Ein Denkmal für die unbekannte Finanzbeamtin

Norbert am Mittwoch, 20. Oktober 2004, 12:41

Jede Zeit hat ihre "Religion". Im Mittelalter waren es die Hexen, die Europa "infizierten". Die sind mir noch am sympatischsten. Im Ostblock waren es die Personen, um die kultische Rituale in Gang gebracht wurden. Da gab es dann Denkmäler für "Den unbekannten Soldaten". Mensch mags martialisch. Heute ist Geld der Gott, der angebetet wird. Zeit, seinen Anhängern ein Denkmal zu setzen. Denn jeder Vollidiot weiß, daß das die Liebe versaut...


Liebe unbekannte Finanzbeamtin. Ich wende mich an dich und nicht deinen männlichen Kollegen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, Frauen sind sensitiver. Männern hat man mit einem männlichen Weltbild aberzogen, auf ihre innere Stimme zu lauschen. Ich bin sicher, meine unbekannte Finanzbeamtin, du wirst mir zuhören. Vielleicht wirst du sogar versuchen, meine Worte an deine Kollegen weiterzuleiten. Erwarte nicht zu viel. Das spart Enttäuschungen.

Ich bin enttäuscht von dir, meine unbekannte Finanzbeamtin. Ich weiß, du tust nur deinen Job. Das machen wir doch alle, nicht wahr? Wir müssen. Wir müssen Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Um unseren eigenen Ansprüchen zu genügen und denen, die uns die Gesellen um uns in den Kopf gepflanzt haben. Dicke Autos. Fette Handys. 'ne Putzfrau. Nicht anders gehts ja dir, stimmts? Du brauchst auch Dinge zum Überleben. Essen. Wohnen. Leben. Das, was eben alle brauchen...

Bestimmt ist dir aufgefallen, liebe unbekannte Finanzbeamtin, daß deine Tätigkeiten, die Produkte deiner Arbeit, in der kurzen Liste, was wir Menschen so brauchen, nicht aufgetaucht sind. Und das ist mein Problem. Seit Wochen liegen hier die Unterlagen herum, die ich sortieren muß, damit mein Steuerberater sie dir oder deinen KollegInnen zukommen lassen kann, damit dein Arbeitgeber, Väterchen Staat, mir das abknöpfen kann, was er meint, daß ihm zusteht.

Als ich damals in dieses System geschubst wurde, sagte man mir, es sei frei. Freiheit ist relativ, das hab ich inzwischen verstanden. Im Osten durfte man nicht in den Westen fahren, im Westen darf man nicht einfach so für sich arbeiten, sondern muß immer auch den staatlichen Anteil abgeben. Ich tu das gern! Wenn ich weiß, daß es für Kindergärten, Unis, Umweltschutz und allerlei anderen nützlichen Kram ausgegeben wird. Aber derzeit wird das, was du und deine Kollegen mir abnehmen, für alles andere als Nützliches ausgegeben: Zinsen. Militär. Sinnlose Großprojekte. Bürokratie. Denn der Schwachsinn muß ja verwaltet werden!

Vielleicht verstehst du, warum diese Unterlagen bei mir wochenlang rumliegen. Mir fehlt die Motivation. Denn ich verstehe den Sinn nicht mehr. Warum soll ich Steuern zahlen in einem System, was dadurch weder zu retten, noch zu verbessern ist? Meine Steuern für ein System, was dem Zusammenbruch geweiht ist und wo mein Geld entweder von planlosen Verwaltern verpulvert oder für Projekte ausgegeben wird, zu denen ich nicht stehen kann. In meinem Namen!?
Zwingst du mich, liebe unbekannte Finanzbeamtin, zwingst du mich nicht dazu, Dinge gegen meinen Willen zu tun? Kann man das dann noch ein freies Land nennen...?

Ich weiß, du spürst es. Du spürst, wie sich das System, in dem du dir deinen Job gesucht hast, langsam aber sicher auflöst. Du weißt, daß ich Recht habe, wenn ich deinem Tun das Prädikat "sinnlos" gebe. Dein Job schafft anderen - mir! - Arbeit, für die ich nichtmal was erhalte, sondern sogar noch was abgeben muß: Nach dem zeitaufwendigen und ärgerlichen Sortieren knöpft dein Verein mir auch noch mein Verdientes ab und verwendet es für zweifelhafte Dinge. Neu geschaffen wird dadurch nichts. Bürokratie ist ihr eigener Zweck auf Kosten der schweigenden Untertanenschaft.

