Archiv 'medien.politik'

Börsengang: Warum die UNO Facebook enteignen sollte

17. Mai 2012

100 Milliarden US-Dollar will der 28jährige Zuckerberg von stimmrechtslosen Aktionären seines “Gesichtsbuchs” einsammeln, wo die Frage gestattet sein muss: Was genau an Facebook ist eigentlich soviel Geld wert? Geld verdienen, das tut Facebook mit Werbung. Werbung, das sei jenen gesagt, die Werbeblocker nutzen und ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen widmen, ist der Versuch von Unternehmen, Menschen auf subtilem Wege davon zu überzeugen, Dinge zu kaufen. Werbung selbst hat wenig Nutzen, auch wenn es mancher Marketingmann schafft, ihnen etwas Witz zu geben und somit wenigstens einen Hauch von Freude zu produzieren. Fernsehwerbung ist schon lange keine Freude mehr, sondern Diebstahl der Lebenszeit der Zuschauer.

Facebook ist ein global wirkendes Unternehmen. Global betrachtet aber muss die Frage gestellt werden: Was genau bringt uns als menschlicher Gesellschaft eigentlich dieses Unternehmen. Und noch mehr: Was bringt es uns, dass ein Pimpf wie Zuckerberg die diktatorische Macht über diese Plattform hat. Der Verweis auf die Diktatur des Unternehmensgründers ist wichtig, denn mit 900 Millionen Nutzern ist Facebook eben keine kleine Klitsche aus der Nachbargarage, sondern eine Plattform von globaler Bedeutung. Eben diese Größenordnung ist es auch, die immer mal wieder Vergleiche mit einem Staat aufkommen ließen – sind 900 Millionen Nutzer doch fast soviel wie die Chinesische Volksrepublik an Bewohnern hat und mehr als doppelt so viel, wie es Europäer gibt.

Facebook ist ein kommerzielles Unternehmen. Der “Börsengang”, also der Verkauf von Unternehmensanteilen, betont diese kommerzielle Ausrichtung. Zwiespältig ist sie vor allem, weil Facebook selbst ja als “soziales Netzwerk” gilt und die Kommerzialisierung des Sozialen selten ein Weg war, der viel Soziales übrig ließ. Dennoch ist erstaunlich, welche Bedeutung dieses Plattform erreicht hat: Hunderte Millionen Menschen aus allen Ecken der Welt kommunizieren über dieses System! Doch es ist als Verschwendung anzusehen, wenn der einzige Nutzen dieser Plattform letztlich sein soll, Werbeanzeigen zu verkaufen oder – fast noch schlimmer – die Werbung, diesen modernen Lebenszeitfresser, so “sozialisieren”, noch “intelligenter” zu machen, um noch mehr Mist zu verkaufen – dessen Produktion immer mit der Nutzung der zunehmend knapper werdenden Ressourcen einhergeht. Um wieviel interessanter wäre es denn, wenn nicht Werbeschaltungen die “hidden agenda” dieser Plattform wären, sondern die Evolution der globalen Demokratie?

Daher die Aufforderung: Die UNO als derzeit wichtigste globale Vertretung, sollte Facebook enteignen und de Plattform unter der Zielstellung, die Menschen aller Kulturen einander näher zu bringen, einsetzen. Facebook könnte um wahrlich soziale Werkzeuge erweitert werden: Um Kommunikationskanäle zu den wichtigen globalen Fragestellungen, um (digitale) öffentliche Räume, um an Lösungswegen für relevante Probleme zu arbeiten, um Abstimmungstools, um Demokratie zu ermöglichen – in Ländern, die heute schon als Demokratie gelten, in solchen, die es noch nicht tun und vor allem: Als Tool für eine echte globale Demokratie!

Solcherart Demokratiewerkzeug ist mit dem kommerziellen Ansatz nicht vereinbar, in den Facebook sich mit dem Börsengang in beschleunigtem Maße hineinbegibt. Exponentiell drückende Zinsansprüche auf eingesetztes Kapital neigen dazu, das Verkaufen in den Vordergrund zu stellen und drücken alles beiseite, was sich nicht in Dollar messen läßt. Doch die Nationen dieser Welt könnten mit Hilfe dieses Tools sehr schnell etwas erreichen, was es noch nicht in der Geschichte der Menschheit gab: Einen runden Tisch, an dem bereits heute fast 20% der Menschheit sitzen.

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Wie wird man erster Mann im Staate?

03. Januar 2012

Bald ist wieder ein Posten zu vergeben: Bundespräsident gesucht, plus Frau. 20.000 Euro monatlich plus Schloss, Fahrer, Dienstwagen und allerlei Klimbim. Wir, das Volk, verschleißen grade einen nach dem anderen und brauchen dringend einen neuen. Der Vorletzte ist uns abhanden gekommen, weil er vor den Kulissen aussprach, was hinter den Kulissen längst getuschelt wird, nämlich dass wir uns mal Gedanken machen müssen, ob wir unsere frisch renovierte Armee nun auch zum Rohstofferobern einsetzen wollen oder nicht. Und unser Noch-Präsident wird jetzt den Hut (und seine Frau) nehmen, weil er mitten in der Finanzkrise einen Kredit aufgenommen hat. Das sind schon schwere Kaliber, die sich die beiden da geleistet haben.

