Zeit
Norbert am Montag, 06. September 2004, 17:13
6 Uhr ist Zapfenstreich. Alle Mann raustreten zum Arbeiten! Und die Frauen auch! 24 Stunden hat unser Tag, so sagt man, und zerhackt in ganz kleine Teilchen kann einem richtig schwindlig werden, wenn man dem Sekundenzeiger zuschaut, wie er auf das Ende deines Lebens zurast.
Zeit.
"Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich" scheißt der eine klug, "Zeit ist Geld" der andere. Aber was zum Geier ist eigentlich Zeit? Anfassen kann man sie nicht, riechen tut sie kaum, sehen kann ich sie auch nirgends. Was ist Zeit?
Die Gläubiger des herrschenden Weltbildes zeigen natürlich auf ihre Uhr, die sie brav am Arm oder in Form eines Handys in der Hosentasche tragen und meinen: "Da!" Sie übersehen, daß eine mechanische Uhr eben genau so gebaut ist, daß die Zeiger regelmäßig weiterhoppeln. Und eine digitale Uhr ist von Menschen eben so programmiert, daß sich die Werte ändern. Uhren zeigen also etwas an, was sich der Mensch ausgedacht hat? Gibt es Zeit nun oder glauben wir nur, daß es etwas gibt, was wir Zeit nennen? Oder sind wir alle verrückt und bilden uns etwas ein? Ich meine, das wär ja nicht das erste Mal, wir haben uns auch mal eingebildet, die Erde sei eine Scheibe. Oder der Mensch würde nie fliegen können.
Gibt es Zeit auch, wenn es keine Uhren gibt? Wenn Zeit nur ein Geistes-Konstrukt ist, was wir umgesetzt haben, indem wir Uhren bauten, könnten wir dann auch etwas langsamer durchs Leben hecheln? Es ist zuletzt so stressig bei einigen...
Raum. Raum ist ein wichtiges Thema für Zeit. Beispielsweise ist die menschliche Zeitwahrnehmung ganz eng an Sonnenauf- und untergänge gekoppelt. Wir bezeichnen die Dauer von einem Sonnenaufgang zum nächsten als "1 Tag". Jedoch: Die Änderung der Lichteinstrahlung durch die Sonne kommt nicht durch die Verknüpfung mit der Zeit, sondern durch den Raum zustande. Denn die Erde dreht sich im Raum um ihre eigene Achse, wodurch andere Stellen auf dem Planeten beleuchtet werden. Durch diese räumliche Bewegung gibt es überhaupt erst Tage und Nächte auf der Erde. Würde die Drehung entfallen, dann gäbe es so etwas wie "Tag" gar nicht, sondern es wäre hell oder dunkel - aber wäre es auch "später"?
Oder das Jahr: Es existiert nur, weil die Erde sich im Raum bewegt - nämlich um die Sonne. Den Weg, den die Erde bei einer Umdrehung um die Sonne zurücklegt, den nennen wir "1 Jahr". Zeit hängt also eng mit dem Raum zusammen, ohne Veränderungen im Raum gäbe es unseren Zeitbegriff gar nicht. Zeit alleine ist also Blödsinn, wenn schon, dann Raumzeit. Hab ich doch gesagt, es gibt in diesem Spiel keine Zeit und keinen Raum...
Irgendwie hat das ja auch Einstein gesagt. Wie genau, das weiß zwar kaum jemand auf diesem Planeten, aber daß er es gesagt hat, das weiß man. Nur nimmt man es nicht so richtig für voll, man hinterfragt nicht, welche Konsequenzen solch eine Weltbild-Änderung in anderen Bereichen nach sich zöge. Zum Beispiel in den sozialen Bereichen. Wenn Zeit abhängig vom Ort ist, so kann überall eine ganz andere Zeit herrschen. Warum legen wir aber ein einziges Zeitmodell darüber, indem die Uhren überall gleichgeschaltet sind? Warum wird grade die kapitalistische Logik, den Tag morgends arbeitend zu beginnen und abends erschöpft zu beenden, auf den ganzen Planeten ausgedehnt? Ist Zeit letztlich doch Geld und mit der Abschaffung des Geldes schafft man dann unseren hektischen Zeitbegriff zugleich ab? Vielleicht wärs ja mal einen Versuch wert?