Dein Job wird sich in Wohlgefallen auflösen, liebe unbekannte Finanzbeamtin. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen. Aber demnächst. Aber hab keine Angst. Es wird andere Jobs geben. Sinn-haltigere, die auch dich mehr befriedigen werden. Du könntest mit Menschen zu tun haben, anstatt mit leblosem Papier. Du könntest Dinge bewegen, anstatt sie nur zu verwalten. Du könntest ein Leben haben, was nicht nur nach dem Job Freude macht, sondern auch währenddessen.

Aus meiner Sicht ist es soooo sinnlos! Ich soll Steuern in einem System zahlen, was sowieso kollabiert - das ist sehr leicht vorhersagbar. Ich soll dafür meine Zeit opfern und Papier sortieren - als hätte ich nichts Sinnvolleres mit meiner Zeit anzustellen?! Du stielst mir meine Zeit und damit mein Leben! Vermutlich hast du es so noch nie gesehen, deshalb möchte ich nicht nur dich persönlich dafür verantwortlich machen. Aber auch! Du gehörst zu denen, die die Regeln des menschenverachtenden politischen und wirtschaftlichen Systems definieren und aufrecht erhalten, die die Zeit der Menschen stehlen und sie seltsame Dinge tun lassen - wie den ganzen Tag mit der Produktion nutzloser Dinge zu verbringen oder die Verwaltung dieser Produktion zu organisieren. Wir stehlen uns gegenseitig die Zeit und wundern uns dann, wenn wir plötzlich dem Tod ins Auge blicken und uns fragen, was haben wir eigentlich die ganze Zeit auf diesem Planeten getrieben? Und vor allem - viel zu selten miteinander...

Aber vielleicht war dein Aufenthalt in diesem Universum ja trotzdem zu etwas nützlich. Du hast uns gelehrt, wie wir es nicht machen sollten. Wenn die Gemeinschaft Steuern von ihren Individuen erhebt, so sollte sie das auf eine raffiniertere Art machen, als bei jedem Einzelnen anzusetzen und dadurch einen riesigen, die Sinnlosigkeit verwaltenden Apparat aufzubauen. Wir könnten unsere ganzen Steuern anstatt sie direkt bei den "Steuerpflichtigen" einzutreiben, durch indirekte Ressourcen- und Energiesteuern ersetzen. Da in jedem Produkt Energie und Ressourcen enthalten sind, würde die Besteuerung dieser Grundelemente der Produktion sich auf alle daraus hergestellten Produkte "übertragen". Jeder Konsument würde beim Einkauf die Steuern in den Preisen mitbezahlen und die Händler würden sie durch ihren Einkauf beim Produzenten "nach hinten" weiterreichen und die Steuereintreiber müßten nur noch auf der untersten Ebene - eben bei den Ressourcen- und Energieproduzenten - kassieren und die ganze Zettelwirtschaft, die ganze Bürokratie wäre überflüssig. Zugleich würden all die Produkte relativ teurer werden, die verschwenderisch mit Ressourcen und Energien umgehen, wodurch die ganze Wirtschaft auf Sparsamkeit optimiert. Dem Paradies einen Schritt näher...
Die einfachsten Ideen sind manchmal die wirkungsvollsten. Und ausgefeilte Konzepte liegen dazu schon seit langem in der Schublade. Und auch wenn du Angst davor hast, deinen Job zu verlieren, diese Angst wird dich nicht davor bewahren, dich den kommenden Änderungen zu stellen. Freu dich! Wenigstens für dich gibt es bereits ein Denkmal, vergessen werden wir dich nicht.

Peak Oil


Kommentare

  1. Von mic am Mittwoch, 20. Oktober 2004, 16:09

    wieder einmal: "respekt" und: "zustimmung"

  2. Von Merowech am Mittwoch, 20. Oktober 2004, 23:33

    So einen Mann wie Norbert gibt's wohl nicht beim Finanzamt? Der fängt da gar nicht erst an? Oder?

    Ach Norbert, dein Text geht mir wieder richtig unter die Haut.

  3. Von Gigi am Dienstag, 09. November 2004, 11:49

    Erinnert mich ein Bißchen an die Message von Michael Endes "Momo".



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