Naja, dass der Wulff eher der Präsident der oberen Zehntausend ist wußten wir schon bei seiner Inthronisierung. Gauck ist ja quasi der verkappte Stasi-Mann, wer so lange im Aktendreck wühlt, der kann kaum von den Mächtigen der Mächtigen gewollt sein. Insofern war das Theater schön, dass uns drei Wahlgänge nach dem Abendbrot bescherte und seit langem mal wieder zu intensivem Austausch an den Stammtischen des Landes führte, aber gewählt ist gewählt und Wulff sollte es schon sein. Gottseidank! Sonst hätten wir doch nie erfahren, was wir heute wissen: Wie es eben zugeht, hinter den Kulissen!

Merke: Wer BuPrä werden woll, muss schon vorher über ein angemessenes Anwesen verfügen. Ein Häuschen im Grünen unter einer halbe Mille ist da Standard. Wem das Geld fehlt, der muss eben geschäftig werden und in seinen Kontakten mal schauen, wer da grade welches übrig hat. Kredite – damit ist unsere Wirtschaft groß geworden! Und dass es absolut üblich ist, erstmal im Freundes-, Bekannten- und Geschäftspartnerkreis rumzufragen, wenn man etwas braucht, das wußten wir schon hier im Osten – und keine Angst: Wir werden es alle bald wieder lernen. Die östlichen Seilschaften, die Gauck mit seiner Behörde zerschlug, haben in Form ihres westlichen Pendants Wulff ins Amt gehievt. Bedenklich ist nur, dass eine entscheidende Rolle dabei tatsächlich ein ausgewanderter Schrotthändler spielte und nicht, wie man verschwörungstheoretisch annehmen dürfte, die Waffenlobby, die Pharmareferentengilde oder die Finanzgurus. Aber vielleicht ist es ja wirklich so, dass das Bundespräsidentenamt so machtlos ist, dass sich dort die zweite Riege der oberen Zehntausend einkauft, während die wirklich wichtigen (Hinter-)Männer sich um die wirklich wichtigen Politposten kümmern.

Wer plant, in die Politik zu gehen, kann das künftig also entweder nackig probieren oder er darf aus der BuPrä-Affäre die richtigen Ideen herauskristallisieren: Lass dir dein Buch von einem Interviewer schreiben und von einem Strukturvertriebler die Anzeigen finanzieren. Der Schrotthändler besorgt dir fehlendes Kleingeld. Es ist doch nur konsequent, die Methoden der Vetternwirtschaft auf den großen Politikbetrieb anzuwenden, nur sollte man nicht so dämlich sein, Leuten, die wenig vertrauenswürdig sind, auf den Anrufbeantworter zu singen. In digitalen Zeiten macht sowas schnell die Runde und Journalistenbeschimpfung ist für den Chefmultiplikator am oberen Staatsende ein Zeichen für Übermut.

Trotzdem: Es gilt zu hoffen, dass diese Affäre nicht mit einem schnellen Rücktritt endet. Mal abgesehen davon, dass wir mit Thomas Gottschalk als einzig künftig arbeitslosen Massenunterhalter auch nur wieder einen der oberen Tausend zur Verfügung haben, wünsche ich mir im Namen des Volkes mehr Details! Wie beispielsweise kommt die Info denn zum Spiegel, dass unser BuPrä dem BiLD-Dieckmann auf den AB gequatscht hat? Hat Herr Gauck was in seinen Akten gefunden? Anonymous was bei einem Hack? Oder sind beim SPIEGEL ein paar Ex-Praktikanten von Rupert Murdoch untergekommen? Warum gibt jemand wie Carsten Maschmeyer über 40.000 Euro für Werbung für ein Buch aus, das nicht seins ist und von dem er (angeblich) nichts hat? Warum kauft der RWE-Chef gleich 2500 Exemplare davon?

Na klar: Wenn man genug Geld hat, kann man es auch in seltsame Sachen stecken – wie Bücher, die keiner liest, deren Kauf aber als Wette gelten: Als Wette auf einen künftigen BuPrä. Aber was hat man dann davon? Man kennt den Obermacker des Landes, kauft sich eine Eintrittskarte ins Schloss Bellevue. Es schadet sicherlich niemandem, wenn man in Gegenwart des BuPrä sich herumtreiben darf oder gar von diesem eine Empfehlung bekommt, mit der man sich möglichen Geschäftspartnern nähern kann. Seltsam nur, dass dieser Bundespräsident selbst noch Empfehlungen seines Schrotthändlers bedarf, um an günstige Bank-Kredite zu kommen.

Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Steuerhinterzieher, Rote-Ampel-Läufer, Geschwindigkeitsübertreter, Rechnungen-zu-spät-Begleicher, Kohlendioxidemissionäre, Bargeldhorter, Notlüger – nur wenige werden sich finden lassen, die juristisch, moralisch und menschlich unfehlbar sind. Wenn Politik bedeutet, unfehlbar zu sein, steht die Abwicklung des Politikbetriebes vor der Tür. Herr Gauck kennt sich mit Abwicklungen aus. Und zweifellos wäre ein Frühjahrsputz im Politbüro und den Amtsstuben der Anpassungsfähigkeit des Landes zuträglich. Wo aber Geschäftemachen als gesellschaftliche Triebfeder gilt, gibt es wenig Grund, die Politik davon auszunehmen. Da muss das Volk wohl mal in sich gehen und auch die Journalisten, die mit jedem Krümel gerne auf die Kacke hauen und dabei nicht verraten, an welchen (moralischen?) Grundsätzen sie sich eigentlich orientieren. Moralverlust? Naja, als Alternative zur BuPrä-Wahl steht noch die Möglichkeit, den ganzen Staat zum Katholizismus konvertieren zu lassen und den Papst als obersten Hirten auf die Ranch zu holen. Der ist wenigstens konsequent in seinem Reden, was man von Akteuren der Partei mit dem großen C nicht bedingungslos behaupten kann. Es sind aber auch schwierige Zeiten…

