Die Große Depression
30. Mai 2010“Die große Depression” nennt man die 1. Weltwirtschaftskrise, Anfang der 1930er. Wir waren nicht dabei, aber wir können vermuten, warum sie diesen Namen trägt: Die Arbeitslosigkeit, die zunehmende Armut, die Perspektivlosigkeit drückt auf die Stimmung und viele, viele Menschen werden ihren Lebensmut verloren haben. Die Depression vieler führt zu einer gesellschaftlichen Depression. Doch nicht nur die Depression der Einzelnen, sondern auch die scheinbare Ausweglosigkeit der Situation, in der sich die Gesellschaft befunden hat, dürfte diesen Namen hervorgebracht haben. Jeder, der sich die Situation aus einem gesellschaftlichen Blickwinkel ansah dürfte gesehen haben, daß eine sich selbst verstärkende Spirale in Gang kam, aus der es kaum ein Ausbrechen zu geben schien: Die Leute sparen, weil sie kein Geld haben; die Unternehmen nehmen nix ein und sparen ebenfalls (z.B. an den Löhnen) und weil alle sparen, spart man sich zu Tode. Neuer Mut müßte her, damit das vorhandene Geld ausgegeben wird, doch wenn nichtmal Geld vorhanden ist, nützt auch Mut nichts… (so scheint’s)
Die Wirtschaftskrise heute läuft bislang vergleichsweise glimpflich ab. Die meisten haben noch ihre Arbeit, die Verschuldung der Kommunen und des Staates bleibt bislang ein abstraktes Phänomen. Doch wer Gelegenheit hat, mal andere Aspekte als die finanzwirtschaftlichen zu betrachten, wird schon bald Depressionen in ganz anderen Gesellschaftsbereichen finden. Zum Beispiel in Wolfen:
Wolfen ist eine Kleinstadt im Osten. Früher bekannt für seine Chemiekombinate, wurde auch dort abgewickelt, was eben abwickelbar war. Seitdem hat man selbst im Osten von Wolfen nicht mehr viel gehört. Boomen tut’s auch in Wolfen wohl nur dort, wo es um’s Wegreissen der eigenen Zivilisation geht. Beim “Stadtumbau Ost”. Anschaulich erläutert wird dies durch diesen Comic: “Wieso wird denn abgerissen? Stadtumbau in Wolfen Nord.”
Wer sich die Zeit nimmt für diesen anspruchsvollen aber gut gemachten Comic wird sehen, daß Depressionen in einzelnen Gemeinden und Regionen schon seit einiger Zeit dick angesagt sind. Man stelle sich vor, man wohne in einem dieser Orte, aus denen all jene wegziehen, die halbwegs fit sind und was in der Birne haben und übrig bleiben “die Alten”. Eine Abwärtsspirale, in dessen Strudel jeder gerät, aus dem bei genauer Betrachtung aber kaum ein Ausbrechen möglich ist, da sie nun, 20 Jahre nach der politischen Wende, so weit fortgeschritten ist, daß kaum noch Ressourcen vor Ort sind, die mit noch soviel Kreativität zu konstruktiven Entwicklungen geführt werden. Die Zukunft der Stadt (und Wolfen ist nur eine von hunderten solcher Kommunen speziell im Osten) ist es wohl, zum Dorf zurückzuschrumpfen, einen Status zu erreichen, der der Vorindustrialisierung entspricht. Nun gut, das mag angesichts Peak Oil, globaler Rohstoff- und Umweltkrisen eine Entwicklung sein, die allerorten angesagt sein könnte. Aber wer will darin schon Vorreiter sein? Und wer will dort bleiben angesichts solcher Zukunftsprognosen?
Doch wer will auch weggehen? Es wäre kein Gang aus Freiwilligkeit. Kein Schritt, den jemand deshalb tut, weil es ihn anderswo hinzieht, sondern eher eine Art Flucht. Wirtschaftsflüchtlinge, die entvölkerte Regionen zurücklassen, möglicherweise Freunde, Familie und Wurzeln. Kein Gehen, weil man New York endlich mal kennenlernen wollte, Hamburg, Zürich, München, sondern ein Gehen, weil dort, wo man war, nichts mehr zu holen ist außer Depressionen. Doch Depressionen kann man schlecht zurücklassen wie ein altes verfallenes Haus, wenn sie sich erstmal eingenistet haben, reisen sie nämlich mit…
Über 2 Millionen Menschen hat “der Osten” seit 1989 verloren. Von 16 auf 14 Millionen geschrumpft ein Land, dessen Führung seit 1961 auf seltsam starre Art versucht hat, die Leute zum Bleiben zu bewegen. Doch der glorreiche Westen, dem die Masse sich anschloss, hat es nicht geschafft, die Mauer wegzureißen ohne damit auch die Schleusen zu öffnen, die aus dem Land hinausspült, was nicht niet- und nagelfest ist. Aus Eingemauerten wurden Wirtschaftsflüchtlinge. Aus Aufbruchstimmung wurden Depressionen. Und das deprimierende daran: Es mangelt an Visionen und Ideen, die der Abwärtsspirale etwas entgegenzusetzen wissen…





