Archiv 'gedanken.feld'

Japan

24. März 2011

Seltsam, welche Gedanken einem angesichts Erdbeben, Tsunami und atomarer Katastrophe durch den Kopf gehen. Da geht es mir ein bisschen wie Sascha Lobo mit seinem Benzini, der das ziemlich gut auf den Punkt bringt. Zum Beispiel, dass künftig wohl niemand mehr von der “japanischen Krankheit” sprechen wird, von der in den letzten Jahren immer dann die Rede war, wenn die Stagnation der japanischen Wirtschaft beschrieben wurde.

Durch den Kopf gehen aber auch Songtexte wie “Strahlend wird die Zukunft sein, hat man uns erzählt, ja ich weiß ich war noch klein, Jahre wenig auf der Welt, Strahlend wird die Zukunft sein, höre ich noch heut, geh’n wir am Atommüll ein oder wie ist das gemeint?”. So sangen die Skeptiker. Sandra müßte ihren Welthit “Hiiiiroshima…” fortsetzen mit “Fuuuukushima…” – es erscheint sehr seltsam, dass ausgerechnet das atombombengeplagte Japan so unreflektiert auf Atomenergie setzt, es erscheint zugleich Ironie der Geschichte, dass dieselbe Kultur nun erneut von dieser Kraft beschädigt wurde. Oder Kraftwerk: “Radio.Ak.Tivität – dupdup, dupdupdupdup, dupdupdupdup.”

Kulturverarbeitend hatte Atomenergie eindeutig in den 1980ern ihren Höhepunkt. Nach Tschernobyl, vermutlich. 20 Jahre Schweigen und ein Tsunami später, müssen wir uns doch nochmal vor Augen halten, was solch ein Kernkraftwerk anrichten kann, wenn es sich der menschlichen Kontrolle entzieht. Auf Höhe des Kraftwerks ist die japanische Insel vielleicht 100 km breit. Die US-Truppen hatten ihre Leute im Umkreis von 80 Kilometer um den Reaktor evakuiert. Geht das Ding wirklich noch in die Luft oder schaffen wir es nicht, den Dingen Einhalt zu geben, entstünde vielleicht eine unbewohnbare Zone, die Japan in Nord- und Südjapan teilt. Ein kultureller Gau! Diese Zivilisation, tausende Jahre alt, die sowieso nur eine schmale, enge Insel bewohnt, würde geteilt. Was bedeutet das für diese Kultur? Wie lange würde solch eine Teilung anhalten? Selbst 40 Jahre Teilung haben in Deutschland zu teilweise sehr unterschiedlichen Kulturen geführt (auch wenn das niemand so recht hören will und die Trennung sich zunehmend auflöst), was passiert, wenn dies einer jahrtausendealten Kultur passiert?

Selbst wenn der Reaktor wieder “eingefangen”, abgedichtet und vielleicht sogar wieder betriebsfähig gemacht wird, die Situation ist weder so harmlos noch ist die Hysterie begründet. Aber Sorgen sollte uns die Vorstellung schon machen, wieviel radioaktive Stoffe bei der “Meerwasserkühlung” in den Ozean geraten sind, wie viele Mutationen dadurch möglicherweise in Gang kommen, wieviel in die Nahrungsketten und letztlich auf unserem Tisch landet.

Atomenergie, so schreibt Niels Boeing, ist ein Produkt des militärisch-industriellen Komplex des 20. Jahrhunderts. Davon sollten wir Abschied nehmen. Auch wenn hier und jetzt kein einfacher Lösungsansatz präsentiert werden soll, müssen wir uns angesichts Fukushima täglich neu fragen: Ist dieser Lebensstil das, was sinnvoll ist?

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Idioten auf den Barrikaden

04. November 2010

“Traurig, aber wahr: Man steht heutzutage wie ein Idiot auf seinen Barrikaden.” ist der letzte Satz des lesenswerten Interviews mit Lars Kraume, dessen neuer Film “Die kommenden Tage” so manche apokalyptische Vision in bewegte Bilder fassen könnte. Ich hab den Film noch nicht gesehen, den die FR mit vernichtender Kritik straft. Doch das Interview ist Auslöser, dass mal wieder ein Artikel auf feldpolitik.de erscheint.

Wir haben grade “Planet der Affen” mal wieder ausgegraben und sehen aktuell manchen Abend durch alle 5 Filme. Cineastisch bewandert suchen wir nach Filmfehlern und merken: Man könnte solche Botschaften, wie sie “Planet der Affen”  angesichts der atomaren Bedrohung und der Hochnäsigkeit der Menschheit gegenüber ihren nichtmenschlichen “Mitbewohnern” verdeutlicht, heute kaum noch drehen: So naiv werden wir leider nicht mehr, um diese einfache Weltsicht in Filme zu gießen.

Unsere Welt heute dagegen kommt mir zunehmend vor wie ein Fass, aus dem an dutzenden Stellen der Lebenssaft rinnt. Die USA bewegen sich wahlpolitisch wieder ins Bush-Zeitalter, während sie währungspolitisch am Zünder fummeln. Im Spiegel-Artikel findet sich der Satz: “Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sieht die Maßnahmen als Akt der Verzweiflung.” Akt der Verzweiflung! Es glaube keiner, die Finanzkrise sei vorbei. Was das große Geld macht, das auf Bernankes FED da generiert, kann man auch im Spiegel lesen: Bauernland in Bonzenhand. Und bekommt einen Eindruck, von den kommenden Tagen.