Wer aber macht nun den Bundespräsidenten? Wer wäre geeignet, uns kreditfrei durch die Euro-Krise zu segeln, uns charmant den Weg durch den Klimawandel zu weisen, unserem fragmentierten Dasein moralischen Kompass zu geben und dies auf Basis von ausreichend Lebenserfahrung und empathischer Jugendliebe? Jörg Asmussen hat jetzt Zeit, wo er nicht EZB-Chef wird, und Gottschalk eben mangels Fernsehshow. Die LINKE nomiert bestimmt Lafontaine persönlich. Charlotte Roche wäre mir da lieber. Oder Dieter Nuhr. Beide viel zu jung. Aber vielleicht zusammen ja alt genug?

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Neues von Wicki

23. Dezember 2010

In der SZ war kürzlich eine Karrikatur, auf der ein paar alte Damen um ihren Cafe-Tisch sitzend feststellten, dass ihre Gespräche etwas eintönig geworden sind. Sie sollten doch mal diese Vicky Lieks einladen, die hätte ja immer was interessantes zu erzählen…

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WikiLeaksUniverse

20. Dezember 2010

“Does your business do business with Bank of America? Our advise is to place your funds somewhere safer.”

Dieser Satz findet sich auf Twitter – im WikiLeaks-Kanal. Bank of America hat die Bearbeitung von Zahlungen an Wikileaks eingestellt. Man könnte obigen Satz also als Retourkutsche lesen, es könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, woher die nächsten Dokumente kommen, die das planetare Datenleck ja bereits angekündigt hat.

Das Problem: Wenn Wikileaks weiterhin so zäh den Datensaft in die globalen Kanäle sickern läßt, dauert es noch 3000 Tage, bis “Cablegate” beendet ist. Ob dann die Bank-Informationen noch jemanden interessieren, ist fraglich. Im Schnitt veröffentlichten die Datenlecker in den vergangenen 22 Tagen 83 Botschaftsdepechen pro Tag. Bei einem Fundus von einer Viertelmillion Depechen vergeht einfach ein gutes Stückchen Zeit.

Allerdings: Meine Befürchtung, dass die Medien sich nicht mehr um die Depechen scheren würden, je länger dieser Prozess andauert, wird offenbar dadurch nicht bestätigt, dass sich immer mal wieder interessantes Material finden läßt. Berlusconi hat die Ermittlungen zum Tod eines italienischen Geheimagenten im Irak unterbunden, um die italienisch-usamerikanischen Beziehungen nicht zu gefährden. China bezahlt nepalesische Polizisten, wenn sie tibetanische Flüchtlinge zurückweisen. Gregor Gysi hat ins Parteiprogramm die Auflösung der Nato statt den Austritt Deutschlands reinschreiben lassen, weil ersteres nur mit Zustimmung anderer Länder und damit unrealistischer ist. Ob das stimmt? Wissen wir nicht, es steht in einer Depesche. In einer solchen steht auch, dass Michael Moores Film “Sicko” in Kuba verboten sei, was laut Moore nicht stimmt.

Doch die Welt, die Wikileaks anregt, wird größer. Im Tagesspiegel stellen Manuel Scheidegger und Johannes Schneider eine wichtige Frage: Worum geht es bei Wikileaks? Wohin führt uns das? Wohin soll es uns führen? Im Westen sagt man, dass “Geheimnisverrat” auch in Lokalredaktionen Tagesgeschäft ist. Bei CreateOrDie befasst man sich mit den “Kindern von Wikileaks” – den angekündigten Alternativ-Plattformen für investigatives Material (inklusive NDR-Interview mit Daniel Domscheit-Berg). In den Niederlanden ist man laut taz bereits auf dem Weg, lokale Lecks aufzusetzen. Auf YouTube gibt es eine neue Videokategorie: Wikileaks-Nachrichten als HipHop-Video (inklusive Hillary Clinton, Alex Jones (“Inside job!”), Berlusconi und andere – gefunden im Wikileaks-Twitter-Kanal). In Großbritannien hat ein Gericht erstmals zugelassen, dass Blog- und Twitter-Nachrichten aus dem Gerichtssaal möglich sind: Bei der Anhörung zum Auslieferungsverfahren gegen Assange. Wenn das keine Vielzahl an Reaktionen ist, die allein auf 83 Botschaftsdepechen pro Tag zurückgehen…

Und wer sich mit eben diesen Depeschen etwas intensiver befassen will, kann das beim “Cable Game” tun und dort Schlagworte (Namen, Organisationen, Orte, Ereignisse oder Themen) markieren und dazu beitragen, die Informationen aufzubereiten und einzuordnen. (Have fun :-) )

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Befördert Wikileaks die Demokratie?

06. Dezember 2010

Was hat Wikileaks anderes getan als die Botschaften, deren Material jetzt weltweit lesbar ist, es (offenbar!) üblicherweise auch tun: Wikileaks hat Informationen, die ihm anvertraut wurden, weitergeleitet. Der Unterschied liegt darin, dass staatliche Botschaften ihre Informationen gezielt an „Hintermänner“ weiterleiten, während Wikileaks seine Informationen ohne konkrete Zielperson weitergeleitet hat: Nämlich an die gesamte Weltöffentlichkeit. Welchen Wert Informationen haben kommt immer auf den Kontext an, das gilt sowohl für die Wikileaks-Veröffentlichungen als auch für die Berichte der ins Zwielicht geratenen Botschaften. Die Analyse der Informationen übernehmen im Botschaftsmilieu die Außenministerien und andere öffentliche Institutionen als auch die Geheimdienste, während die Wikileaks-Informationen jetzt von allen Medien, Journalisten und Bloggern der Welt analysiert und bewertet werden können.

