Archiv 'feld.politik'

Die Große Depression

30. Mai 2010

“Die große Depression” nennt man die 1. Weltwirtschaftskrise, Anfang der 1930er. Wir waren nicht dabei, aber wir können vermuten, warum sie diesen Namen trägt: Die Arbeitslosigkeit, die zunehmende Armut, die Perspektivlosigkeit drückt auf die Stimmung und viele, viele Menschen werden ihren Lebensmut verloren haben. Die Depression vieler führt zu einer gesellschaftlichen Depression. Doch nicht nur die Depression der Einzelnen, sondern auch die scheinbare Ausweglosigkeit der Situation, in der sich die Gesellschaft befunden hat, dürfte diesen Namen hervorgebracht haben. Jeder, der sich die Situation aus einem gesellschaftlichen Blickwinkel ansah dürfte gesehen haben, daß eine sich selbst verstärkende Spirale in Gang kam, aus der es kaum ein Ausbrechen zu geben schien: Die Leute sparen, weil sie kein Geld haben; die Unternehmen nehmen nix ein und sparen ebenfalls (z.B. an den Löhnen) und weil alle sparen, spart man sich zu Tode. Neuer Mut müßte her, damit das vorhandene Geld ausgegeben wird, doch wenn nichtmal Geld vorhanden ist, nützt auch Mut nichts… (so scheint’s)

Die Wirtschaftskrise heute läuft bislang vergleichsweise glimpflich ab. Die meisten haben noch ihre Arbeit, die Verschuldung der Kommunen und des Staates bleibt bislang ein abstraktes Phänomen. Doch wer Gelegenheit hat, mal andere Aspekte als die finanzwirtschaftlichen zu betrachten, wird schon bald Depressionen in ganz anderen Gesellschaftsbereichen finden. Zum Beispiel in Wolfen:

Wolfen ist eine Kleinstadt im Osten. Früher bekannt für seine Chemiekombinate, wurde auch dort abgewickelt, was eben abwickelbar war. Seitdem hat man selbst im Osten von Wolfen nicht mehr viel gehört. Boomen tut’s auch in Wolfen wohl nur dort, wo es um’s Wegreissen der eigenen Zivilisation geht. Beim “Stadtumbau Ost”. Anschaulich erläutert wird dies durch diesen Comic: “Wieso wird denn abgerissen? Stadtumbau in Wolfen Nord.”

Wer sich die Zeit nimmt für diesen anspruchsvollen aber gut gemachten Comic wird sehen, daß Depressionen in einzelnen Gemeinden und Regionen schon seit einiger Zeit dick angesagt sind. Man stelle sich vor, man wohne in einem dieser Orte, aus denen all jene wegziehen, die halbwegs fit sind und was in der Birne haben und übrig bleiben “die Alten”. Eine Abwärtsspirale, in dessen Strudel jeder gerät, aus dem bei genauer Betrachtung aber kaum ein Ausbrechen möglich ist, da sie nun, 20 Jahre nach der politischen Wende, so weit fortgeschritten ist, daß kaum noch Ressourcen vor Ort sind, die mit noch soviel Kreativität zu konstruktiven Entwicklungen geführt werden. Die Zukunft der Stadt (und Wolfen ist nur eine von hunderten solcher Kommunen speziell im Osten) ist es wohl, zum Dorf zurückzuschrumpfen, einen Status zu erreichen, der der Vorindustrialisierung entspricht. Nun gut, das mag angesichts Peak Oil, globaler Rohstoff- und Umweltkrisen eine Entwicklung sein, die allerorten angesagt sein könnte. Aber wer will darin schon Vorreiter sein? Und wer will dort bleiben angesichts solcher Zukunftsprognosen?