Bildunterschrift im nächsten Artikel: “Demonstration gegen Stuttgart21: Wird das Land unregierbar?” Wolfgang Kaden stellt die Frage, wieviel direkte Demokratie wir ertragen können. Angesichts mancher Themen, wie der Frage nach der Atomkraft habe ich wenige Zweifel, schaue ich mir dagegen die immense Vielfalt an Themen auf dem Petitions-Portal des Bundestags an, dann frage ich mich schon manchmal, wo meine Mitbestimmung anfangen und wo sie aufhören sollte. Also doch: Liquid Democracy?

Demonstrieren jedenfalls, hab ich das Gefühl, bringt heutzutage kaum noch Punkte. Wer will gegen Ben Bernankes Geldpolitik erfolgreich auf die Straße gehen? Wer will Peak Oil demonstrierend lösen? Da wär’ man doch der letzte Idiot auf einer Barrikade, oder?

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Ein Waldschlößchen für Stuttgart(21)

02. Oktober 2010

Man muss sich doch wundern: Da werden endlich mal Investitionen in den Eisenbahnverkehr geplant, und trotzdem gehen die Leute auf die Barrikaden. Hauptsächlich grüne, vermutlich. Bis hin zu Wasserwerfern gehts jetzt schon. “Stuttgart21″ heißt das Stichwort, daß aus der Schwabenhauptstadt ein neues Dresden macht.

Dresden? Das Schlagwort, was das schöne Elbflorenz seit Jahren spaltet, heißt hier nicht “Bahnhof”, sondern “Brücke”, genauer “Waldschlößchenbrücke” und hat mit Stuttgart einiges gemeinsam: Es handelt sich um ein Verkehrsprojekt, es müssen Bäume dran glauben, sein Budget ist überdurchschnittlich, es ist CDU-geplant und es lief seit Jahren durch die langsam mahlenden Mühlen deutscher Bürokratur und als es dann plötzlich fertigeplant war wurden Bäume besetzt, Besetzer gwaltsam geräumt, Bäume gefällt, Beton verbaut. Hier in Dresden bäumen sich noch ein paar Naturschutzverbände auf, deren Aufgabe es ist, Naturschutzbelange auch gerichtlich berücksichtigen zu lassen, ansonsten läuft das Projekt seinen geplanten Gang. Ein gewisses Maß an Resignation hat Einzug gehalten, etwas, was den Stuttgartern Protestierern auch noch passieren kann.

Doch warum eskalieren neuerdings solche Projekte? Sind sie nicht nützlich? Dresden braucht dringend eine weitere Elbquerung, wenn der Autoverkehr nicht kollabieren soll. Die anderen Brücken sind dicht und baufällig, rein autoverkehrstechnisch ist diese Brücke ein passender Gedanke! Und Stuttgart hat die Chance auf bessere Anbindung zum europäischen Eisenbahnnetz inklusive Milliardeninvestitionen in die Innenstadt und der Rückgewinnung wertvollen innenstädtischen Raumes. Die Eisenbahn gilt als umweltfreundliches und zukunftsträchtiges Verkehrssystem. Warum also will der Bürger diese Projekte nicht?

Vielleicht geht es den Protestierern und Trauerern gar nicht so sehr um die Brücke oder den Bahnhof an sich. Vielleicht sind es viel subtilere Gründe, die diese Proteste provozieren. Beispielsweise die Größenordnungen. Milliarden werden in Stuttgart verplant. Es ist ein gigantisches Vorhaben, nicht so groß wie der Jangtze-Staudamm, aber der ist ja auch kein Innenstadtprojekt. Und auch wenn es wesentlich kleinere Milliardenbeträge sind, als der Staat den Bankräubern in den letzten Jahren in den Rachen geworfen hat, wird das Unbehagen bei solchen Großprojekten doch zunehmend intensiver. Welches öffentliche Projekt hält sich schon an die geplanten Budgets? So gut wie keins. Verteuerungen im Projektablauf sind üblich, nicht die Ausnahme! Es geht in Stuttgart auch nicht nur darum, einen Bahnhof umzuplanen. Dort wird im Grunde eine ganze Innenstadt umgebaut. Einerseits macht das ja mal Sinn, nicht nur Kleinkram anzugehen, sondern mal Das Große Ganze umzuackern. Gerade jene, die immer noch auf die Weltrevolution warten, sollten da doch mal dankbar sein, daß irgendwo mal großflächig damit angefangen wird. Andererseits: Wer will dort leben, wo er 10 Jahre seines Lebens auf einer Baustelle verbringen wird? Wenn wir immer erst jahrelang im Dreck leben sollen, bis das Paradies erbaut ist (und dann ist das Leben rum) – wen überzeugt sowas?

