Verlierer seids!

18. Juni 2010

Tja, so ist das eben: Wer sich selbst mit etwas identifiziert, auf daß er nicht das Mindestmaß an Einfluss hat, muss sich nicht wundern, wenn er sich zum Schluss als Verlierer fühlt. Glückwunsch an die serbische Mannschaft, auch wenn ich das Spiel nicht gesehen habe, sondern die fußballwahnsinnsinduzierte Leere auf dem Markt zum regionalen Einkauf mit netten Händler-Gesprächen genutzt habe. Brot statt Spiele.

Denk mal drüber nach!

8 Kommentare zu “Verlierer seids!”

  1. Mind schreibt:

    Hi Norbert,

    ich finde Fussballwm immer toll und ich freue mich wenn Deutschland sehr weit kommt. Erstens sind die Fussballfreunde dann sehr gut drauf und zweitens kann man zu Zeiten in denen Deutschland spielt, sehr gut in den großen Kaufhäusern einkaufen gehen, da man diese dann ziemlich für sich alleine hat und die VerkäuferInnen sich sehr um einen bemühen, damit ihnen nicht langweilig ist.
    Gerade für Personen die wie ich nicht auf große Menschenmengen stehen, ist Fussballwm und Europameisterschaft quasi ein Segen um alle zwei Jahre stressfrei die Konsumtempel besuchen zu können.

  2. Peter schreibt:

    Danke für diese weisen Worte – so sehe ich das auch! Keine Ahnung, wieso man sich mit 11 Millionären, die auf einem Rasenplatz gegen einen Lederball treten, identifizieren oder sich ovn denen repräsentiert fühlen soll… In den meisten anderen Ländern ist dieser patriotische Sportwahn allerdings ja noch ausgeprägter als hierzulande, das muss man auch mal sehen.

  3. Tobias schreibt:

    Ich bin Donald Rumsfeld für die Erfindung oder gar Entdeckung des “alten Europas” dankbar. Endlich war ein Identifikationsraum geschaffen, zu dem man ja sagen konnte und durfte. Wenn mir etwas instinktiv gegen den Strich geht, so kann ich mein “alteuropäisches Gemüt” argumentativ ins Feld führen. Wie sieht es mit den kleineren Identifikationsräumen aus? Nun, der Patriotismus ist heute so verpönt wie der Stadt(teil)patriotismus schick ist. Letzterer fällt mir infolge mehrerer Umzüge schwer. Aber auch unabhängig davon wehre ich mich dagegen, in Deutschland ein ‘bloßes Konstrukt’ zu sehen und im – sagen wir – Kiez etwas Originäres. Entweder ist beides ein Konstrukt oder beides echt. (Ich plädiere für letzteres.) Gerade vor diesem Hintergrund nochmals Dank an Herrn Rumsfeld!

    “Wer sich selbst mit etwas identifiziert, auf daß er nicht das Mindestmaß an Einfluss hat, muss sich nicht wundern, wenn er sich zum Schluss als Verlierer fühlt.”

    Es ist nicht nur der spontane Idyllverteidigungsreflex, der mich hier zusammenzucken lässt, sondern auch die Entschiedenheit dieser Ausage. Ist das wirklich so? Soll man sich nur mit dem wenigen identifizieren, auf das man einen (oft nicht mal großen) Einfluss hat? Kann man sich aussuchen, womit man sich identifiziert? Oder gibt es nicht auch Ähnlichkeiten mit einem größeren Ganzen, deren Entdeckung uns ergreifen, was sich letztlich in der Identifikation mit diesem äußert?

  4. Norbert schreibt:

    @Tobias: Was heißt denn Fremd-”Identifikation”. Anstelle des eigenen Selbst etwas anderes setzen. Um sich wohlzufühlen? Obwohl man nichts dazu beigetragen hat so zu tun, als hätten “wir” ein Tor geschossen? Ein ziemlich archaisches Konstrukt…

    “Idyllverteidigungsreflex” passt deshalb vermutlich ganz gut. Identifikation mit Fußballspielern als Simulation einer idyllischen Gemeinschaft. Wie ich finde Luxusausprägungen unserer Luxusgesellschaft, die ganz schnell infrage stehen, wenn sich die Rahmenbedingungen des alteuropäischen Luxuslebens mal rasant ändern. Die Wahrscheinlichkeit, dass das bevorsteht ist angesichts Euro- und Energiekrise ziemlich hoch. Und ich hoffe sehr, dass meine Nachbarn vor lauter TV-Prominenz-Anhimmelei nicht verlernt haben, wie Überleben in Gemeinschaft wirklich funktioniert.