Doch wer will auch weggehen? Es wäre kein Gang aus Freiwilligkeit. Kein Schritt, den jemand deshalb tut, weil es ihn anderswo hinzieht, sondern eher eine Art Flucht. Wirtschaftsflüchtlinge, die entvölkerte Regionen zurücklassen, möglicherweise Freunde, Familie und Wurzeln. Kein Gehen, weil man New York endlich mal kennenlernen wollte, Hamburg, Zürich, München, sondern ein Gehen, weil dort, wo man war, nichts mehr zu holen ist außer Depressionen. Doch Depressionen kann man schlecht zurücklassen wie ein altes verfallenes Haus, wenn sie sich erstmal eingenistet haben, reisen sie nämlich mit…

Über 2 Millionen Menschen hat “der Osten” seit 1989 verloren. Von 16 auf 14 Millionen geschrumpft ein Land, dessen Führung seit 1961 auf seltsam starre Art versucht hat, die Leute zum Bleiben zu bewegen. Doch der glorreiche Westen, dem die Masse sich anschloss, hat es nicht geschafft, die Mauer wegzureißen ohne damit auch die Schleusen zu öffnen, die aus dem Land hinausspült, was nicht niet- und nagelfest ist. Aus Eingemauerten wurden Wirtschaftsflüchtlinge. Aus Aufbruchstimmung wurden Depressionen. Und das deprimierende daran: Es mangelt an Visionen und Ideen, die der Abwärtsspirale etwas entgegenzusetzen wissen…

Artikel lesen...
 

Das Lied vom Ende des Kapitalismus…

04. Mai 2010

…wird ja nun landauf, landab gesummt. Tomasz Konicz hat nun den Text dazu geschrieben. Bei Telepolis, seine sehr passende Analyse, der ich nur zustimmen kann!

Krisenmythos Griechenland

Daß der Autor die “Griechische Situation” als Aufhänger nutzt, macht Sinn! Denn das ist der Stand der Wissens-Dinge bei der Mehrzahl der Zeitungsleser. “Griechenland” heißt die Sau, die grade durchs Dorf getrieben wird. Doch das Phänomen, in welches die griechische Krise eingebettet ist, ist weitaus breiter. Wir dürfen die aktuellen Medienberichte nicht von den letzten Monaten trennen, nicht von Merkels “Die Sparguthaben sind sicher”-Rede, nicht von der Pleite der Sachsen-LB, der IKB und Lehmanns. Wäre der Kapitalismus ein Krug und Geld sein Inhalt, so sind wir jetzt an dem Punkt, wo das Wasser überfließt. Den Alchimisten der Expansion fällt bislang nichts ein, wie sich Raum für noch mehr Kredit schaffen ließe. Doch wohin schwimmen wir?

Stecken wir unsere Zeit nicht in Hass auf Griechen. Niemand ist “schuld”. Stecken wir unsere Energie lieber darin, neue gesellschaftliche Modelle zu entwickeln, die tragfähiger sind als das alte System. Damit wir nicht in jener Ecke rauskommen, die der Telepolis-Autor am Ende umreißt…

Artikel lesen...
 

In Zukunft ohne Rechthaberindustrie

04. Mai 2010

Die Welt ist im Wandel.

Wir wissen es, seitdem Elektroautos Mainstream geworden sind, obwohl die Vorausschauenden auf sie seit den 90ern warten. Wir wissen es, seitdem es der Zinseszins in die Primetime geschafft hat. Wir ahnten es seit dem 11. September, fühlten es näherrücken seit dem finanziell wackeligen Herbst 2008 und wissen nun: Die Zeit ist reif.

Doch wohin gehen wir? Was kommt nach dem Kapitalismus? Das wissen wir nicht! Dabei sollten wir langsam anfangen, darüber nachzudenken. Denn die Kreuzung, der wir uns nähern, muss uns längst nicht den Weg führen, der sinnvoll wäre. Warnungen, wie wir sie aus “Matrix”, “V wie Vendetta” oder “1984” kennen, sollten wir ernst nehmen. Deshalb werfen wir heute einen Blick zu Telepolis:

Lobbyist findet Kinderpornografie angeblich “großartig” ist der Artikel überschrieben. Er beschreibt, wie die Lobby der “Rechteinhaberindustrie” über das Killer-Thema “Kinderpornos” versucht, Netzsperren zu installieren, die später auch dazu genutzt werden können, andere Inhalte im Internet zu sperren. Vor allem: “Urheberrechtlich geschützte Inhalte”.