Vielleicht ist es aber auch das mulmige Gefühl darüber, ob die Planer auch wirklich alles beachtet haben? Haben sie ihre Idee des neuen Bahnhofs wirklich ausreichend durchdacht? Sicherlich, wenn es darum geht zu wissen, wo welche Säule welche Dachkonstruktion tragen wird oder wo welches Display künftig die An- und Ankünfte anzeigt. Für die Bausteine innerhalb des Bahnhofs habe ich keine Zweifel. Aber hat man sich auch um die Schnittstellen nach außerhalb gekümmert? DieVerbindungen des neuen Bahnhofs zu den zu- und ablaufenden Schienensträngen? (Hat man von den Tunneln in Leipzig und Köln gehört?) Seine Verbindungen in die lokale Nachbarschaft? Seine Bindungen zu den Bewohnern der Stadt, dessen Teil er ist? Offensichtlich hat man da nur schlampig geplant, sonst gäbe es die jetzt spürbaren Reaktionen aus eben diesem Umfeld nicht! Und dieses Unbehagen ist verständlich! Denn in Dresden hat man sich darum einen Dreck gekümmert. Die Brücke ist nehazu losgelöst von vielen anderen Aspekten geplant. Sie wird eine reine Autobrücke, obwohl Peak Oil vor der Haustür steht und Dresden ein ansehnliches Straßenbahnnetz hat – was aber nicht über die Brücke fortgeführt wird. Mangels ganzheitlicher Verkehrsplanung für die Stadt blieben die Zu- und Abflüsse der Brücke unbedacht. Der Fetscherplatz, auf den man südlich der Elbe von der Brücke kommend zufahren wird, ist bereits heute eine Staufalle, für den zusätzlichen Verkehr wird dieses Nadelöhr nicht größer. Vielmehr wird zunehmender Schleichverkehr über die Seitenstraßen erwartet was die Wohnsituation in den angrenzenden Vierteln nicht gerade verbessert. Die Brücke wurde nahezu losgelöst von ihrer verkehrlichen Umwelt geplant.

Wenn man dies weiß stellt sich doch die Frage, ob nicht andere Projekte – Stuttgart21? – ähnlich kurzsichtig angegangen wurden. Verglichen mit dem Großprojekt Stuttgart ist die Waldschlößchenbrücke ja noch ein Kleinprojekt (mal abgesehen davon, daß es internationale Verwicklungen auslöste, weil es ausgerechnet an der breitesten Stelle der Elbwiesen mitten im Welterbe-Gebiet geplant wurde und die Stadt – sowie das Land – eben jenen Welterbestatus kostete). Welch Unsinn kann man verzapfen, wenn man mehrere Milliarden statt nur ein paar dutzend Millionen Euro in den Boden rammt?

Vielleicht kommt der Protest aber auch aus einer grundlegenden Unsicherheit heraus. Wer kann schon sagen, ob das, was heute geplant und gebaut wird, in 10 Jahren überhaupt noch sinnvoll ist? Gigantische Vorhaben werden angeschoben – aber auf welches Ziel wird eigentlich zugebaut? In diesem Land gibt es außer der Steigerung des Bruttoinlandsproduktes keine gesellschaftlichen Ziele. Woran orientieren sich also solche Projekte wie Stuttgart21 oder die Waldschlößchenbrücke? In welchem Gesamtkontext sollen wir sie sehen und einordnen, wie sollen wir sie bewerten? Doch hoffentlich nicht daran, daß ein paar Arbeitsplätze während der Bauzeit entstehen. Wenn es darum geht könnten wir auch Autobahnen zwischen Wanne-Eickel und Riesa bauen – irgendwas sinn- und zielloses fällt uns schon ein, um die Zeit totzuschlagen. Die Vermutung liegt ja nahe, daß mit großen Verkehrsprojekten auch große Unternehmen profitieren. Und dass die Betonlobby ganze Arbeit geleistet hat. Korruption macht auch vor der CDU nicht halt. Dass sich der deutsche Michel in der jüngsten Finanzkrise über den Löffel balbieren liess, spürt er. Er will das nicht gleich nochmal haben. Da aber zunehmend unklar ist, wer hierzulande eigentlich deine Freunde sind und wer zur Sorte der geschäftsfreudigen Staubsaugervertreter zählt, wird das Mißtrauen nicht grade kleiner.

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Geschlossene Gesellschaft

01. August 2010

“Die Einteilung in Klassen war in der hierarchisch gegliederten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts selbstverständlich” sagt wikipedia über die Entwicklung des Klassensystems in der Eisenbahn. Hierarchisch gegliedert würden wir unser heutiges Gesellschaftssystem wohl kaum mehr nennen, aber 1. und 2. Klasse gibt es bei der Deutschen Bahn immer noch. Wer sich aus der 2. Klasse ohne passenden Fahrschein in den oftmals freien Sitzen der 1. Klasse lümmelt, muss mit Ärger rechnen. So durchlässig, daß man selbst bei Gedränge auf den billigen Plätzen der feinen Gesellschaft auf die Pelle rücken kann, ist unsere Gesellschaft eben doch noch nicht. Aber wer heute genau hinschaut sieht die Grenzen sich bewegen.

Die Idee zu diesem Artikel liefert Wikileaks. Wer nicht ganz vom medialen System abgeklemmt ist, ist dieser seltsamen Organisation in den letzten Wochen begegnet. Zur Erinnerung: Die Plattform bietet die Möglichkeit, interne Dokumente aus Behörden und Institutionen an die Öffentlichkeit zu bringen. Zuletzt gelang dem Nichtgeheimdienst aus Nirgendwo ein besonderer Coup, als nicht nur über 90.000 Dokumente über den Krieg in Afghanistan an die Öffentlichkeit kamen, sondern zugleich der deutsche SPIEGEL, die US-New York Times und der britische Guardian diese Papiere vorab analysierten und konzertiert Titelgeschichten darüber brachten. Sowas bringt die Politik auf Trab!

Aber muss man sich nicht wundern? Am 30. September 2001 setzte die US-Regierung unter George W. Bush Truppen und Raketen in Gang, um das Land umzukrempeln, in dem Osama bin Ladin, dessen angebliche Organisation Al Qaida und die Taliban zu finden sein sollten. Anlass war der Anschlag vom 11. September, weshalb die USA sich zunehmend in dieselbe Situation manövrieren, wie die Sowjetunion in den 1980ern. Fakt ist: Dieser Krieg läuft bald 10 Jahre, muss man nicht annehmen, daß alles über ihn bekannt ist? Was können 90.000 Dokumente von Wikileaks denn Neues erzählen, wo liegt die Brisanz, so daß die US-Behörden jetzt die Mitarbeiter von Wikileaks unter ganz besonderen Druck setzen?

