Über Patriotismus und Job-Verlagerung ins Ausland
Norbert am Dienstag, 23. März 2004, 16:29
Es ist Krieg in der Welt. Und der größte Kriegstreiber ist die Dummheit. Die sorgt dafür, daß in Deutschtümeland derzeit darüber diskutiert wird, ob es "unpatriotisch" ist, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, wie es der Chef des "Deutschen Industrie- und Handelskammertages" empfohlen hat. Der Spiegel hat dazu z.B. eine Meinung.
An dieser Diskussion zeigt sich wunderbar, wie die "Weltverschwörung der Dummheit" dafür sorgt, die eigentlichen Probleme aus den Augen zu verlieren und sich um Scheingefechte zu kümmern. "Patriotismus" ist ein Wort, was vor wenigen Monaten in Deutschland noch nichtmal in den Mund genommen worden wäre, doch auch hier findet eine schleichende Amerikanisierung statt - in den USA ist das Wort ein Ersatz für "Nationalismus" und nach dem Export nach Europa kann es auch hier benutzt werden. Vorteil: In Deutschland nationalistische Ideen zu haben kann als "geschichtlich problematisch" gewertet werden, weshalb man der gleichen Sache einen neuen Begriff gibt: Patriotismus. Daß das funktioniert hat schon George Orwell in 1984 gezeigt (Stichwort: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei).
Nun diskutiert die "politische Elite" also darüber, ob es patriotisch ist, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern oder ob es verboten gehört, überhaupt "patriotisch" zu argumentieren. Idiotisch!
Warum? Weil die Antwort nicht im Patriot/National-ismus sondern in der Wirtschaftstheorie zu finden ist. Wenn Arbeitsplätze von einem Land oder einer Region in eine andere Region "verlagert" werden, so bleibt logischerweise weniger Kaufkraft durch wegfallende Löhne in der "alten" Region. Zwar sparen die Unternehmen, indem sie den "Produktionsfaktor Arbeit" billiger einkaufen können, aber sie graben sich zugleich ehemals profitable Märkte ab. Bleibt die derzeitige Tendenz erhalten, so werden sich die Firmen umschauen: Es ist schlicht nicht möglich, Produkte zu "deutschen Preisen" abzusetzen, wenn die Arbeitskräfte, die gleichzeitig die Kunden sind, sich auf "polnische Löhne" zubewegen. Mit den Löhnen fällt also auch der erzielbare Preis der Güter - und damit die Unternehmensgewinne.
Kurzfristig macht es somit aus Unternehmenssicht Sinn, weil in erster Linie die Kosteneinsparung als Ziel steht. Langfristig ist dies aber ein sinnloses Unterfangen, weil man sich seine eigenen Märkte kaputtmacht.
Was können wir schlußfolgern? Konzernführer, die Arbeitsplätze aus Kostengründen verlagern sind kurzfristig denkende Manager. Kurzfristiges Management ist aber idiotisches Management, so daß solche Leute eigentlich für den Job nicht geeignet sind. Politiker, die sich auf eine Patriotismus-Debatte einlassen, ohne die wirtschaftlichen Hintergründe zu betrachten, lenken vom eigentlichen Thema ab und sind damit als Politiker unfähig. Medien, die sich an dieser überflüssigen Debatte beteiligen machen sich wiedermal zum willigen Werkzeug einer Nicht-Problemlösung und kommen somit ihrem Auftrag auch nicht nach. Man könnte also sagen, im Grunde kann die ganze Besetzung ausgetauscht werden. Schlimmer kanns ja kaum noch kommen....
Kommentare
Empfehlung:
Von Karl Rapp am Dienstag, 23. März 2004, 17:29
Im Chaos gelten keine Gesetze mehr. Das höherwertige unterliegt der Masse.
Was wollen wir eigentlich? Wurde diese Regierung gewählt oder nicht?
Na also, "gebt uns 4 Jahre Zeit".....
Der deutsche Michel kann nicht einmal mehr urteilen, er ist bereits vollständig paralysiert.
Und außerdem, wo sind die Alternativen.... ich habe die REP´s gewählt.
Von Norbert am Dienstag, 23. März 2004, 18:17
Lieber Karl, du scheinst - wenn ich das mal so sagen darf - wohl auch eher zu den naiven Naturen zu gehören ;-)
Network Marketing? Hört sich zwar schön an, was die "wissenschaftliche Sicht" da predigt, vor allem, es sei "nur ein hierarchisches Pyramidensystem" so wie viele andere Hierarchien. Aber wozu sich künstlich in Hierarchien begeben, bei denen klar ist, daß immer die gewinnen, die oben sitzen? Jedes exponentiell wachsende System (zu dem Pyramidensysteme/MLM gehören) gelangt irgendwann an seine Wachstumsgrenze, wo dann keine neuen Teilnehmer mehr zu finden sind. Und dann wars das mit der "Rente". MLM ist letztendlich Betrug am Nachbarn, auch wenn die Systeme "legal" sind. Aber legal ist auch die Dummheit der Regierenden.
Legal ist auch die Dummheit der REPublikaner, die dazu noch mit perfiden Methoden arbeiten und das System auch nicht durchschaut haben, sondern nur nach Sündenböcken suchen? Warum sollte sich etwas verbessern wenn man den Sauhaufen wählt? Nee danke. Selberdenken macht schlau!