Die digitale Revolution, deren Teil wir sind, läßt uns sehen, was ein Baustein einer neuen Welt werden kann: Informationen, die sich frei verbreiten. Was freier Fluss von Informationen und globaler Zugang zu Informationen bedeutet weiß jeder, der “mal schnell bei Wikipedia” schaut, Online-Landkarten nutzt oder mehr als eine Internetzeitung liest, um sein Bild von der Welt zu verfeinern. Mitte der 90er war das nicht ansatzweise möglich, weshalb uns Filme, die damals entstanden und in denen Computer, Mobiltelefone oder Technik-Szenarien vorkommen, fast schon wie aus der Zeit der Pferdekutschen vorkommen. Heute kann man fast weltweit Zugang zu diesem globalen Kommunikationsnetz bekommen, eine Demokratisierung der Wissensbeschaffung ohnegleichen! Während die Mönche in den Klöstern Bücher per Hand kopierten, revolutionierte Gutenberg mit dem Buchdruck die Informationsverbreitung. Angesichts der Echtzeit der Informationsverbreitung und der Fülle der Informationen sind wir heute in einem völlig anderen Universum angekommen. Doch der Industrie gefällt das nicht. Sie will ihr Wissen monopolisiert wissen, weil sich deshalb Monopolrenditen statt angemessenem Unternehmerlohn herausschlagen läßt. Und sie haben Gründe! Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr. Milliardenumsätze sind bedroht. Raubkopierer sind Verbrecher! So als würde jemandem etwas fehlen, wenn ein anderer es auch besitzt.

Wir leben am Rande zweier Universen. Es liegt in unserer Hand, uns zu entscheiden. Denn zwei Philosophien treffen aufeinander: Die Philosophie des Eigentums und – etwas anderes. Wir kommen aus der Eigentumsgesellschaft. Ich will nicht mutmaßen, wann sie begann. Anhand der Diskussion um “geistiges Eigentum” zeigt sich jedoch, daß es schwer ist, unseren Eigentumsbegriff der Vergangenheit einfach so in die Zukunft zu übertragen. Wem gehören Informationen? Wem gehört Wissen? Dem ersten, der etwas sagte, schrieb oder dachte? Dem, der es “patentiert”?

Daß Wissen Eigentum ist, war bis hierher schon fast “natürlich”. Es gab wenige Möglichkeiten, es zu verbreiten, was das Geheimhalten erleichterte. Heute genügen ein paar Fingerbewegungen und ganze Bibliotheken sind kopiert und können in sekundenschnelle auf der anderen Seite des Planeten genutzt werden. Es gibt Gründe, warum das problematisch ist. Nämlich dann, wenn der Aufwand, der zur Erstellung des Wissens nötig war, nicht belohnt wird. Gut möglich, daß nur noch wenige Idealisten den Aufwand betreiben wollen, um künftig neues Wissen nutzbar zu machen. Doch – aus planetarischer Sicht – ist es ebenso problematisch, Wissen zurückzuhalten. Warum müssen hunderttausend Kranke sterben, obwohl Medikamente existieren, aber nicht hergestellt werden dürfen, weil die “Rechte” bei irgendwelchen Leuten liegen. Gier ist geil, schon klar. Weshalb unser künftiger Umgang mit Informationen auch darüber entscheidet, welchen Weg unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem geht. Denn natürlich entsteht aus immateriellem Wissen materielle Güter. Schaltpläne und Baupläne. Rezepte und Algorithmen. Anleitungen und Zusammenhänge. Das ist alles kopierbares Material, welches sich in Maschinen und Medikamente, Gebäude und Werkzeuge verwandeln kann. Materielle Produkte, die uns allen helfen können!

Seit Jahren sprechen wir über Globalisierung. Seit Jahren wird mit ihr vor allem eines verbunden: Wirtschaftliche Expansion, weltumspannende Ausbeutung von Mensch und Natur, Anpassungsdruck an uns alle. Wo aber bleibt das globale Bewusstsein? Wer setzt sich die globale Brille auf, um sich die Welt des Eigentums einmal im planetaren Kontext anzuschauen? Begreifen wir uns als Spezies, als Schicksalsgemeinschaft unseres Planeten, als Besatzung des Raumschiffs Erde, dann wäre es nur logisch, die Bibliotheken zu öffnen, das Wissen jedem verfügbar zu machen und den Beanspruchern des Geistes den Mittelfinger zu zeigen. Geistiges Eigentum ist geistiger Kleinmut! Egoismus in Reinform.

