Die nächste Phase: Herbst 2011

13. September 2011

Im September 2011 zeigt sich eine Beschleunigung der Ereignisse. Dass der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank mitten in der schwersten Krise der Europa-Währung zurücktritt, läßt tiefe Meinungsverschiedenheiten bei den Geldmachern in der Zentralbank erahnen. Wäre man sich dort einig, über das, was zu tun ist, gäbe es keine Gründe für Personalwechsel. Dass im deutschen Finanzministerium Szenarien durchgespielt werden, wie ein griechischer Staatsbankrott abgefangen werden kann, verwundert wenig: In den letzten Wochen sind die Zinsen, die der griechische Staat für kurzfristige Kredite an den Finanzmärkten zahlen muss, auf bis zu 70% gestiegen. Und sie steigen rasant weiter. Das bedeutet: Geldgeber sind der Meinung, das Risiko ist extrem hoch, dem Staat Geld zu leihen – es könnte sein, dass sie es nicht wiedersehen.

Währenddessen greift die Schweizer Nationalbank zu einem ebenfalls gravierenden Schritt. Der Schweizer Franken legte gegenüber dem Euro seit Aufbruch der Krisensymptome Ende 2008 zu: Damals bekam man für 1 Euro noch 1,66 CHF, zwischenzeitlich standen sich beide Währungen 1:1 gegenüber. Milliarden an Geldern suchen in der Schweizer Währung Sicherheit. Insbesondere verkaufen Euro-Besitzer ihr Geld gegen Schweizer Franken. Der Franken-Kurs ist günstig für Schweizer, die im Euro-Raum einkaufen wollen, aber er ist bedrohlich für die Exportwirtschaft der Schweiz, deren Produkte sich im Euro-Raum enorm verteuern. Die Reaktion der Nationalbank: Sie garantiert seit kurzem, dass der Kurs nicht mehr unter 1:1,20 fällt. Diese Garantie wird dadurch ermöglicht, dass die Bank jede Euro-Menge gegen “Selbstgedrucktes” kaufen will, die ins Land strömt. Damit steigt jedoch die Geldmenge des Schweizer Franken enorm an, die Gefahr langfristiger Inflation steigt. Die Schweiz importiert also die Probleme des Euro-Raums, ohne dass sie selbst den Euro als Zahlungsmittel nutzt.

Die USA sind im August nur knapp an der Staatspleite vorbeigeschrammt, weil die zwei großen politischen Lager sich nicht auf eine Strategie einigen konnten. 12 Billionen Dollar Staatsschulden ist eine unvorstellbare Größe, dagegen ist Griechenland ein Zwerg. Zwar einigte man sich und der Dollar kann wieder rollen, doch gelöst ist das Schuldenproblem der USA nicht. Vielmehr droht nun eine erneute Wirtschaftskrise, die sich schnell zu einer globalen Rezession ausweiten kann.

Was zeigt uns dies?

Die Instabilität des Systems nimmt zu. Zwar schafft es die Politik immer noch, größere Verwerfungen zu vermeiden und zögert Ausbrüche hinaus, doch ein Staatsbankrott Griechenlands ist nicht mehr vermeidbar. Was das für die Euro-Zone bedeutet, ist noch unklar. Doch selbst wenn ein griechischer Bankrott nur kleinere Wirkungen zeigt: Die Staatsschulden sind ja in fast allen europäischen Ländern ein großes Problem und nach Griechenland wird der nächste Staat in den Fokus rücken. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Geldvermögen von heute in einigen Jahren nur noch einen Bruchteil wert sind und dass eine tiefe Krise ganze Unternehmenszweige in den Bankrott drücken kann.

Für den Einzelnen ist es schwer, dagegen etwas zu unternehmen. Wer Geld “übrig” hat, sollte es nicht nur in tote Edelmetalle stecken, sondern besser darüber nachdenken, wie er gemeinsam mit anderen funktionierende Strukturen aufbaut und erhält: Unternehmen, die Energie oder Lebensmittel produzieren, Wohnraum bereitstellen, Wald bewirtschaften. Leider gibt es hier kaum eine ausgeprägte Kultur, sein Geld in “echte” Unternehmen zu stecken, statt es im “Sparstrumpf der Sparkasse” zu parken. (Denn auch dorthin werden die Vibrationen des Finanzsystems kommen!)

Wir sind weiter dabei, alternative Finanzsysteme in die Spur zu bringen. Vergangenes Wochenende startete der Lausitzer als Regiogeld für die Lausitz. Dort kommt erstmals unser RegionalAtlas zum Einsatz, der Landkarte, Kontensystem und Marktplatz kombiniert. Das ist unser Versuch, selbst “Dezentralbank” zu spielen. Währenddessen üben wir uns darin, die Wichtigkeit einer gesunden Krisenfestigkeit in Kommunen zu verbreiten. Im Oktober wird es eine erneute Zusammenkunft von Transition-Town-Akteuren geben, diesmal in Bielefeld. Sowohl das alte Finanzsystem kommt also in eine neue, verstärkt instabile Phase, als auch die Aktivitäten jener, die sich nicht nur passiv davon überrollen lassen wollen…

Interessant zu lesen ist in dem Zusammenhang sicherlich das Interview mit Ludwig Poullain, Ex-Chef der West-LB. Gefragt nach dem Ausweg aus der Lage antwortet er: “Ich glaube mittlerweile an den Knall. Meine Lebenserfahrung spricht dagegen, dass sich vorher etwas ändert.”

1 Kommentar zu “Die nächste Phase: Herbst 2011”

  1. pinetop schreibt:

    “Was zeigt uns das?” gute Frage. Es zeigt, dass Schuldenmachen früher oder später zu einem bösen Ende führt. Es zeigt aber nicht, dass das gegenwärtige System im Grundsatz falsch ist. Das gilt für die Kunden von Peter Zwegat wie für Staaten. Bei der gegebenen Schuldenmentalität dauert es bei kleinen Staaten eben dreißig Jahre und bei Großmächten vielleicht siebzig Jahre. Das kann die USA treffen und es hat die Sowjetunion getroffen. Der Ausweg ist keine Revolution am System, sondern eine Revolution in der Mentalität. Wir brauchen Finanzminister und Unternehmensführer, welche über den gleichen Weitblick verfügen wie moderne Forstwirte. Da stellt sich sogleich die nächste Frage: Werden Politiker, die langfristig denken und keine Wahlgeschenke versprechen, gewählt?

    Man kann auch etwas Humor in die Angelegenheit bringen. Der Ökonom und Philosoph Bernard de Mandeville (Vorläufer von David Hume und Adam Smith) schrieb vor etwa dreihundert Jahren: “Man darf Schmuggler nicht schimpfen; sie bestrafen nur den dummen König, der das göttliche Gebot des Freihandels mißachtet.” Heute würde er schreiben: “Man darf Spekulanten nicht schimpfen; sie bestrafen nur den dummen Finanzminister, der einen Schuldenberg aufgehäuft hat.”