Zeit. Zeit beinhaltet ja auch immer die Denkkategorien "gestern" und "morgen", also Vergangenheit und Zukunft. Doch welche Rolle spielen diese Begriffe im menschlichen Dasein? Eigentlich stören sie dort nur! Es gibt Menschen, die denken den ganzen Tag nur über die Vergangenheit nach, wie schrecklich es war, oder wie schön es doch gewesen sei und was man doch hätte anders machen können. Und über der ganzen Nachdenkerei vergessen sie, daß sie - wie Brad Pitt das in "12 Monkeys" so wunderbar erklärt - ja nicht mehr machen können, daß es wieder gestern wird. Jedenfalls nicht nach unserem aktuellen Zeitverständnis! Die Vergangenheit ist vorbei, man kann daraus lernen, sicher, aber man kann sie nicht wieder herstellen. Man kann auch die Gegenwart nach bereits vergangenen Ideen gestalten, aber daß es wieder gestern wird, das geht nicht. Deshalb macht ein Vergangenheits-Konzept aus menschlicher Sicht nur Sinn, wenn man es als Erfahrungspool von Dingen betrachtet, die nacheinander geschehen sind und über das Ursache-Wirkungs-Netz miteinander zusammenhängen (denn alles was passiert hat eine Ursache, welche wiederum ihre Ursachen hat, die ebenfalls... usw. usf.)
Mit der Zukunft sieht das ähnlich aus: Das, was wir unter Zukunft verstehen, wird sich durch Ursache-Wirkungs-Ketten ergeben. Aber sobald die Zukunft erreicht ist, wird sie zur Gegenwart - und in dieser lebt der Mensch. Man kann nicht in der Zukunft leben, denn sobald man sie lebt, ist sie Gegenwart. Also muß man sich, wenn es ums Leben geht, schon auf die Gegenwart konzentrieren. In Gedanken immer nur an dem zu hängen, was kommen könnte (weil dazwischenkommen kann auch immer noch was, was man nicht beachtet hat!), dann rast man durch "die Zeit" und ist schneller tot als nötig. Weil man das ganze Leben, die ganze Gegenwart verpaßt hat. Man hat sie nicht bewußt wahrgenommen, nur der Roboter hat einen "durch die Zeit" gesteuert. Wenn es also die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt, da sie nicht mehr änderbar ist und die Zukunft keine Rolle mehr spielt, weil sie ja noch gar nicht da ist, so gibt es nur die Gegenwart. Oder um das Wort zum Sonntag zu beenden: Denken wir mal drüber nach... (Was genau "messen" nun eigentlich unsere Uhren, wo wir das, was sie angeblich erst messen, zuvor schon eingebaut haben - nämlich den Algorithmus zu ihrer Statusänderung?)
Oh, die heutige Erdumdrehung wird Montag genannt, weil sie 7 Erdumdrehungen nach dem letzten Montag kam, wieso der Montag grade montags stattfindet konnte mir noch niemand erklären. Scheint reine Willkür gewesen zu sein. Aber montags sind doch neuerdings immer Montagsdemos und ich muß noch einkaufen... Weil kurz nachdem die Sonne nicht mehr zu sehen ist, weil sie sich von mir aus gesehen hinter dem Planeten befindet, auf dem wir um sie kreisen, lassen mich die Geschäfte bald nicht mehr Papierschnipsel gegen leckeres Essen tauschen. Und jeder, der sich solche Deals entgehenläßt, der muß hungrig ins Bett...