Wie wir das Problem lösen, daß “dann niemand mehr forschen will”? Dieses Argument halte ich für Unsinn. So lange es Probleme gibt, wird jemand versuchen, sie zu lösen. Albert Einstein war genau wie Niklas Luhmann Beamter, kein professioneller Forscher in industriellen Forscherteams! James Watt und Gutenberg dürften sich genau wie die Erfinder des Rades nicht deswegen an die Arbeit gemacht haben, weil sie sich eine überlebenslange Rente in Form von Geld versprachen. Dasselbe gilt für Autoren, Filmemacher und Musiker. Wer nicht des Spasses wegen kreativ ist, sondern der Gier wegen, dem wird die Kreativität gehörig abgehen. Wie weit kommen wir dann?

Deshalb ein fettes JA zur Forderung, das Patentwesen zu reformieren, es an die digitalen Gegebenheiten anzupassen oder gleich: Es abzuschaffen. Ein fettes NEIN an die Rechthaberindustrie, das globale Medium Internet zu kastrieren und damit zugleich die Front zur Zensur zu öffnen. Eure “Industrie” ist an einem ähnlichen Punkt angekommen, wie die Kutschenhersteller zu Beginn des Automobilzeitalters. Nehmt es hin! Lasst euch was einfallen! Aber hört auf, wie kleine Kinder bockig stehenzubleiben, während die Karawane weiterzieht.

Das Neue wächst, wie so oft, in den Nischen. Open Source Technology kommt nach der Open Source Software. Nach den Informatikern sind die Ingenieure dran, ihr Wissen breit zu streuen. Der Ansatz führt uns weiter weg von der alten Eigentumsgesellschaft in eine wahrhaftig globale Welt, in der wir für die Menschen auf der anderen Seite des Planeten mitdenken – und sie für uns. Das alte Europa, dessen Teil die meisten Leser dieses Textes sein dürften, hat ausgedient. Bleibt das Spiel das alte, erdrücken uns die Schwergewichte Asiens. Mich wird das nicht stören, ich lern auch noch chinesisch! Aber wer will, daß seine Kultur erhalten bleibt, der sollte sie weiterentwickeln. Und für Europa und speziell die sagenumwobenen Dichter und Denker bedeutet das nicht, sein Wissen einzusperren, sondern es zu verbreiten! Denn nur so kann es mitgestalten, auf dem Planeten in Erinnerung bleiben und Einfluss nehmen auf seine Zukunft.

In diesem Sinne: In Zukunft ohne Rechthaberindustrie!

Artikel lesen...
 

Wenn ich mal groß bin krieg ich 177 Euro Rente

01. März 2010

Vor einigen Wochen habe ich ein Fax an meine Versicherung geschickt. Ich habe die Aussetzung meines Rentenversicherungsvertrages gefordert. Begründung: Finanzieller Engpass. Die Versicherung hat akzeptiert. Der Vertrag liegt auf Eis. Ich könnte ihn zurückkaufen. Würde einen Bruchteil dessen ausgezahlt kriegen, was hineingeflossen ist. Aber ich zieh es in Betracht…

Der Vertrag läuft bis 2036. Dann werde ich etwa 60 Jahre auf diesem Planeten vegetiert haben. Bis vor wenigen Jahren war das noch das Alter, in dem “Rentner werden” logisch klang. Doch der Vertrag zeigt ein ganz grundsätzliches Problem, denn ich werde dann 177 Euro Monatsrente beziehen. Als Selbständiger ist mir die gesetzliche Rentenversicherung verwehrt, also versuche ich anderweitig “zu sparen”. So wie mir geht es allein in meinem Umfeld einem guten Dutzend Leute, die sich mit Selbständigkeit oder geringer Bezahlung durchschlagen. Ich bin sicher, nicht jeder hat solch einen Vertrag, viele warten auf die besseren Zeiten, wo dann soviel übrig bleibt, daß sich der Abschluss auch lohnt. Doch das Problem ist: Was soll ich in 25/30 Jahren mit 177 Euro Monatsrente anstellen? Selbst heute kann man von dieser Summe nicht leben, in einem Vierteljahrhundert noch viel weniger, hat doch allein die Euro-Inflation in den letzten Jahren schon fast 23% der Kaufkraft gefressen.

Ich sehe den Rentenvertrag als Wette. Laß ich ihn laufen, wette ich darauf, daß es das Versicherungsinstitut in einem Vierteljahrhundert noch gibt und meine Einzahlungen noch in irgendeiner Form vorhanden sind. Will ich darauf wetten, daß das Institut pleite geht oder die Inflation sich intensiviert, müßte ich ihn auflösen und die kleine Kapitalspritze mitnehmen und mit den Verlusten leben. Irgendwie bin ich schlecht beraten.