Gut möglich, daß es gar nicht so sehr um die Afghanistan-Papiere geht. Vielleicht geht es mehr um die Vorbild-Wirkung, die solche Veröffentlichungen haben. Ich meine: Was würde aus der Welt werden, wenn ein Mitarbeiter der CIA mal eben die Dokumente zum 11. September in die Welt kippt, statt sie in den Archiven vermodern zu lassen? Es gibt in dieser Welt kleine und größere Geheimnisse, doch Wikileaks-Sprachrohr Julian Assange ruft genau dazu auf, sie in die Welt hinaus zu bringen.

Wikileaks und das Internet demonstrieren, daß wir an der Schwelle zu einer neuen Gesellschaftsform, zu einer neuen Weltordnung stehen. Auf der webinale2009 wurde mir nochmal deutlich, daß mittels Internet wirklich jeder zum Sender werden kann. Das Monopol, Informationen über mehr als den eigenen Freundes-, Familien- und Kollegenkreis hinaus verbreiten zu können, ist mit der Entwicklung des IP-Protokolls gestorben. Radio, Fernsehen und Zeitungen hatten bis dato das Privileg, von wenigen Menschen gefüllt und zugleich von vielen konsumiert zu werden. Internet fragmentiert dieses Monopol, Millionen von Sendern sind auf Sendung und sie erreichen unterschiedlich große Zielgruppen. So finden sich Menschen mit ähnlichen Weltbildern, aber die Fragmentierung der Sender fragmentiert auch die Weltsichten. So stark, daß selbst Angela Merkel merkt, daß sich hier etwas im Wandel befindet:

Heute wird es durch die Vielzahl der Informationskanäle, und besonders durch das Internet, immer schwieriger, ein Gesamtmeinungsbild zu erkennen. [..] Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen. [..] Mit dieser Veränderung muss die Demokratie in Deutschland und in den anderen westlichen Ländern umgehen lernen. Angela Merkel zitiert in der ZEIT.

Die Demokratie muss damit umgehen lernen. Und da sind wir bei der Heuchelei, die darin steckt, wenn jetzt die US-Behörden gegen Wikileaks-Mitstreiter vorgehen: Demokratie bedeutet, daß das Volk mitbestimmt. Werden dem Volk jedoch Informationen vorenthalten, die eine sinnvolle Entscheidung überhaupt möglich machen, so wird Demokratie wahrhaft schwierig. Man könnte in Wikileaks und der behördlichen Verfolgung das ewige Spiel zwischen Fortschritt und Reaktion sehen: In diesem Fall zwischen der aufkeimenden Offenen Gesellschaft, die staatliche Informationen als Eigentum seiner Bürger betrachtet, und den alten Strukturen der Geschlossenen Gesellschaft, die Informationen einer informierten Elite vorbehalten glaubt.

Im Fall des Afghanistan-Krieges findet die Diskussion über dessen Fortführung ja überwiegend in den politischen Gremien der Parteienlandschaft sowie in den Meinungsseiten der Printmedien statt. Otto Normalverbraucher muss, wenn ihn diese Frage nach 9 Jahren Dauerberieselung überhaupt interessiert, nach Gefühl entscheiden. Mehr Informationen, als über die Filter der Medien, kommen ja kaum zu ihm durch. Andererseits: Kaum eine Privatperson wird sich durch die 90.000 Dokumente bei Wikileaks wühlen, Vorfilter sind da herzlich willkommen. Aber selbst Vorfilter brauchen etwas, was sie filtern und aufbreiten können: Informationen!

Als die Bürger der DDR 1989 den Zug zum Rollen gebracht hatten, war eine der ersten Handlungen die Besetzung und Sicherung der Stasi-Gebäude. Man wollte wissen, was dort vor sich geht, wollte Dokumente sichern, um zu sehen, was gesammelt worden war. Archive wie die der Stasi gibt es heute immer noch rund um den Planeten. Geheimnisse, Geheimgehaltenes und Weggeschlossenes. Und mit dieser Heimlichtuerei entzweit sich die menschliche Gesellschaft in jene, die wissen dürfen und jene, die dies nicht tun. “Hierarchisch” würde man das vielleicht nicht nennen, aber Spuren eines Kastensystems bleiben. Wie würde eine andere, als die Geschlossene Gesellschaft damit umgehen?

Es gibt weitere Baustellen in dieser Gesellschaft, die sich an diesem Thema reiben. Urheberrechte treffen heute auf moderne Technik. Bits und Bytes, die sich in sekundenschnelle über den Globus verteilen lassen (dank IP-Prokoll), aber juristisch dies gar nicht dürften. Abmahnwellen durchlaufen die Industriegesellschaften, ein Kampf zwischen technischem Fortschritt und aktueller Rechtslage. Grundtenor: “Sperrt das Wissen wieder ein, es gehört uns, den Eigentümern”. Modelle wie OpenSource, Open Manufacturing, CC-Lizenzen oder die Idee der Gemeingüter versuchen, diese einschränkenden Modell aufzubrechen. Es ist unwahrscheinlich, daß der “Kampf” morgen schon entschieden wird, aber es ist absehbar, daß hier (mindestens) zwei Weltbilder bzw. Denksysteme miteinander fechten. Möge der bessere gewinnen.