Ist das verwerflich?

Ist es verwerflich, dass wir Bewohner dieses Planeten erfahren, wie mächtige Menschen über andere mächtige Menschen denken? Dass wir erfahren, wo Rechtsverstöße begangen werden (Stichwort: Streubomben aus Großbritannien, Verletzung der Rüstungskontrollen in Deutschland) und wo vermutlich die Mafia regiert? Vielmehr ist es doch so, dass „Cablegate“ bestätigt, was viele seit langem ahnten: Dass wir von echter Demokratie auf diesem Planeten noch weit entfernt sind, die meisten Absprachen in Hinterzimmern und nicht per öffentlicher Debatte stattfinden und die öffentlichen Stellen weit mehr wissen, als wir. Dabei sind wir das Fundament jeder Demokratie.

In der Börsenwelt gibt es – offiziell – das Verbot, Insiderinformationen zum Handel zu nutzen. Der Grund ist einleuchtend: Wer mehr (und früher!) weiß als seine Wettbewerber, kann dieses Wissen durch rechtzeitigen Kauf oder Verkauf von Wertpapieren nutzen und somit sich auf Kosten der anderen bereichern. Politik ist neben der Börse der größte Geldumschlagplatz weltweit, die Staaten haben enorme Budgets. Kein Wunder, dass Korruption und Politik heute nahezu wie Schwestern sind. Aber in der Politik gibt es kein Verbot der Nutzung von Insiderinformationen. Vielmehr ist Heimlichtuerei an der Tagesordnung.

Das mag korrekt sein. Aber ist das unserem Anspruch an Demokratie auch würdig? Wikileaks provoziert uns weltweit, unser Verständnis von Demokratie zu hinterfragen! Es provoziert uns, unsere „demokratischen Instrumente“ in Frage zu stellen. Staatliche Botschaften und „Maulwürfe“. Geheimdienste. Planfeststellungsverfahren. „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten“, heiß es. Diese Aussage gilt es angesichts der Macht der unsichtbaren Kräfte durchaus öffentlich zu diskutieren! Was passiert in Botschaften und wieviel Personal bleibt erhalten, wenn eine Wahl die Machtverhältnisse eines Landes verschiebt? Sind unsere Staaten nicht eher Bürokratien als Demokratien?

Vielleicht sind sie auch Plutokratien. Die Macht des Geldes könnte als nächstes auf dem Seziertisch liegen, wenn Wikileaks wie angekündigt Dokumente aus einer Großbank veröffentlicht. Dass diese Großbank ihren Stammsitz in den USA hat, sollte nicht dazu führen, die Heimat des modernen Kapitalismus als Hauptproblemzone anzusehen. Banken sind Global Player, sie haben längst alle geografischen Grenzen überschritten und sich entnationalisiert. Wikileaks könnte man unter dem Gesichtspunkt der Globalisierung als Botschaft neuen Typs ansehen: Die Botschaft der Staatenlosen. Julian Assange hat sich kürzlich gefragt, was es ihm nützt, australischer Staatsbürger zu sein, hat ihm seine Regierung doch eindeutig signalisiert, dass er dort nicht mehr willkommen ist. Ja in der Tat: Was nützt einem die dokumentierte Zugehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft, wenn diese Gemeinschaft debattenlos seine Mitglieder ausstoßen kann? Macht das Demokratie aus? Oder hat nicht vielmehr Demokratie an der Schwelle zum 3. Jahrtausend der modernen Zeitrechnung kaum noch etwas mit Nationen zu tun? Wir reden seit gut 20 Jahren von „Globalisierung“, aber unsere Institutionen basieren weiterhin auf einem 300 Jahre alten Nationalstaatskonzept, welches dringend einem Upgrade bedarf. Genau wie die Demokratie.

Das „Prinzip Wikileaks“ wird nicht mehr verschwinden, genausowenig wie die Webseite selbst. Vielmehr zeigt Wikileaks, dass die alten Regeln der materiellen Welt im Informationszeitalter an Macht verlieren. Und das ist gut so! Man erkennt das daran, dass selbst die Abschaltung der Webseite von Amazon-Servern (der Buchhändler tritt auch als Datendienstleister auf), die Löschung der Domain wikileaks.org aus einem US-DNS-Server (eine Art Telefonverzeichnis für Internetseiten) oder auch die Kündigung des Paypal-Kontos (eine eBay-Tochter, die Zahlungsdienste anbietet) die Seite nicht kleinkriegen: Denn inzwischen gibt es über 75 Kopien von Wikileaks im weltweiten Internet. Wer die veröffentlichten Daten aus dem Netz zurückholen will muss also inzwischen ein Vielfaches an Diensten und Bankkonten abschalten und die Liste der „Staatsfeinde“, die wie „Terroristen gejagt werden sollen“ (Zitat: US-Außenministerin Hillary Clinton), um diverse Personen vergrößern. Nach den Regeln des materiellen Zeitalters ist Wikileaks ein „Dieb“, der Daten gestohlen hat. Doch das Konzept des „Diebstahls“ versagt in der digitalen Welt, das mussten schon die Musikkonzerne erfahren. Wer eine materielle Sache stiehlt, nimmt jemandem etwas weg, was dieser daraufhin nicht mehr nutzen kann. Autodiebe verschieben Wagen von einer Person zu einer anderen und dem Ursprungsbesitzer fehlt das Fahrzeug tatsächlich. Wer Informationen, Daten, Wissen oder Audio-Dateien kopiert, nimmt niemandem etwas weg! Er multipliziert es. An diesem Problem knobelt das gesamte juristische System, welches als Teil-System unserer Demokratie anzusehen ist, seit der Entwicklung des Internets in besonderem Maße. Mit bislang schwachem Erfolg. Kein Wunder: Denn so sehr man sich auch bemüht, das Materie-Denken in die immaterielle Welt zu übertragen, umso mehr muss man scheitern.