Kommentare
Empfehlung:
Von Thomas K. am Dienstag, 07. September 2004, 15:04
"Messen" ist meines Wissens immer "mit einem Maßstab vergleichen". Deswegen brauchen wir um Gütern einen Wert beizumessen den Maßstab Preisniveau und die Einheit Tauschmittel. Wir messen eigentlich gar nicht den Wert, sondern die Knappheit und nennen das Wert. Genauso benutzen wir Jahreszeiten, Sonnenaufgänge, Pendelausschläge, Quarzschwinungen, Prozesse auf atomarer Ebene umd andere zyklisch wiederkehrende Ereignisse, um den Zwischenraum zwischen den Ereignissen "Zeit" nennen zu können. "Gemessen" wird durch primitives Zählen der Ereignisse. Unser Zeitverständnis beruht also darauf, dass die Kausalketten zwischen Ereignissen in eine Ordnung gebracht werden können.
Von Thomas K. am Dienstag, 07. September 2004, 15:16
Nachtrag: Zeit ist also nach dem gängigen Weltbild die geordnete Veränderung der Materie/Energie im Raum!*
* Zeit ist damit keineswegs eine verkrüppelte Raumdimension - dies ist nur ein Konstrukt, mit welchem Physiker die Zeit "begreifen" - sondern ein innerhalb(!) des Raumes auftretendes Phänomen Phänomen möchte ich betonen, da ich nicht glaube, dass es einen Taktgeber Zeit als originäre Größe gibt, sondern lediglich geordnete bzw. kausale Prozesse.
Von Norbert am Dienstag, 07. September 2004, 18:05
Interessante Ergänzungen, Thomas, vor allem "Unser Zeitverständnis beruht also darauf, dass die Kausalketten zwischen Ereignissen in eine Ordnung gebracht werden können."
Interessanterweise - lang leben die Synchronizitäten - hat auch Missy grade etwas zum Thema Zeit geschrieben und liefert Gedanken zur Konsequenz aus einem neuen Zeitverständnis. Man versteht mit einem neuen Zeitbegriff aus meiner Sicht nämlich den Sinn des Lebens besser bzw. kann Werkzeuge daraus ableiten, diesen Sinn zu leben: Glücksrezepte...
Von Andrej Schoeke am Dienstag, 07. September 2004, 18:58
Wenn man Menschen einsperrt und sie im Dämmerlicht leben lässt, so verschiebt sich ihr Tagesrythmus. Er wird länger. Man lebtin einer Welt, in der der "Tag" 48h hat. Nichts desto trotz hält man den gleichen Tagesrhythmus ein, bloss verlängert man die Tätigkeiten um das doppelte.
Die Befragten sagten aber, dass sie nach wie vor einen gleichen 24h Tag erlebt hätten. Für mich war das während meiner "Schlafstudien" besonders interessant. Unser Schlafbedürfnis generiert sich nur aus dem was wir (bewusst) wahrnehmen.
Es gibt das (subjektive) Zeitempfinden, das aber keineswegs Zeit selber ist. So kann Zeit schnell oder langsam vergehen. Sekunden können sich zu Stunden ausdehnen, ein Jahr in sekundenschnelle vergehen. Ist es nicht so, dass was wir als Zeitempfinden auch wieder nur ein Konstrukt ist?
Von Thomas K. am Mittwoch, 08. September 2004, 00:09
Hi Andrej!
Interpretier ich Dich richtig, dass Du schon Schlafstudien an Dir selbst durchgeführt hast? Wenn ja, würde es mich freuen, wenn Du noch ein wenig darüber berichten könntest - vielleicht in Deinem Blog oder auch hier. Ich bin nämlich auch gerade am rumexperimentieren.