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Die neue Feldordnung

20. Juli 2010

Es war einmal das Märchen vom Ende der Geschichte, und wie ich das ganze verstanden habe ging es darum: Der Kapitalismus hat gewonnen, weil der Kommunismus verloren hat. Ende.

Ich finde den Gedanken faszinierend, daß unsere Spezies sich aus etwas heraus entwickelt hat, das nicht unsere Spezies war. Aus den Affen. Und die Affen entwickelten sich aus etwas, was kein Affe war. Und so führt sich die biologische Geschichte von der Entstehung eines Einzellers bis zum heute: Der Epoche, wo der Mensch als Krönung eines Asts der biologischen Evolution seine Lebenswelt in einem rasenden Spurt verändert. Wir nennen das Fortschritt.

Entwicklung ist das Grundprinzip der Biologie, man könnte wohl sagen, daß die Biologie sich aus der Chemie heraus entwickelt hat, der Einzeller aus einer Suppe. Und die Chemie ist die Weiterentwicklung der Physik, von Wellen und atomaren Bausteinen hin zu chemischen Verbindungen. “Geschichte” ist dann wohl das, was die Entwicklung des Menschen aus der Biologie her darstellt. Und die ist jetzt zuende?

Woran merkt man, daß Dinge sich ändern. Indem man auf die Uhr schaut. Wir schreiben das Jahr 2010 und wir sind alle belogen worden. Keine fliegenden Delorians in Sicht, keine Zeitreisen, keine wahrhaft menschliche Gesellschaft. Marx und Lenin, H.G.Wells, Michael J. Fox und Robert Zemeckis haben uns betrogen. Das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends begann mit einem lauten Knall. Hochhäuser stürzten ein und wir dachten, wir würden uns dieses Jahrzehnts aufgrund dieses Dienstags im September erinnern. 99% der Leute, die an jenem Tag am weltumspannenden medialen Netzwerk angedockt waren, wissen, wo sie an jenem Tag, in  jener Sekunde waren, als sie davon hörten. Doch das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends wird uns auch wegen der Jahre 2008 und 2009 in Erinnerung bleiben. Dies werden uns rückblickend die Jahre sein, in denen die große Wirtschaftskrise ausbrach.

Wir sind älter geworden. Jeder von uns ist eine Dekade gealtert. Wir haben Kinder kommen sehen und Menschen gehen. Vor dem Industriezeitalter, an dessen Schwelle wir uns sicherlich bewegen, war eine Dekade noch ein Drittel bis ein Viertel eines ganzen Lebens. Heute sagen die Wahrsager, jeder einzelne von uns darf sich auf 7, 8 oder gar 9 Dekaden freuen. Vorausgesetzt, die Geschichte hat keinen Haken.

Mich ängstigt das Gefühl, in den Ball der Geschichte komme grade etwas Drall. So als ob jemand an der Uhr gedreht hätte. Große Männer deutscher Politik treten ab. Zunehmend freiwillig. Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand sagt, er liebe uns doch alle. Herr Westerwelle, wie wärs? Andernorts werden Kämpfe ausgefochten, von denen viele sicherlich sagen, sie seien nur Theater, so wie Fußball. Der Kampf ums Bundespräsidentenamt erschien mir nie so öffentlich geführt wie diesmal. Und man stelle sich nur vor, wenn Gauck wirklich Bundespräsident geworden wäre, dann hätten zwei Ostdeutsche die höchsten Plätze des Staates besetzt! Ich meine: Nach 20 Jahren ungleicher Löhne und dahergestolperter Integrationspolitik wär das doch endlich mal was, aber der kinderliebende Jungstar ist mir (mit Gauck im medialen Rücken) letztlich gar nicht so unlieb. Peinlich fand ich nur, wie der rotgrüne Block im Parlament nach der Bekanntgabe der Ergebnisse immer noch stehend applaudierte, als Gauck das bereits sichtlich peinlich war. Aber naja, die standen ja alle hinter ihm. (Dass es zur Empathie Augenkontakt braucht ist in der Mediakratie nicht so wichtig.)

Fahnenflüchtig werden in der Bundesrepublik ja nun eher ein paar Leute vom rechten Block. Und im Golf von Mexiko löst sich einer der größten Konzerne des Planeten auf. Spanien kommt eine Region abhanden. Und den am weltumfassenden Ökonomienetz angedockten mangelt es immer häufiger am Vertrauen in ihr Währungssystem. Da ist einiges im Wandel. Wer hätte das 1999 gedacht? Damals dachten wir, die Welt ginge an Silvester unter, weil ein paar Programmierer in den 1960ern nicht weit genug gedacht haben und ein paar Digits in ihren Computern gespart haben. Das ist halt das Problem, wenn die Entwicklungen sich so rasant beschleunigen, daß man kaum noch 30 Jahre vorausschauen kann. Heute läuft das mit den Computern ja schon fast ein bissl aus dem Ruder, jeder trägt seinen Anschluss ans globale Netz in der Hosentasche mit sich rum, bestimmt arbeitet schon eine Agentur an der Werbekampagne fürs Reinoperieren.

(Ein paar Digits fehlten den öffentlichen US-Schuldenuhren übrigens auch im Jahr 2008. Weit vorausschauend hat man sie um 2 Stellen ergänzt.)