Von am Mittwoch, 24. März 2004, 14:58
Das Problem ist das es durchaus intelligent für manager ist Arbeitsplätze zu verlagern. Auch wenn Siemens 10.000 Mann hier feuert, das Preisniveau wird sich praktisch nicht ändern. Und wenn sie es sein lassen wird die Beschäftigung hier auch nicht besser.
Anders gesagt: Für einzelne Unternehmen lohnt es sich immer zu verlagern. Wenn alle es tun, kriegen alle Probleme damit - aber weil die Gruppe der Unternehmer zu groß ist, lohnt es sich nicht sich patriotisch zu verhalten.
Um das Problem zu lösen müssen die Unternehmer sich als koperierende Gruppe verhalten. Also müssen sie:
a) Sich zusammenschließen und entscheiden, keine Leute zu feuern. Ich glaube nicht dass dies passieren wird.
b) Vom Staat gezwungen werden.
Wenn nicht, wird sich das Problem in ca. 20 Jahren meiner Meinung nahc von selber lösen, da die Lohne in China, Osteuropa etc. mehr steigen werden als hier.
Die Schlußfolgerung finde ich übrigens sher schlecht geschrieben, da der Autor anscheinend die Hintergründe auch nicht ganz versteht.
Von Bischoff am Mittwoch, 24. März 2004, 16:46
na moment. das was der spiegel schreibt ist doch garnicht mal so unobjektiv! das der spiegel hierbei offensichtlich als beispiel genommen wird, haett ich mal ein gern ein kommentarloses beispiel, indem der spiegel gegen die informelle pflicht die ihm obliegt, verstoeßt!
Von Norbert am Mittwoch, 24. März 2004, 17:48
@Bischoff: Ich meine nicht, der Spiegel sei "unobjektiv". Ich meine nur, er hört auf halber Stelle mit dem Denken auf. Ich finde es Verschwendung in eine Patriotismus-Diskussion einzustimmen, wenn diese von den eigentlichen Problemen ablenkt - nämlich von den wirtschaftlichen Hintergründen. Die Diskussion um die Job-Verlagerung ist nur ein Teilaspekt des großen Problems: Nämlich daß unser Wirtschaftssystem OFFENSICHTLICH nicht funktioniert. Es ist kaputt und die Job-Verlagerung ist eine Reaktion auf diese Fehlerhaftigkeit. Dies NICHT zu sehen ist, was ich dem Spiegel ebenso vorwerfe wie der GESAMTEN politischen Schicht (auch wenn ich hoffe, daß sich beide ändern werden).
@Dominik: Die Schlußfolgerung ist polemisch. Damit unterscheidet sie sich kaum von den Dingen, die DIHK und BDI von sich geben - nur daß diese es unter dem Deckmantel des "Expertentums" tun - und mit ebensolcher Zielstellung wie ich es tue. Sie wollen Rendite, ich will darauf aufmerksam machen, daß unser Wirtschaftssystem behebbare Fehler enthält. Sich einer solchen Betrachtung NICHT zu stellen und sie VÖLLIG auszublenden ist, was ich Medien, Politik und Wirtschaft vorwerfe und damit zu dem Schluß komme: Alle sind für ihre bisherigen Jobs ungeeignet, da sie der Verantwortung, die sie haben, die Menschen zu führen, zu informieren und das Beste für die Gesellschaft rauszuholen, nicht gerecht werden.
Ich verstehe schon die Hintergründe, WARUM die Jobs verlagert werden, aber ich geh einen Schritt weiter und zweifle die Grundlagen der Hintergründe an. Wo passiert das in der Politik?
Von Frank am Donnerstag, 25. März 2004, 13:54
@Dominik: Zustimmung.
Optimaler Kapitalismus erfordert vollkommen transparente Märkte. Die gibt es nicht; es gibt sie am ehesten für Konzerne, die die Mittel haben, Informationssysteme aufzubauen und umfassende Informationen einzukaufen. Der Kunde hat keine Chance, auch wenn ihm etwas anderes erzählt wird.
Demokratie erfordert ebenfalls Transparenz und Offenheit der öffentlichen Entscheidungsfindung, Entscheidungswege. Haben wir die? Nein. Entscheidungen werden in geheimen Gremien, Expertenrunden aus ungewählten Mitgliedern und von ungewählten Funktionären, Angestellten, Beamten getroffen. Gewählte Vertreter dürfen maximal schöne Reden halten und ihr Kreuzchen unter von Lobbyisten ausgehandelte Kompromisse setzen. Deswegen haben wir auch keine Demokratie, unsere Kreuzchen hin oder her.
Weil diese Transparenzen fehlen, fehlt Sicherheit, langfristige Entscheidungen sind nicht möglich. Es muss kurzfristig agiert werden: Unternehmer haben keine andere Wahl, als für den Moment optimal zu handeln, und dies bedeutet oft Verlagerung ins Ausland, auch wenn dies langfristig eine Katastrophe geben wird. Es würde, ebenso kurzfristig, nur eine sofortige Bestrafung für solche Aktivitäten helfen.