  5. Tobias schreibt:

    Man kann sich immer nur zu etwas Anderem in Bezug setzen. Dies gilt auch für den (freiwillig oder unfreiwillig ablaufenden?) Prozess der Identifikation. Allein aus diesem banalen Grunde kann man Identifikation, wenn man es pejorativ mag, immer als “Fremd-Identifikation” bezeichnen. Ist dir dein Land wirklich so fremd? Wie viel Zeitgeist, wie viel 1968er Kolorit steckt in dieser Fremdheit? Du hattest im Juni Hans-Christian Ströbele als “for president” vorgeschlagen, ein Mann, dem es nach eigenem Bekunden kalt den Rücken herunterläuft, wenn er ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer sieht. Auch vor diesem Hintergrund frage ich.

    “Als etwa das für die Verleihung des Physiknobelpreises verantwortliche Komitee in Moskau anfragte, wer den Sputnik geschaffen habe, ließ Chruschtschow antworten: ‘Das sowjetische Volk.’” – http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-53060297.html Diese Antwort ist einerseits pc, da anti-elitär, anderseits nicht pc, da sie von einer Schicksalsgemeinschaft ausgeht und deren Leistung unterstreicht. (Pc wäre “das Team”.) Mir gefällt Chruschtschows Entgegnung, denn genauso wie das sowjetische Volk den Sputnik gebaut hat, haben WIR die Tore geschossen.

  6. Norbert schreibt:

    Hier @Tobias, haste was zum Identifizieren: “Du bist Deutschland!”. Aua:
    http://www.youtube.com/watch?v=x18vfsuGnm8
    (Und ja: In Fahnenmeeren mag ich auch ungern untergehen…)

  7. Tobias schreibt:

    Genau das ist es ja: Ich erwähne das Wort “Fahnenmeer”, und schon denkst du diese Metapher auf möglichst pejorative Weise weiter: untergehen, ertrinken etc. Die Mechanik der Verleumdung ist erstaunlich gut geölt und zuverlässig.
    Auf die Frage in einem DLF-Interview, ob angesichts des Geburtenrückgangs die Deutschen einmal aussterben könnten, meinte Elisabeth Beck-Gernsheim – lachend -, sie glaube nicht, dass der Welt etwas Unwiederbringliches verlorengeht, wenn gerade die Deutschen aussterben. Diese Antwort und die leider ausbleibende (Zivilcourage voraussetzende) Replik des Interviewers machen mich wütend und traurig. Das Minimum, das ich mir nicht nehmen lasse, ist das RECHT auf ebendiese Wut und Trauer, ein Recht, das man mir am liebsten auch noch absprechen würde.

    Dennoch bleiben die Fragen: Woher kommt dieser Sarkasmus? Warum werden Worte wie Deutschland, Patriotismus, Identität als Einladung oder gar Aufforderung zum Flapsigwerden begriffen? Wer hat dich und viele unserer Landsleute derart abgerichtet?

    Das verlinkte Video habe ich angesehen. Der Kommentar darunter entspricht auch meinem Eindruck: “er hat offensichtlich gescherzt. man muss nicht einstein sein um das zu erkennen.”

  8. Norbert schreibt:

    Ach Tobias, das Fahnenmeer hab ich doch extra für dich “pejorativ weitergedacht”: Du magst Wortspielereien und außerdem hab ich damit genau deinen Erwartungen entsprochen. War nich richtig? (Ich muss ja zugeben, so leichtgeölt klappt das nicht, da musste ich schon einen Moment nachdenken, wie ich dir dein geöffnetes Messer zurückgebe :-) )

    Ich spreche dir nicht das Recht auf Trauer ab, falls du einen Soundtrack dazu brauchst: Arme kleine Deutsche.

    Woher der Sarkasmus kommt? Bei mir unter anderem daher:
    * 3. Oktober “Nationalfeiertag”, als ob man nicht einen unsinnigeres Datum angesichts des 9. November hätte finden können (etwas ähnliches gilt einer gewissen Hymne)
    * Wehrpflicht abgeschafft? 20 Jahre zu spät, was bedeutet, es blieben 20 Jahre Zwangsdienst für viele…
    * “Blühende Landschaften” als Nationalversprecher
    * Schwarze Kassen

    Das Nationalsymbol ist für mich also ein dicker schwarzer Politiker, der von den meisten unwidersprochen angehimmelt wurde und dessen Partei trotz Korruption fleißig weitergewählt wird, Siegerjustiz übt und 20 Jahre zu spät in der Moderne ankommt. Das prägt dieses Land. Und das einzige, was ich deiner Argumentation entnehme, was ich dagegensetzen soll, ist ein Fahnenmeer und der russische Sputnik. Nicht grade sehr überzeugend.

    Wie du siehst: Ich bin also im Neuen Deutschen Westen abgerichtet worden, mit einer Vielzahl mindestens so sarkastischer Entscheidungen, wie jetzt aus dieser Diskussion quellen.

    Und jetzt antworte doch mal: Was genau würde denn aussterben, wenn der Nationalstaat sich auflöst und die Gene sich weiter vermischen? Was würde denn fehlen, Tobias?

    PS: Danke für die Inspiration:
    Flagge Deutschland

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