Wann wüßten wir, wenn eine neue Feldordnung unseren Planeten ergriffen hätte?  Wenn China Fußballweltmeister wird? Oder Indien Exportweltmeister? Wenn sich eine Achse Südamerika-Arabien formt? Wenn ein Mindestlohn in Ghana existiert? Wenn darüber diskutiert wird, die D-Mark in Jugoslawien wiedereinzuführen? Oder wenn Handyimplantate Standardoperationen in Geburtskliniken werden? Die meisten von uns denken “Weltordnung” politisch: Es muss erst ein Parlament “im Westen” gestürmt werden, bis wir sagen: Jetzt ist es passiert.

Dabei ist es nicht leicht, die heutigen Schlachtfelder so eindeutig zu bestimmen, auf denen der Kampf mit der alten Ordnung geführt wird. Das ist ganz sicher nicht nur die Politik. Noch weniger leicht ist es, die Vielzahl der Kampfgruppen zu unterscheiden. Bilderberger gegen Attac. Al Quaida gegen Atlantikbrückler. ISM gegen INSM. Freie Wähler gegen Violette. IHK gegen Handwerksbetrieb Müller. Und wer gewinnt?

Die Physik hat aus Atomen die Chemie daherkombiniert, die Chemie aus Molekülen die Biologie. Der Mensch kombiniert Schrauben und Kram, nennt es Ingenieurwesen und landet planlos im Industriezeitalter, an dessen Ende er ab und zu ein paar Digits vergisst. Immer “leichtstofflicher”, wie “die Esoteriker” sagen, scheint das menschliche Leben zu werden: vom Goldklumpen zum E-Geld, vom Neandertaler zum Bewusstsein, vom Öl zur Elektrizität, vom Jäger und Sammler zum Vegetarier. Man kann nur hoffen, daß all die Nebenprodukte unseres Fortschrittswahns nicht jenen Ast der Evolution ansägen, auf dem manche von uns die “Krone der Schöpfung” sehen. 392 Kohlendioxidteilchen pro einer Million Teilchen Atemluft stellt für uns domestizierte Affen kein Lungenproblem dar. Aber möglicherweise für andere Teilbereiche aus Physik, Biologie oder Chemie. Ich halte mir da immer die “Geruchsschwelle” vor Augen, die Menge an Teilchen einer Substanz in der Luft, die nötig ist, damit ich sie rieche. Chlor braucht nur eine Menge von einem Teilchen auf drei Millionen Teilchen Luft, damit es Wirkung auf unsere Nase hat. Der faule-Eier-Geruch von Wasserstoffoxid nur 0,0047 Teilchen pro 1 Million. Soll ich da glauben, daß eine Verdopplung der Kohlendioxidkonzentration in unserer Atmosphäre keinerlei Wirkungen hat?

Ist eine neue Feldordnung über uns gekommen, wenn die “Umweltdiktatur” ausgerufen wird, wie einige meinen? Oder ist sie es, wenn dezentrale Energieerzeugung auf Basis erneuerbarer Quellen die 4 Besatzungsmächte abgelöst hat? Oder erschlägt uns die neue Ordnung von hinten, weil wir einfach so weitershoppen und weitermalochen wie bisher, die Meere voll Öl pumpen, die Atmosphäre voll säuernden Gasen; die Nahrungsketten sprengen. Dann würde die neue Ordnung sich wohl eine andere Krone der Schöpfung erschaffen, die Evolution einen anderen Ast bevorzugen und nach ein paar tausend Jahren würden die Spuren dieser Epoche erodiert sein.

Doch soweit sind wir nicht. Der neuere Teil der Geschichte wird uns vermutlich erstmal Neuwahlen präsentieren, was auch immer sich danach ändern sollte. Neue finanzielle Erschütterungen sind spätestens im Herbst zu erwarten. Und da der Griff ins Portemonaie noch die meisten Leute in Rage bringt, werden noch mehr Leute ihre paar Kröten in Sicherheit bringen wollen, noch mehr Leute in ominösen Internetforen lesen (selbst im tiefsten Sommerloch), noch mehr Zweifel in die Hirne Einzug halten. Und noch mehr Ratlosigkeit wird sich breit machen angesichts der Vielzahl an Schlachtfeldern, Kampfgruppen und Ängsten. Die alte Ordnung zeigt ihre Risse, doch für die neue fehlen uns noch die handfesten Visionen, an denen wir uns orientieren können, die uns Licht ins Dunkel bringen, die uns Gemeinsamkeiten zeigen, auf die es sich zuzugehen lohnt. Was wir bräuchten wäre ein Jahr Urlaub für alle, Zeit zum Nachdenken und Neuanfangen. Doch die Hamsterräder quietschen “Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran!” und “Jajaja, jetzt wird wieder in die Hände gespruckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt” und der kollektive Blick übern Tellerrand bleibt aus. Wir werden weiter getrieben statt selbst die Richtung vorzugeben. Aber vermutlich war’s schon immer so: Wir stolpern von einer Ordnung in die nächste. Bis zum Ende der Geschichte.

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Verlierer seids!

18. Juni 2010

Tja, so ist das eben: Wer sich selbst mit etwas identifiziert, auf daß er nicht das Mindestmaß an Einfluss hat, muss sich nicht wundern, wenn er sich zum Schluss als Verlierer fühlt. Glückwunsch an die serbische Mannschaft, auch wenn ich das Spiel nicht gesehen habe, sondern die fußballwahnsinnsinduzierte Leere auf dem Markt zum regionalen Einkauf mit netten Händler-Gesprächen genutzt habe. Brot statt Spiele.

Denk mal drüber nach!

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(F)Rohes Fest 2009

23. Dezember 2009

Wünsche gute Tage!