„Man kann Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“ wird Albert Einstein (insbesondere im Internet) vielfach zitiert. Wenn Wikileaks ein Problem darstellt, insbesondere eines für die Demokratie, dann muss das demokratische Denken sich weiterentwickeln. Wenn Wikileaks ein Problem darstellt, ist die Frage, wie die planetare Demokratie (und nicht nur ihr Teilausschnitt in Europa) mit dem Problem umzugehen lernt. Verbote auszusprechen oder Führungsfiguren wie Julian Assange zu töten (wie es durchaus öffentlich gefordert wird und nichtöffentlich mit großer Wahrscheinlichkeit vorbereitet wird), löst das Problem nicht. Es wird es – analog dem Dezentralisierungs-Prinzip des Informationszeitalters – multiplizieren. Solche „Lösungsvorschläge“ rufen Assoziationen hervor wie „1984“ (George Orwells Roman über einen totalitären Überwachungsstaat) oder „Alexander Litwinenko“ (Ex-KGB-Agent, von Unbekannten in London mit radioaktivem Material vergiftet). Mit Demokratie hat das nicht viel zu tun. Sehr wohl wird sich aber auch das demokratische Prinzip mit der Frage auseinandersetzen, wie es sich an das digitale Zeitalter anpasst. Für dieses gilt genau wie für Wikileaks: Es geht so schnell nicht wieder weg.

Nachtrag: Ken Jebsen auf KenFM (FRiTZ) zu Wikileaks:

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20 Euro für den Staatsfeind #1

03. Dezember 2010

Botschaften zu öffnen ist heute schon fast, wie Stasi-Archive zu öffnen. Für mich ist die Frage von vergangenen Sonntag geklärt: Die Wikileaks-Veröffentlichung von 250.000 “Kabeln” wirbelt zwar eine Menge Staub auf, aber dadurch lernen wir mehr über die feldpolitischen Zusammenhänge als durch jahrelanges Studium der Bildzeitung.

Putin und Berlusconi sind einander sehr nah, vielleicht machen sie sogar Geschäfte miteinander. Großbritannien umgeht das Streubombenverbot, deutsches Militärgerät wird illegal außer Landes geschafft, die afghanische “Regierung” ist korrupt durchsetzt, aber Russland ist als quasi Mafia-Staat schon ein paar Schritte weiter. Wann gab es das schon mal in solcher Deutlichkeit zu lesen?

Skandalös insbesondere: All das wissen die US-Diplomaten und reichen es brav an ihre Befehlsgeber weiter – aber sie geben es nicht an die Öffentlichkeit. Warum nicht? Da muss erst ein Ex-Australier mit Vergewaltigungsverdacht kommen, der jetzt einen Robin-Hood-Anstrich kriegt, insbesondere, wenn er auf seiner Webseite mit einem auffällig ähnlichen Gesichtsausdruck wie wikipedia-Gründer Jimmy Wales um Unterstützung wirbt. Normalerweise reagier ich nicht so sehr auf Werbung, aber für gekonnt gesetzte Ironie sind meine Ganglien immer offen: Meine 20 Euro für Wikileaks sind unterwegs! Steuerlich absetzbar versteht sich. Und auch auf die Gefahr hin, dass das Miniwahr mich später der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung drankriegt: Mit den Euros kann man eh bald nix mehr anfangen…

Das Besondere: Wann kann man schonmal einen Staatsfeind unterstützen, der das nicht nur in einem, sondern in vielen Staaten ist? Gegen die subtile Untergrabung des globalen Machtsystems durch die mutigen Wikileaks ist Osama bin Ladin wirklich nur ein brachialer Terrorist. Wie Informationen dagegen die globale Ordnung in Schwingungen versetzen, zeigen eindeutig 250.000 “Kabel”.

Tja, und nun zu dir, lieber Jeff Bezos: Amazon? Kommt bei mir jetzt nochmal extra auf die schwarze Liste (wegen Kollaboration mit dem System). Hab ich mich doch sowieso schon bemüht, meine Bücher wieder lokal zu kaufen, wird es dieses Weihnachtsgeschäft noch ein bisschen enger für den großen Bruder aus Verkaufistan.

Aufruf an den Rest der Welt: Mach mit. Mach’s nach. Mach’s besser!

Nachtrag: Im oben verlinken Heise-Artikel findet sich ein Link zu einem Artikel in der Süddeutschen. Wer die Hintergründe und damit zugleich die strategische Wichtigkeit der Kabel-Veröffentlichungen besser verstehen will, sollte sich von der SZ in die Welt “Der Gegenverschwörer” entführen lassen. Dieser Artikel dürfte damit auch der Auftakt sein, zu einer breiteren Debatte darüber, was Wikileaks für die planetare Gesellschaft bedeutet. Und genau darum muss es angesichts der spürbaren großen Veränderungen gehen: Um die Frage, wie unsere Spezies sich künftig auf dem Raumschiff Erde einrichten will.

