedrigen und einreden, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, für sie arbeiten zu dürfen. Dabei ist das Recht auf Arbeit gesetzlich in der Verfassung verankert. Und was darf man von den Politikern erwarten, die vielfach als Verwaltungsräte der Konzerne walten?
Von Bartuc am Montag, 20. November 2006, 11:01
Wiederholung ist die Mutter der Weißheit, es wär besser zu sagen "Mutter der Wahrheit" wie sagte schon ein Nazi mal "wenn man die Lüge oft ausspricht wird sie zur Wahrheit"
Zur Planwirtschaft: Man hat uns doch beigebracht das wir anpassungsfähige Menschen sind und so muss sich auch die Wirtschaft an uns anpassen, Produktionen auf 5Jahre zu Planen ist Stupide und hat der DDR dem Untergang geweit. Du kannst keine Mode auf 5Jahre Planen weil sie nach 3monaten wieder out ist. Die Preise werden auch auf 5Jahre geplant alles angepasst an die derzeitige Wirtschaftslage, klar wird die Administrative entspannt aber aufgrund ihre unangepasstheit ist die Planwirtschaft nur in wenigen Bereichen einsetzbar.
Von Bartuc am Montag, 20. November 2006, 11:11
:)
Das ist zwar nicht so witzig, eher traurig aber was haben Vorstandsmitglieder großer Konzerne in Bundestag zu suchen? Politiches engament sei jeden erlaubt aber dann sollten diese Politiker in Wirtschaftsfragen etwas weniger zu sagen haben.
ein kleine Beispiel was mich sehr verärgert hatte, Stadteignebetriebe werden verkauft, EON hat reges interesse an den Stadtwerken und wer darf mitbestimmen das Stadteigne Betriebe verkauft werden? EON weil EON irgendwie in Stadtrat gekomen ist. Und was Schreibt die Bild darüben? Seite1: Stadtwerke erhöhen Stromkosten, Seite8: Stadtwerke werden verkauft. Das sagt uns das der Otto Normalverbraucher der nur die Schlagzeile ließt natürlich von den obengenannten nichts weiß
Von Rico am Donnerstag, 08. Februar 2007, 16:00
Arbeitslosigkeit gehört zum System.
Selbst die Arbeitslosen gehören zum System und erfüllen einen Zweck, ... allerdings ohne Beamtenbesoldung sonder zum Hartz4 Tarif. Gäbe es keine Arbeitlosen und die sogenannte Unterschicht könnte Wirtschaft / Kapitalismus & Co nicht den Lebensstandard runterschrauben, da viele Arbeitnehmer das wohl versuchen würden zu boykotieren. Allerdings mit der Angst vor Arbeitslosigkeit und Unterschicht beugt sich auch deutscher Arbeitnehmer dem Druck. Und lässt mit sich machen! Gewinnspannen und Umsatzsteigerung wachsen zusehends +Stellenabbau.
Es ist wirklich bedauerlich aber Mensch und davon auch nur wenige können nur rückwirkend analysieren und "Rück"schlüsse erfassen.
Fakt ist, Volk hinkt der "inzenierten" kausalität hinterher und hat keinen Einfluss auf die Abläufe.
Geistige Elite und Autodidakten sind zu 90% nicht
*VOLK* sondern sitzen in der anderen, kontrollierenden Riege. ;)