Und habe ansonsten nur ein paar Links zu empfehlen, die bei Langeweile zuhause ganz sicher anregend sind. Auf die eine oder andere Art & Weise:

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Die Mißtrauensrepublik

11. November 2009

Etwas hat sich geändert.

“Schrei niemals FEUER, wenn’s nicht brennt. Sonst kommt nämlich niemand, wenn du wirklich Hilfe brauchst.” Stammt aus irgendeinem Film. Passend ist dieser Satz in diesem Beitrag deshalb, weil man angesichts von SARS (2004) und Vogelgrippe (2005/2006) auf den Gedanken kommen könnte: Weil die grippale Apokalypse trotz enormem Medienrummels ausblieb, weigert sich heute (2009) das halbe Land, sich seine staatsbürgerliche Schweinegrippe-Spritze abzuholen. Die Skepsis gegenüber Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der angepriesenen Impfung ist enorm. So enorm, daß es Zeit ist, sich Gedanken über Vertrauen und Mißtrauen in einer Gesellschaft wie der unseren zu machen.

Früher waren Ärzte Vertrauenspersonen. Wer sich ungesund fühlte oder ungesund war ging zum Arzt seines Vertrauens und ließ sich helfen. Es war nicht notwendig, das Handeln dieses Helfers zu hinterfragen, unlautere Absichten der beruflichen Königsklasse kamen niemand in den Sinn. Doch seitdem auch Gesundheit, wie so vieles andere, von einer Industrie bearbeitet wird, schwindet dieses Verhältnis. Der Zweck der Ärzte und der Zweck der Industrie gehen nicht in dieselbe Richtung, vielmehr stehen sie sich nahezu unvereinbar gegenüber. Zweck der Ärzte ist die Heilung, Zweck der Industrie das industrielle Geldverdienen. Unter Beachtung des Wachstumsparadigmas ist Heilung kontraproduktiv, zahlt man hierzulande doch nur, wenn man krank ist. Heilung bedeutet, Nichtzahler zu produzieren – was keiner Industrie gelegen sein kann.

Seitdem die Grenzen der Werbung verschwunden und verschwommen sind, fühlt man sich überall zum Kaufen animiert. Der gemeine Weltenbürger kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem, was er wirklich braucht und dem, was ihm aufgeschwatzt wird. Und seitdem PR und die Lancierung von Pressemeldungen zum Zwecke der redaktionellen (=vertrauenswürdigen) Aufarbeitung genutzt werden, ist die Werbung auch im politischen Raum angekommen. Im Fall der Grippe-Impfung ist die Zielgruppe sehr klar zu definieren: Die paar Hanseln, die man Bundesregierung und Parlamentarier nennt, denn die paar Köpfe können per Handstreich hunderte Millionen locker machen – keine Werbekampagne, die sich an Otto Normalverbraucher richtet erreicht solch ein Kopf-zu-Umsatz-Verhältnis. Bei diesem (unterschwelligen) Wissen in breiten Teilen der Bevölkerung ist es nicht unwahrscheinlich, daß viele nicht mehr wissen, ob die Zeitungsberichte über Schweineviren und Impfeuphorie echter Alarm oder nur die Auswirkungen einer imposanten Marketingaktion sind. Und seitdem die Sättigung der Auto-Märkte offensichtlich ist, braucht der Kapitalismus neue Absatzmärkte, warum nicht die Venen unserer Mitbürger?

Doch die Impf-Diskussion ist nur eines der Schlachtfelder, in der der Kampf um das Vertrauen geht. Vertrauen ist die Grundlage jeder Gesellschaft. Löst es sich auf, lösen sich die gesellschaftlichen Bindungen. Eine Gesellschaft ohne Bindungen ist keine, sie ist nur eine Menge von Individuen. Der “Erosionsprozess” des Vertrauens setzte aber weit vor der Grippe ein, ganz persönlich darf ich den vorläufig letzten Höhepunkt in 2001 datieren. Zehntausende Menschen allein in diesem Land glauben nicht an die offizielle Darstellung des 11. September 2001. Schon damals gab es einen intensiven Bruch zwischen den Bürgern und anderen gesellschaftlichen Strukturen. Dieser Bruch ist genauso wie die Menge an “Skeptikern” größer geworden. Der nächste Schub kam letztes Jahr, als das Vertrauen in die Bankiers (und jenes, das die Bankiers untereinander hegen) sich mit den ersten Banken in Luft auflöste – und Angela Merkerl dazu brachte, ihre ganze Person in die Waagschale zu legen, um den Sparer davon abzuhalten, seiner Matraze mehr zu trauen als seinem Geldverwalter. Spröder Kitt, der da in die Fugen geschmiert wurde. Man merkt es an solch kleinen Details, wie das Finanzamt einen behandelt, wie Geschäftspartner plötzlich drauf sind, wie die Redakteure sich bemühen, ihrer Verantwortung nachzukommen, indem sie ihr eigenes Mißtrauen nicht allzusehr in die Jubelmeldungen einfließen lassen, um sich nicht selbst dem Vorwurf auszusetzen, sie würden die Krise herbeischreiben.