Doch das Beispiel zeigt, daß wir in 2036 ganz andere Probleme haben werden. Wenn sich an der wirtschaftlichen Situation vieler tausender, zehntausender, ja hunderttausender Menschen in diesem Land nicht grundlegend was ändert, werden diese hunderttausenden in einem Vierteljahrhundert ohne nennenswerte Einkünfte im Alter dastehen. Das betrifft ja nicht nur mich und mein Umfeld, das betrifft ganze Heerscharen von Leuten. Das heißt aber auch, daß wir anno 2036 mit großer Wahrscheinlichkeit über die grundlegende Frage der Organisation unserer Altersversorgung nachdenken müssen, ansonsten gibt es haufenweise arme Schlucker, die nicht wissen, wie sie um die Runden kommen. Da diese Grund-Frage zur Diskussion ansteht (und hoffentlich nicht erst 2035 diskutiert wird), spricht die Wette derzeit eher gegen das Versicherungsinstitut: Wozu soll ich in einen Vertrag einzahlen, dessen Erlös mich ganz offenbar nicht über die Runden bringen wird und der als Beispiel dafür dient, daß in einigen Jahrzehnten das Versicherungssystem überholt ist und mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr dieselben Regeln gelten, wie heutzutage?

Artikel lesen...
 

Umdenken 2010

09. Februar 2010

Es bebt hinter den Fassaden. Die Finanzkrise, Ende 2008 grade noch vom Kollaps- in ein Abrutsch-Szenario hinüberfinanziert, kommt aus anderer Ecke als Wirtschaftskrise zurück. Die Kommunen warnen vor finanzieller Überlastung, Jugendarbeit und Co. stehen ganz oben auf der Abschussliste. Zeitgleich klammern sich die Banken an ihre Einlagen, denn die Risiken “da draußen” werden eher größer statt kleiner und durch eben diese Horterei kommt der Geldfluss und mit ihm die Wirtschaft ins Stottern. Selbsterfüllende Prophezeiung. Daß man bei Wirtschaftswoche und Manager-Magazin vorm Aktienkauf gewarnt wird, hätte sich vor einigen Jahren selbst vorausschauende Systemkritiker nicht träumen lassen. Doch auch anderswo bauen sich Krisenfronten auf, nach Griechenland steht Spanien unter Druck, selbst im Rahmen der G7 sieht man den Kollaps ganzer Volkswirtschaften als nicht mehr unmöglich an. Hinzu kommt die drohende Rohstoffkrise. Peak Oil ist als Stichwort inzwischen nicht mehr nur Eingeweihten bekannt, doch auch über die Reichweite anderer Rohstoffe wie Kohle wird inzwischen öffentlich gesprochen. Der Gründer der Virgin-Fluglinie Richard Branson ist inzwischen in der Peak-Oil-Welt angekommen, äußert sich öffentlich und sieht darin eine größere Bedrohung als in der Finanzkrise.

Zugleich läßt sich der Wandel der Krisensituation hin zur Sozialkrise erspüren. Damit ist weniger das Urteil gemeint, daß HartzIV seit Jahren zu niedrig angesetzt ist, sondern immer öfter grundsätzlich geäußerte Kritik am bestehenden System. Laut einer Bertelsmann-Studie halten nur 20% der Deutschen die wirtschaftlichen Verhältnisse für “in Ordnung” und der Großteil empfindet sich in einer ungerechten Wirtschaftswelt angekommen. Kritik am System wird auch im persönlichen Umfeld zunehmend geäußert, nachdem jahrelang Probleme zwar gesehen, aber eher – mangels Einflussmöglichkeiten – weggeschoben wurden. Nun scheint die Anzahl der Menschen, die sich hier nicht gut aufgehoben fühlen, förmlich zu explodieren. (Wo liegt die Schmerzgrenze?) Gefördert wird diese Wahrnehmung unter anderem dadurch, daß die Finanzjongleure wieder genau dort weitermachen, wo sie zwischendurch nie richtig aufgehört hatten: Boni, Boni, Boni – und mithin tausendfach falsche Anreize, die die Lemminge zur Abbruchkante führen. In Großbritannien ist der erste Aufruf zum Steuerboykott in der Welt, weil immer weniger Menschen verstehen, daß sie Steuern dafür zahlen sollen, den Reichen noch den letzten Pickel zu vergolden.