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Offene Botschaft

28. November 2010

Der neue Wikileaks-Coup: Eintritt in ein neues Zeitalter der Informationsfreiheit oder Aufreissen einer Nebelbombe?

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Schmierige Geschäfte

31. Mai 2010

Was waren das noch für Zeiten, als europäische Autofahrer sich nicht damit abfinden wollten, daß eine Spritklitsche ihren Öltank einfach im Meer versenkt: Anno 1995 lenkte Greenpeace die Aufmerksamkeit der Medien und damit der Öffentlichkeit auf Bent Spar und löste eine Boykottaktion von Shell aus. Noch heute tanke ich nicht bei der Firma mit dem Muschellogo. Es gibt auch heute noch genügend Gründe, das zu lassen.

Was sind das für Zeiten, wenn ein anderer Ölkonzern gleich sein ganzes Ölfeld ins Meer entleert und alles was passiert ist das oberflächliche Säuseln im Medienwasserglas? “To big to fail” fällt mir da ein – mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist ein Problem entstanden, was so groß ist, daß niemandem eine passable Lösung einfällt. BP soll das Leck im Ölfeld schließen, schafft es aber offenbar nicht. BP vom Projekt abzuziehen macht wenig Sinn, würde Zeit und Erfahrung kosten und was würde es bringen? BP für das Problem zu bestrafen bringt so lange wenig Punkte, wie das Öl-Loch nicht verschlossen ist. So lange das Öl fließt brauchen wir den Konzern, brauchen wir dieselben Leute, die das Problem eingebrockt haben.

Doch Halt mal! Wer hat uns da eigentlich das Problem eingebrockt? BP, weil die Ingenieure nicht zuverlässig gearbeitet haben? Barack Obama, weil er das Fördern in dieser Meerestiefe erlaubt hat? Man sagt: Wenn man den Zeigefinger auf andere richtet, zeigen drei Finger auf uns selbst zurück. Und genau hier beginnt unsere eigene Verantwortung.

Über 80 Millionen Barrel Öl werden Tag für Tag auf diesem Planeten gefördert und nahezu sofort verbraucht. Kunststoffe, Pestizide und Düngemittel, Heizöl und vor allem Sprit – all das und noch viel mehr wird aus Öl gemacht, dem Rohstoff, wegen dem BP in 1500 Meter Wassertiefe bohrt. Öl ist der Energieträger mit der größten Energiedichte, den wir nutzen und er ist so leicht zu transportieren. Würde Öl von heute auf morgen aus unserem Wirtschaftsleben verschwinden, sähe dieses völlig anders aus: Kein PKW würde Pendler von zuhause zum Arbeitsort bringen, kein Flugzeug Touristen um den halben Globus karren. Kein LKW würde die Supermärkte der Städte füllen und die Fabriken der Welt könnten nicht ansatzweise die Menge an Konsumgütern aus Plastik herstellen. Öl ist überall. Und wir sind abhängig wie Junkies.

Einer der ersten Artikel, den ich für meine Seite peak-oil.com geschrieben habe, heißt Junkie Business und bezieht sich ebenfalls auf BP. “Peak Oil” ist im Grunde das Zauberwort, warum BP überhaupt in 1500 Metern Meerestiefe Öl fördert. Denn unserer Öl-Abhängigkeit steht das Problem gegenüber, daß die leicht zu erreichenden Öl-Lagerstätten bereits ausgebeutet sind. Global sind wir an einem Punkt angekommen, wo die Menge des täglich förderbaren Öls stagniert und sich nicht weiter steigern läßt. Etwas mehr als 80 Millionen Barrel täglich ist der Förderhöhepunkt, viel mehr wird es nicht mehr werden. Im Gegenteil: Die Ironie technischer Innovationen bei der Ölförderung, sagt Colin John Campbell in einem Interview im Film “A Crude Awakening”, ist die Tatsache, daß je besser wir das Öl fördern, es umso schneller alle ist. Und die absehbare Leere der leicht erreichbaren Förderstellen führt uns zu immer gefährlicheren Orten, wo wir das schwarze Gold fördern wollen. Zum Beispiel in die Tiefsee.

Öl schmiert unsere Lebensweise. Es ist der energetische Treibstoff unserer Wirtschaftsweise. Ohne Öl können wir uns Opel&Co. abschminken. Das Wissen um Peak Oil ist noch nicht besonders weit verbreitet. Genau wie im Vorfeld der Finanzkrise, die auf dutzenden Blogs jahrelang angekündigt und vorab diskutiert wurde, wird heute die aufkommende Rohstoffknappheit ignoriert. Liegt es daran, daß wir alle von den schmierigen Geschäften von BP&Co. profitieren? Dass sie uns billig Energie liefern auf Kosten der Umwelt? Dass wir uns so schön eingelebt haben in unserem Ikea-Dasein, daß wir von Änderungen – grundlegenden Änderungen – lieber nichts wissen wollen?