Dass sich unser Schlafbedürfnis aus unserem bewussten Erleben generiert, macht neurobiologisch Sinn. Im Schlaf wird - sofern ich noch up to date bin - das Langzeitgedächtnis beschrieben, d.h. Hypothalamus schreibt auf Großhirnrinde. Ich glaube neuere Forschungen deuten darauf hin, dass alte Informationen im Zwischenspeicher über Neuronenneubildung gelöscht werden. Wenn viel Information aufgenommen wird (Bewusstsein bzw. Fokussierung und emotionale Attribuierung steigern bekanntlich die Informationsaufnahme) muss auch viel Information aus dem Zwischenspeicher gerettet und sinnvoll in die alten Strukturen eingefügt werden. Kein Wunder, dass ich nicht mit 6 Stunden Schlaf, wie so manch anderer, auskomme und kein Wunder, dass jüngere Menschen mehr schlafen.
Liebe Grüße, Thomas
PS: Das Zeitempfinden ist mit 100%iger Sicherheit ein Konstrukt. Es ist ja eine Wahrnehmung und alles das wir (für) wahr-nehmen, ist ein Modell für ein entsprechendes Reizmuster. Die meiner Meinung nach wichtigere Frage lautet: Wozu dient das Zeitempfinden? Wie hat es sich entwickelt? Bei meinen eigenen Schlaftests habe ich herausgefunden, dass teilweise schon die willentliche Festlegung auf einen Urzeitrythmus, die innere Uhr auf die Minute genau(!) stellt - die Gewohnheit ist dennoch nicht einfach zu besiegen.
Von Daniel Rotzinger am Mittwoch, 08. September 2004, 05:10
Huhn oder Ei? Gleichzeitig? Ewig zeitlos?
Johannes 1
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott.
3 Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist.
4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt.
6
Von Daniel Rotzinger am Mittwoch, 08. September 2004, 05:15
Entschuldigt bitte meinen Schwachsinn. Hatte einen frustrierenden Tag bei meinen Eltern verbracht und die ganze Nacht durchgezecht. Ein paar Joints hätten mir besser geholfen; zusätzlich meine ich....
Von Andrej Schoeke am Mittwoch, 08. September 2004, 13:17
Hmm, ja, ich hab das mal vo ein paar Jahren in den Sommerferein getestet. Aber ich weiß nicht, inwiefern das noch verwertbar ist. Ich habe keine Doku gemacht.
Andererseits habe ich jetzt genug Zeit und könnte da nochmal einige Sachen wiederholden bzw. machen, die ich damals nicht geschafft habe.
Was interessiert dich denn besonders? Gerne auch per Mail.
Von Daniel Rotzinger am Mittwoch, 08. September 2004, 17:01
An Andrej Schoeke zu deiner Frage:
Was interessiert dich denn besonders? Wen meinst Du mit dich? Hilf uns bitte weiter!
Von Ragman am Mittwoch, 08. September 2004, 21:16
Zeit ist nur ein menschliches Konstrukt, dessen Bedeutung sinkt, je mehr davon vergeht, ganz so als löse sich die Zeit mit dem expandierenden Universum auf, würde dünner und durchlässiger werden, je näher das Ende der Zeit rückt. Und man ist dem Ende der Zeit nie so nahe wie in dem Moment, da man darüber nachdenkt.
Von Andrej Schoeke am Mittwoch, 08. September 2004, 23:53
An alle die Interesse am Thema haben. Eventuell habe ich dann direkt noch Infos oder ich mach das als eine Art "Projekt" auf meiner HP.
Gruss
Andrej
Von Missy am Samstag, 11. September 2004, 12:00
Yay Norbert,
deine Gedanken zur Zeit sind mehr als faszinierend für mich....muss ich erstmal sacken lassen, am besten mit ein paar Joints *g* , die machen einen immer so schön zeitlos irgendwie ;-)
Ein schönes WE wünscht dir,
Missy
Von Thomas am Donnerstag, 17. Februar 2005, 18:49
warum steht hir nicht wann und wo die Montagsdemos angefangen sind.- Früher gab es doch auch welche. wann waren sie denn -Jahre???????