Das Rad der Zeit wird sich nicht dorthin zurückdrehen, wo sich viele von uns noch vor wenigen Jahren fühlten. Das System ist über einen Point-of-no-return gegangen. Von hier aus geht es nur noch vorwärts. Wenn wir nur wüßten, wohin…

Zieht der Steuerboykott, wird nach Island und Griechenland auch das Vereinigte Königreich seinem Bankrott entgegensehen. Doch gelöst sind die Probleme weder mit dem Staatsbankrott, noch mit der widerspruchsfreien Einzahlung in ein System, was keine Mitbestimmung erlaubt. Bürgerhaushalte und Wählen beim Finanzamt wären eine sinnvolle Evolution des Systems, in dem wir künftig leben. Eine Bürgerversicherung fürs Gesundheitssystem würde den Gerechtigkeitsstreben der Menschen weitaus näher kommen als der jetzt eingeschlagene Weg der Kopfpauschale, der nur zu weiterer Unzufriedenheit und noch mehr Druck im sozialen Kessel führen wird. Bürgerwährungen, die allen gehören und sich durch enge Kopplung zwischen Geld und Gut auszeichnen und damit als Spekulationsobjekte wegfallen, dürfen diskutiert werden. Der Bürger, der Mensch, muss wieder zum Mittelpunkt des Gemeinwesens werden, mehr Zusammenhalt und Solidarität statt dem ewigen (und zunehmend langweiligeren) Spiel der Konkurren. Daß es nicht weitergeht, wie bisher, haben wir ja nun hoffentlich langsam gemerkt. Kernfrage wird jetzt: Wohin soll die Reise gehen? 2010 werden wir diese Frage öfters hören.

Artikel lesen...
 

Plutokratie & Feudalismus

30. Dezember 2009

Zwei Telepolis-Artikel möchte ich empfehlen:

  • Rainer Sommer geht der Frage nach, wer eigentlich die fast 1,9 Billionen Dollar zur Verfügung gestellt hat, die die US-Regierung im Krisenjahr als Neuschulden aufgenommen hat. Das Fazit liest sich nicht grade so, als hätte das Geld jemand übrig gehabt…
  • Ein zweiteiliges Gespräch mit dem Soziologen Hans Jürgen Krysmanski berührt wichtige Aspekte des Systems. In “Wer die Fäden zieht” analysiert er den Kreis der Reichen und Superreichen und ihre Rolle in unserer Welt. Sein Fazit, daß wenige Millionen den Planeten (mit mehreren Milliarden) beherrschen, führt sinnvollerweise nicht zu einer der üblichen Verschwörungstheorien, sondern zeigt eher auf, wie die Mechanismen der Machtausübung mittels Geld funkionieren. Im zweiten Teil traut sich der marxistisch geprägte Krysmanski auch, die Frage der Staatsverschuldung anzugehen: “Über die Identität der Gläubiger des Schuldners Staat wird nie gesprochen”. In der marxistischen Szene ist es nicht üblich, die Schulden- und damit verbundene Zinsproblematik anzusprechen. Die Richtung des Interviews empfinde ich deshalb als angenehm, weil Krysmanski Ansätze durchblicken läßt, mit der die Plutokratie zu brechen ist.

Und dazu ein Blick ins Handelsblatt:

Artikel lesen...
 

Demokratie? Zu spät!

02. Dezember 2009

Populisten sagen es so: Nur Volksentscheide bilden die wahren Mehrheiten im Land ab. Doch bei einem solchen Votum gewinnt, wer am meisten in die Stimmungsmache investieren kann. Das Resultat ist gekaufte Politik – und weniger Demokratie.

So schreibt Christoph Schwennicke in seinem lesenswerten Spiegel-Kommentar, in dem er den Schluss zieht: Volksabstimmungen sind keine gute Idee, weil sie von jenen beeinflusst werden kann, die dafür ausreichend Geld haben. Er plädiert stattdessen für eine Reform des Wahlrechts, für die Möglichkeit zu kumulieren und panaschieren, also eine ausgefeiltere Technik, wie wir Wähler unsere Stimmen verteilen können. Er plädiert für ein Verbot privater Parteispenden sowie mehr Direkt- statt Listenkandidaten. Zweifellos sind seine Vorschläge gut, sinnvoll und notwendig. Also: Umsetzen!