Wie kurzatmig Vertrauen im politischen Zirkus ist,  musste gleich nach der Wahl die FDP erleben, die laut Umfragen danach gleich mal wieder einige Prozentpunkte abgeben musste, nachdem die Wohlfühlversprechen sinkender Steuern an der harten Schuldenrealität zerplatzt sind. Die Politik, die Politik, sie ist das seltsame Spielfeld, was eigentlich seit Jahrzehnten schon mit Mißtrauen zu kämpfen hat. Ein ganzes Drittel der Bevölkerung geht schon gar nicht mehr hin, wenn zum Stimmenabwurf gerufen wird. Man erwartet von oben nix, und das ganz wohl zurecht. Sitzen doch in der Regierung ein vergeßlicher Waffenhändler-Freund als Finanzminister neben einem schwerreichen, industrieverbandelten Verteidigungsminister, wo man doch (von hier unten aus betrachtet) nicht wirklich glaubt, da kämen Entscheidungen raus, die ins eigene Fleisch schneiden?

Nunja. Ab morgen kommt ja der neuer Emmerlich ins Kino. Weltuntergang. Auch wenn nun fraglich ist, ob 2012 die Welt verloren ist, so verdichten sich doch die Erscheinungen die signalisieren, daß die alte Welt schon ihre Stunden schlagen hört.

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Wandelwelten

15. März 2009

“Vorrevolutionäre Phase” – in ein/zwei Texten in den letzten Jahren stolperte ich über diese Phrase. Ich wollt’ es ja gern glauben, denn noch immer denke ich, das heutige Gesellschaftssystem ist – gelinde gesagt – “subotimal”. Allein: Wo waren sie, die Revolutionäre, die von den Phrasendreschern gesehen wurden?

Anderseits: Seit langem schon zeichnet sich ab, daß das heutige System nicht ewig bestehen kann. Nicht nur deshalb, weil es ja schließlich erst seit relativ geringer Zeit existiert, sondern auch, weil das Dogma des ewigen Wirtschafts- und Vermögenswachstums genauso zerstörerisch ist, wie der Wasserkopf der Verwaltungsindustrie, wie das Ungleichgewicht zwischen den Völkern, wie die Art und Weise, wie wir mit unserer Lebens- und Wirtschaftsweise mit unserem Planeten umgehen.

Je nach Zeithorizont, die Denkerlaubte betrachten, sind also Veränderungen absehbar. Wäre ja auch seltsam, wenn ausgerechnet der Traum des biederen Vorgartenzauns der Höhepunkt der Menschheit sein sollte. Woran merke ich nun, daß die “vorrevolutionäre Phase” auf heißere Momente zusteuert? An der erhöhten “Kontaktintensität”. Seitdem die Wirtschaftskrise von den Titelseiten brüllt, sind die Synapsen meiner Mitmenschen in erhöhter Alarmbereitschaft. Ideen und Meme verbreiten sich wie Filme und Texte und kommen aus unerwarteten Kanälen. Lang verstaubte Bekanntschaften tauchen wieder auf und neue Leute betreten den Kreißsaal.

Und nicht nur das. Auch bereits bestehende Gruppen und Bindungen formieren sich neu. Sie wandeln sich. Scheinen verbindlicher zu werden. Intensiver. Werden mit mehr und konkreterer Absicht aufgeladen. Sie zeigen noch nicht unbedingt, wohin die Reise geht, aber das emsige Kofferpacken läßt vermuten: Gereist wird demnächst.

Nicht nur Bewegungen von unten lassen darauf schließen. Auch die Türen, die oben an den Türmen geöffnet werden, sind eindeutig. Ich meine: Welche Regierung wird künftig noch Geld für Kindergärten, Umweltschutz und Forschung verweigern können, wo doch Milliarden für aufgehübschte Bankbilanzen und Schrottautos übrig sind? Milliarden, an die früher nichtmal gedacht werden durfte,werden plötzlich innerhalb von Wochen locker gemacht. Das Argument der Geldknappheit zieht nicht mehr (mit allen Konsequenzen). Und angesichts der Rauchen-macht-krank-Kampagne der Politik in den letzten Jahre dürfte es auch schwer sein, eine Waffen-machen-tot-Kampagne wegzuschieben. Zeigte die Raucherhysterie doch, was gesellschaftlich machbar ist, wie schnell Verbote aus dem Hut gezaubert werden können – und wäre es nach neuen Schul-Massakern nicht angebracht, dieselbe Konsequenz für Waffenbesitzer umzusetzen?(Und die Industrie dahinter auch gleich mit in die Mangel zu nehmen.)

Es ist so vieles möglich plötzlich. Sogar über 50.000 Unterschriften für eine Grundeinkommen-Petition. Dutzende neuer Parteien (Piraten, Violette, Gute, Schlechte). Das Ziel 2012 bleibt. Bis dahin werden die Wandlungen ganz sicher so sichtbar sein, daß es kaum jemandem gelingen wird, sich zu entziehen.

In diesem Sinne:

Spread the word and net the nerd!

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Leserbrief I

11. Februar 2009

Es könnte passieren, daß künftig jene Leserbriefe hier landen, die ich an die Sächsische Zeitung schicke, die aber nicht den Weg ins Blatt finden. Heute ist es dieser hier:

Die Abwrackprämie wirkt. Tausende Autos finden ihren Weg aus den Lagern
auf die Straße. Das freut die Autobauer genauso wie die Medien. Die
haben nicht nur was Positives zu berichten, sie bekommen auch frische
Anzeigenkunden. Allein 4 Anzeigen von Autoherstellern finden sich in der
Wochenend-SZ, auch das TV erfreut sich intensivster Werbung für die
“staatliche Umweltprämie”. Bedauerlich für mich: Daß ich als
Steuerzahler das alles mitbezahlen muss, obwohl ich den ÖPNV bevorzuge
und das Privat-PKW und die damit verbundenen Herstellerstrukturen
mittelfristig für ein überholtes und überteuertes Konzept halte.

07.02.2009

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