Sprachkritik für WiWis

Tobias am Wednesday, 06. October 2004, 09:23

oder: Der Unterschied zwischen Kosten und entgangenen Gewinnen

Entgangene Gewinne sind keine „Kosten“, sondern eben nur entgangene Gewinne. Warum wohl gibt es in der deutschen Sprache diese Wortverbindung? Handelt es sich um eine verbale „Ineffizienz“? Dann müssten die Ökonomen mit der Sprache als Ganze auf Kriegsfuß stehen. Jene „leistet“ sich so manche überflüssige(?) Bedeutungsnuance. Und manche Bedeutungsnuance erweist sich sogar als störender Sinnunterschied. Wo bitte ist denn da der Unterschied? Eben! Der Unterschied ist etwa so groß wie der zwischen „Kosten“ und „entgangenen Gewinnen“ — wahrscheinlich nur für „GeiWis“ wahrnehmbar.
Allem Anschein nach sehen die Ökonomen in der Sprache ein „suboptimales“ Kommunikationsmittel; ein binäres Lautsystem wäre für ihre Zwecke viel besser geeignet. Zugegeben, jede Wissenschaft hat ihre Unarten — auch die Geisteswissenschaften. Aber die (heutigen) Wirtschaftswissenschaften haben nicht nur, sondern bestehen aus (und: in) Unarten. Der Missbrauch der Sprache und die Erziehung zum falschen Denken (der Glaube an eine „natürliche“ Arbeitslosigkeit u.ä.) sind nicht die Fehler unserer Ökonomie, sondern ihre Substanz.

Denkseiten im Netz:
Mauthner-Gesellschaft.de | Aphorismania.de | philoSOPHIA e.V.

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Kommentare

  1. Von Christian am Wednesday, 06. October 2004, 11:39

    Hallo Tobias!

    Nachdem ich mich in letzter Zeit verstärkt mit klassischer, neoklassischer und "keynesianischer" Wirtschaftslehre beschäftige, fällt mir immer deutlicher auf, wie sehr die WiWis an ihren Begriffen hängen, obwohl es sich eigentlich nur um neue Begriffe für primitivste mathematische Zusammenhänge handelt.

    Du hast also recht. Die WiWis bräuchten eine vernünftige Ausbildung in Sprachkritik, weil sie konstant Sprache verdrehen und Gegensätze "verbal integrieren" (vgl. Prof. Dörner, "Die Logik des Mißlingens) oder auch kurz: sprachlich zusammenschmieren.

  2. Von Tobias am Wednesday, 06. October 2004, 14:00

    Hallo Christian,

    angesichts des gerade im Wirtschaftsbereich üblichen Zynismus habe ich immer häufiger den Eindruck, nicht recht zu hören. Ich zweifle dann immer: Satire? oder Realsatire? Letzteres scheint zu überwiegen. Wenn sich das Denken an spezifischen Begriffen festmacht, dann freut mich das insofern, als dass sich die entsprechenden Textstellen umso besser, d.h. kürzer zitieren lassen. Was z.B. versteht die aktuelle Volkswirtschaft unter'Bedarf'?

    'Logik des Mißlingens' klingt interessant. Ich habe mir mal die Kurzbeschreibungen bei Amazon angeschaut. Das ist ein sehr altes Thema, womit sich da Herr Dörner beschäftigt hat.


  3. Von Diethard am Thursday, 11. November 2004, 10:20

    Hallo Tobial,
    Deine Analyse des "Sprachmissbrauches" kann ich nachvollziehen, aber ich glaube, das ist ein Problem aller Fachsprachen.
    Bei den Ökonomen kommt nun leider hinzu, dass diese glauben "die Welt zu beherrschen". Die gilt, sei sich die Schüler der Wissenschaftler wie Karl Marx und Adam Smith von der Philosophie entfernt haben und der Ökonomie eine "Naturwissenschaftliche" Prägung gegeben haben. So wird versucht mit Hilfe von Mathematischen Modellen die Welt zu beschreiben und stellt dann fest, das das Modell nicht tragfähig ist. Darauf hin wird dem Modell noch ein Parameter hinzugefügt und die Wirklichkeit reagiert anders usw.
    Wenn sich nun die Ökonomie entscheiden könnte, von den Systemikern zu lernen, währen die Modelle Realitätsnäher. Bei den Methoden der Systemiker entsteht aber das Problem, dass bei den Modellrechnungen zu viele Ergebnisse entstehen und die "Entscheider" nicht genau wissen, welches wirklich eintreffen wird. Also vertraut man lieber auf die Methoden, die zwar nie ganz richtig sind, aber wenigsten nur ein Ergebnis bringen.

  4. Von Tobias am Sunday, 21. November 2004, 14:50

    Hallo Diethard,

    ich habe mal davon gehört, dass es den Ökonomen egal ist, ob ihre Modelle der Wirklichkeit entsprechen. Sie kümmern sich angeblich nicht um ihre theoretischen Annahmen. Hauptsache ihre Denkmodelle liefern nach Einsetzen bestimmter Werte "brauchbare" Ergebnisse. (Solange die black box arbeitet, fragt keiner nach dem Wie.)



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