Die Schlussfolgerung jedoch, daß Volksabstimmungen deshalb abzulehnen sind, weil sie durch zuviel Geld beeinflusst werden könnten, ist jedoch kurzsichtig. Ist es denn das Problem der Demokratie, wenn sie von der Ökonomie vereinnahmt wird? Wenn die Macht des Geldes, die Schwennicke fürchtet, die Macht des Volkes kaufen kann, ist es dann logisch, daß sich das Volk deshalb seiner Macht beschneidet statt sie voll auszuleben? Ist der Spiegel-Kommentar nicht vielmehr Ausdruck dessen, daß es eigentlich schon zu spät ist für die Demokratie,weil sie schon längst durch die Plutokratie ersetzt ist – die Herrschaft des Geldes?

Artikel lesen...
 

Bankendomino meets Peak Oil

28. November 2009

Nachdem ich mir letztens von einem freundlichen BA-Dozenten erklären ließ, wie die Zusammenhänge rund um die oftgenannte HypoRealEstate sind, habe ich ein wenig im Netz gestöbert. Fündig geworden bin ich bei Prof. Hanno Beck an der HS Pforzheim, der einen sehr anschaulichen Vortrag “Bankendomino” ins Netz gestellt hat:

Powerpoint Bankendomino

Da ich nicht glaube, daß das Thema Krise mit den jüngsten Erfolgsmeldungen abgeschlossen ist, plädiere ich weiter dafür, redundante Systeme aufzubauen, die im Fall des Zusammenbruchs der etablierten Währungssysteme eingreifen können. Derselbe Denkansatz ist hilfreich, wenn es um die Versorgungsstrukturen geht, denn die “Krise des Kapitalismus” ist nicht nur finanzieller Art.

Von mir gibts passend zu diesem Stichwort einen neuen VideoVortrag: Was bedeutet Peak Oil?

Quelle: Regionalentwicklung.de

Artikel lesen...
 

Die Mißtrauensrepublik

11. November 2009

Etwas hat sich geändert.

“Schrei niemals FEUER, wenn’s nicht brennt. Sonst kommt nämlich niemand, wenn du wirklich Hilfe brauchst.” Stammt aus irgendeinem Film. Passend ist dieser Satz in diesem Beitrag deshalb, weil man angesichts von SARS (2004) und Vogelgrippe (2005/2006) auf den Gedanken kommen könnte: Weil die grippale Apokalypse trotz enormem Medienrummels ausblieb, weigert sich heute (2009) das halbe Land, sich seine staatsbürgerliche Schweinegrippe-Spritze abzuholen. Die Skepsis gegenüber Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der angepriesenen Impfung ist enorm. So enorm, daß es Zeit ist, sich Gedanken über Vertrauen und Mißtrauen in einer Gesellschaft wie der unseren zu machen.

Früher waren Ärzte Vertrauenspersonen. Wer sich ungesund fühlte oder ungesund war ging zum Arzt seines Vertrauens und ließ sich helfen. Es war nicht notwendig, das Handeln dieses Helfers zu hinterfragen, unlautere Absichten der beruflichen Königsklasse kamen niemand in den Sinn. Doch seitdem auch Gesundheit, wie so vieles andere, von einer Industrie bearbeitet wird, schwindet dieses Verhältnis. Der Zweck der Ärzte und der Zweck der Industrie gehen nicht in dieselbe Richtung, vielmehr stehen sie sich nahezu unvereinbar gegenüber. Zweck der Ärzte ist die Heilung, Zweck der Industrie das industrielle Geldverdienen. Unter Beachtung des Wachstumsparadigmas ist Heilung kontraproduktiv, zahlt man hierzulande doch nur, wenn man krank ist. Heilung bedeutet, Nichtzahler zu produzieren – was keiner Industrie gelegen sein kann.