In der Zeit gibt es ein kurzes Interview zu einem möglichen Boykott von BP. Es zeigt, wie leicht es uns als “Konsumenten” fällt, Gründe zu finden, BP nicht zu boykottieren. Es wäre aufwendig. Es bringt zuerst mal wenig. Mag alles sein. Wer aber nicht auf den Kopf gefallen ist, sollte beginnen, seine eigene Abhängigkeit vom Öl zu hinterfragen und sich auf die Suche nach einem Leben ohne Öl zu machen. Langfristig ist dies die beste Strategie: Für jeden selbst, denn wer sich Öl-Sucht spart spart sich künftig enorme Preise; für unser Umfeld, denn wenn wir eine Wirtschaft schaffen, die ohne Öl auskommt ist das die beste Vorbeugung für die Zukunft; für unsere Umwelt, denn je weniger Öl wir verbrauchen, umso weniger müssen wir fördern und können uns den Weg in die Tiefsee vielleicht sparen. Das mag unwahrscheinlich sein, nicht wenige “Peak-Oiler” befürchten, daß wir auch noch den letzten Tropfen aus der Erde holen und verfeuern. Doch nichts zu tun, ist keine Lösung. Wer nur einen Hauch dazu beitragen will, daß es überhaupt Zivilisation nach dem Öl gibt, der sollte bereits heute seinen Teil dazu beitragen, uns vom fossilen ins solare Zeitalter zu bringen.

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Stadtmarketing, Teil 1. Heute: Dresden

04. Dezember 2009

Dresden ist’ne Reise wert. Das weiß man seit letztem Wochenende nicht nur in Braunschweig, das wissen seit Jahren viele Leser und Leserinnen der allgemeinen Medienlandschaft. Frei nach dem Motto, jede Nachricht ist eine gute Nachricht bemühen wir Bewohner uns seit Jahren, immer neue Ereignisse zu generieren, damit die Welt uns sieht und hört und wir nicht den Eindruck bekommen, Dresden verkomme erneut zum Tal der Ahnungslosen – so ganz ohne Aufmerksamkeit der “Westpresse”. Unser Programm reicht von Architektur bis Kabarett, von Krimi bis Katastrophenfilm, von Kunst bis Knallkörper, von Sportereignis bis Demokratie in Reinform – man weiß gar nicht, wo man anfangen soll.

Unser Fußballverein brilliert dadurch, daß er sich in der dritten Liga eins dieser hypermodernen Stadien bauen läßt, was er sich nicht leisten kann. Dafür ist der Laden Vorreiter beim GenderMainstreaming, denn die grade frisch einfusionierte Frauenmannschaft ist inzwischen erfolgreicher als die alternden Kerle. Muss aber sein, denn nächstes Jahr ist Frauenfußball-WM, auch in Dresden! Ob die genauso lebhaft wird, wie das hiesige Hooligan-Milieu?

Mit der Architektur haben wir es ganz besonders, die ersten Gerüchte werden laut, die Betonmafia hätte sich in den Dresdner Stadtrat eingekauft.  Lukrativ, lukrativ, dieser Betonmarkt. Denn trotz Peak Oil bauen wir Canaletto-Blick-Brücken und planen vierspurig. Wer das noch nicht gesehen hat, sollte seine Ferien bei uns planen!

Dresden ist Einkaufsmeile schlechthin, der ansässige sächsische Landtag plant nicht nur, die Ladenöffnungszeiten endlich freizugeben, wir haben auch die größten Einzelhandelsflächen in Sachsen. Da sind wir stolz drauf, wir wollen halt mithalten! Und jeder Quadratmeter bedeutet Umsatz bei den Betonindustrie und wir wissen ja alle, wie nötig wir Wachstum und Arbeitsplätze brauchen. 900.000 Quadratmeter bei 500.000 Einwohnern, bald gilt: 2 Quadratmeter für jeden! Hier gibt es was zu kaufen!

Ja, wir sind in der Wettbewerbs- und Werbewelt angekommen! Wir wissen, wie man sich vermarktet und die dünne Haut einer Stadt zu Markte trägt.  Unübertroffen ist aber das elegante Zusammenspiel zwischen den Medien und unserem politischen Kulturprogramm. Man nehme: Ein Bild, eine Bild und eine bildschöne Oberbürgermeisterin, bilde letzteres auf ersterem ab (mit Canalettobeton als formschönen Hintergrund) und lasse zweitere empört zu letzterer laufen, um dann vor Gericht zu ziehen. Zu verwirrend? Stimmt doch gar nicht:

  • das Bild, um das es geht, findet sich auf der ursprünglichen Seite nicht mehr
  • die Bild, die das Bild unserer Oberbürgermeisterin Orosz zur Empörung vorgelegt hat, hat ihren Erlebnisbericht hier geschildert. Da sieht man auch das Bild, aber leicht zensiert. (Natürlich!) Unter dem werbewirksamen Titel: Oberbürgermeisterin Orosz ganz nackt im Internet! Wer würde da nicht klicken?
  • Und wer dann trotzdem nach dem Bild sucht, bekommt dazu noch einen netten Text.

Ich meine: Besseres Stadtmarketing ist nahezu unmöglich. Grüße nach Toronto!

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Die Mißtrauensrepublik

11. November 2009

Etwas hat sich geändert.

“Schrei niemals FEUER, wenn’s nicht brennt. Sonst kommt nämlich niemand, wenn du wirklich Hilfe brauchst.” Stammt aus irgendeinem Film. Passend ist dieser Satz in diesem Beitrag deshalb, weil man angesichts von SARS (2004) und Vogelgrippe (2005/2006) auf den Gedanken kommen könnte: Weil die grippale Apokalypse trotz enormem Medienrummels ausblieb, weigert sich heute (2009) das halbe Land, sich seine staatsbürgerliche Schweinegrippe-Spritze abzuholen. Die Skepsis gegenüber Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der angepriesenen Impfung ist enorm. So enorm, daß es Zeit ist, sich Gedanken über Vertrauen und Mißtrauen in einer Gesellschaft wie der unseren zu machen.