Seitdem die Grenzen der Werbung verschwunden und verschwommen sind, fühlt man sich überall zum Kaufen animiert. Der gemeine Weltenbürger kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem, was er wirklich braucht und dem, was ihm aufgeschwatzt wird. Und seitdem PR und die Lancierung von Pressemeldungen zum Zwecke der redaktionellen (=vertrauenswürdigen) Aufarbeitung genutzt werden, ist die Werbung auch im politischen Raum angekommen. Im Fall der Grippe-Impfung ist die Zielgruppe sehr klar zu definieren: Die paar Hanseln, die man Bundesregierung und Parlamentarier nennt, denn die paar Köpfe können per Handstreich hunderte Millionen locker machen – keine Werbekampagne, die sich an Otto Normalverbraucher richtet erreicht solch ein Kopf-zu-Umsatz-Verhältnis. Bei diesem (unterschwelligen) Wissen in breiten Teilen der Bevölkerung ist es nicht unwahrscheinlich, daß viele nicht mehr wissen, ob die Zeitungsberichte über Schweineviren und Impfeuphorie echter Alarm oder nur die Auswirkungen einer imposanten Marketingaktion sind. Und seitdem die Sättigung der Auto-Märkte offensichtlich ist, braucht der Kapitalismus neue Absatzmärkte, warum nicht die Venen unserer Mitbürger?

Doch die Impf-Diskussion ist nur eines der Schlachtfelder, in der der Kampf um das Vertrauen geht. Vertrauen ist die Grundlage jeder Gesellschaft. Löst es sich auf, lösen sich die gesellschaftlichen Bindungen. Eine Gesellschaft ohne Bindungen ist keine, sie ist nur eine Menge von Individuen. Der “Erosionsprozess” des Vertrauens setzte aber weit vor der Grippe ein, ganz persönlich darf ich den vorläufig letzten Höhepunkt in 2001 datieren. Zehntausende Menschen allein in diesem Land glauben nicht an die offizielle Darstellung des 11. September 2001. Schon damals gab es einen intensiven Bruch zwischen den Bürgern und anderen gesellschaftlichen Strukturen. Dieser Bruch ist genauso wie die Menge an “Skeptikern” größer geworden. Der nächste Schub kam letztes Jahr, als das Vertrauen in die Bankiers (und jenes, das die Bankiers untereinander hegen) sich mit den ersten Banken in Luft auflöste – und Angela Merkerl dazu brachte, ihre ganze Person in die Waagschale zu legen, um den Sparer davon abzuhalten, seiner Matraze mehr zu trauen als seinem Geldverwalter. Spröder Kitt, der da in die Fugen geschmiert wurde. Man merkt es an solch kleinen Details, wie das Finanzamt einen behandelt, wie Geschäftspartner plötzlich drauf sind, wie die Redakteure sich bemühen, ihrer Verantwortung nachzukommen, indem sie ihr eigenes Mißtrauen nicht allzusehr in die Jubelmeldungen einfließen lassen, um sich nicht selbst dem Vorwurf auszusetzen, sie würden die Krise herbeischreiben.

Wie kurzatmig Vertrauen im politischen Zirkus ist,  musste gleich nach der Wahl die FDP erleben, die laut Umfragen danach gleich mal wieder einige Prozentpunkte abgeben musste, nachdem die Wohlfühlversprechen sinkender Steuern an der harten Schuldenrealität zerplatzt sind. Die Politik, die Politik, sie ist das seltsame Spielfeld, was eigentlich seit Jahrzehnten schon mit Mißtrauen zu kämpfen hat. Ein ganzes Drittel der Bevölkerung geht schon gar nicht mehr hin, wenn zum Stimmenabwurf gerufen wird. Man erwartet von oben nix, und das ganz wohl zurecht. Sitzen doch in der Regierung ein vergeßlicher Waffenhändler-Freund als Finanzminister neben einem schwerreichen, industrieverbandelten Verteidigungsminister, wo man doch (von hier unten aus betrachtet) nicht wirklich glaubt, da kämen Entscheidungen raus, die ins eigene Fleisch schneiden?

Nunja. Ab morgen kommt ja der neuer Emmerlich ins Kino. Weltuntergang. Auch wenn nun fraglich ist, ob 2012 die Welt verloren ist, so verdichten sich doch die Erscheinungen die signalisieren, daß die alte Welt schon ihre Stunden schlagen hört.

Artikel lesen...
 

Finanzminister Schäuble ablösen!

29. Oktober 2009

Hiermit fordere ich die Bundeskanzlerin Merkel auf, Wolfgang Schäuble nicht zum Finanzminister dieses Landes zu machen. Ich beziehe mich dabei auf die Frage von Rob Savelberg, der auch mein Gedächtnis aufgefrischt hat:

Artikel lesen...