Früher waren Ärzte Vertrauenspersonen. Wer sich ungesund fühlte oder ungesund war ging zum Arzt seines Vertrauens und ließ sich helfen. Es war nicht notwendig, das Handeln dieses Helfers zu hinterfragen, unlautere Absichten der beruflichen Königsklasse kamen niemand in den Sinn. Doch seitdem auch Gesundheit, wie so vieles andere, von einer Industrie bearbeitet wird, schwindet dieses Verhältnis. Der Zweck der Ärzte und der Zweck der Industrie gehen nicht in dieselbe Richtung, vielmehr stehen sie sich nahezu unvereinbar gegenüber. Zweck der Ärzte ist die Heilung, Zweck der Industrie das industrielle Geldverdienen. Unter Beachtung des Wachstumsparadigmas ist Heilung kontraproduktiv, zahlt man hierzulande doch nur, wenn man krank ist. Heilung bedeutet, Nichtzahler zu produzieren – was keiner Industrie gelegen sein kann.

Seitdem die Grenzen der Werbung verschwunden und verschwommen sind, fühlt man sich überall zum Kaufen animiert. Der gemeine Weltenbürger kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem, was er wirklich braucht und dem, was ihm aufgeschwatzt wird. Und seitdem PR und die Lancierung von Pressemeldungen zum Zwecke der redaktionellen (=vertrauenswürdigen) Aufarbeitung genutzt werden, ist die Werbung auch im politischen Raum angekommen. Im Fall der Grippe-Impfung ist die Zielgruppe sehr klar zu definieren: Die paar Hanseln, die man Bundesregierung und Parlamentarier nennt, denn die paar Köpfe können per Handstreich hunderte Millionen locker machen – keine Werbekampagne, die sich an Otto Normalverbraucher richtet erreicht solch ein Kopf-zu-Umsatz-Verhältnis. Bei diesem (unterschwelligen) Wissen in breiten Teilen der Bevölkerung ist es nicht unwahrscheinlich, daß viele nicht mehr wissen, ob die Zeitungsberichte über Schweineviren und Impfeuphorie echter Alarm oder nur die Auswirkungen einer imposanten Marketingaktion sind. Und seitdem die Sättigung der Auto-Märkte offensichtlich ist, braucht der Kapitalismus neue Absatzmärkte, warum nicht die Venen unserer Mitbürger?

Doch die Impf-Diskussion ist nur eines der Schlachtfelder, in der der Kampf um das Vertrauen geht. Vertrauen ist die Grundlage jeder Gesellschaft. Löst es sich auf, lösen sich die gesellschaftlichen Bindungen. Eine Gesellschaft ohne Bindungen ist keine, sie ist nur eine Menge von Individuen. Der “Erosionsprozess” des Vertrauens setzte aber weit vor der Grippe ein, ganz persönlich darf ich den vorläufig letzten Höhepunkt in 2001 datieren. Zehntausende Menschen allein in diesem Land glauben nicht an die offizielle Darstellung des 11. September 2001. Schon damals gab es einen intensiven Bruch zwischen den Bürgern und anderen gesellschaftlichen Strukturen. Dieser Bruch ist genauso wie die Menge an “Skeptikern” größer geworden. Der nächste Schub kam letztes Jahr, als das Vertrauen in die Bankiers (und jenes, das die Bankiers untereinander hegen) sich mit den ersten Banken in Luft auflöste – und Angela Merkerl dazu brachte, ihre ganze Person in die Waagschale zu legen, um den Sparer davon abzuhalten, seiner Matraze mehr zu trauen als seinem Geldverwalter. Spröder Kitt, der da in die Fugen geschmiert wurde. Man merkt es an solch kleinen Details, wie das Finanzamt einen behandelt, wie Geschäftspartner plötzlich drauf sind, wie die Redakteure sich bemühen, ihrer Verantwortung nachzukommen, indem sie ihr eigenes Mißtrauen nicht allzusehr in die Jubelmeldungen einfließen lassen, um sich nicht selbst dem Vorwurf auszusetzen, sie würden die Krise herbeischreiben.

Wie kurzatmig Vertrauen im politischen Zirkus ist,  musste gleich nach der Wahl die FDP erleben, die laut Umfragen danach gleich mal wieder einige Prozentpunkte abgeben musste, nachdem die Wohlfühlversprechen sinkender Steuern an der harten Schuldenrealität zerplatzt sind. Die Politik, die Politik, sie ist das seltsame Spielfeld, was eigentlich seit Jahrzehnten schon mit Mißtrauen zu kämpfen hat. Ein ganzes Drittel der Bevölkerung geht schon gar nicht mehr hin, wenn zum Stimmenabwurf gerufen wird. Man erwartet von oben nix, und das ganz wohl zurecht. Sitzen doch in der Regierung ein vergeßlicher Waffenhändler-Freund als Finanzminister neben einem schwerreichen, industrieverbandelten Verteidigungsminister, wo man doch (von hier unten aus betrachtet) nicht wirklich glaubt, da kämen Entscheidungen raus, die ins eigene Fleisch schneiden?

Nunja. Ab morgen kommt ja der neuer Emmerlich ins Kino. Weltuntergang. Auch wenn nun fraglich ist, ob 2012 die Welt verloren ist, so verdichten sich doch die Erscheinungen die signalisieren, daß die alte Welt schon ihre Stunden schlagen hört.

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