In Zukunft ohne Rechthaberindustrie

04. Mai 2010

Die Welt ist im Wandel.

Wir wissen es, seitdem Elektroautos Mainstream geworden sind, obwohl die Vorausschauenden auf sie seit den 90ern warten. Wir wissen es, seitdem es der Zinseszins in die Primetime geschafft hat. Wir ahnten es seit dem 11. September, fühlten es näherrücken seit dem finanziell wackeligen Herbst 2008 und wissen nun: Die Zeit ist reif.

Doch wohin gehen wir? Was kommt nach dem Kapitalismus? Das wissen wir nicht! Dabei sollten wir langsam anfangen, darüber nachzudenken. Denn die Kreuzung, der wir uns nähern, muss uns längst nicht den Weg führen, der sinnvoll wäre. Warnungen, wie wir sie aus “Matrix”, “V wie Vendetta” oder “1984″ kennen, sollten wir ernst nehmen. Deshalb werfen wir heute einen Blick zu Telepolis:

Lobbyist findet Kinderpornografie angeblich “großartig” ist der Artikel überschrieben. Er beschreibt, wie die Lobby der “Rechteinhaberindustrie” über das Killer-Thema “Kinderpornos” versucht, Netzsperren zu installieren, die später auch dazu genutzt werden können, andere Inhalte im Internet zu sperren. Vor allem: “Urheberrechtlich geschützte Inhalte”.

Die digitale Revolution, deren Teil wir sind, läßt uns sehen, was ein Baustein einer neuen Welt werden kann: Informationen, die sich frei verbreiten. Was freier Fluss von Informationen und globaler Zugang zu Informationen bedeutet weiß jeder, der “mal schnell bei Wikipedia” schaut, Online-Landkarten nutzt oder mehr als eine Internetzeitung liest, um sein Bild von der Welt zu verfeinern. Mitte der 90er war das nicht ansatzweise möglich, weshalb uns Filme, die damals entstanden und in denen Computer, Mobiltelefone oder Technik-Szenarien vorkommen, fast schon wie aus der Zeit der Pferdekutschen vorkommen. Heute kann man fast weltweit Zugang zu diesem globalen Kommunikationsnetz bekommen, eine Demokratisierung der Wissensbeschaffung ohnegleichen! Während die Mönche in den Klöstern Bücher per Hand kopierten, revolutionierte Gutenberg mit dem Buchdruck die Informationsverbreitung. Angesichts der Echtzeit der Informationsverbreitung und der Fülle der Informationen sind wir heute in einem völlig anderen Universum angekommen. Doch der Industrie gefällt das nicht. Sie will ihr Wissen monopolisiert wissen, weil sich deshalb Monopolrenditen statt angemessenem Unternehmerlohn herausschlagen läßt. Und sie haben Gründe! Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr. Milliardenumsätze sind bedroht. Raubkopierer sind Verbrecher! So als würde jemandem etwas fehlen, wenn ein anderer es auch besitzt.

Wir leben am Rande zweier Universen. Es liegt in unserer Hand, uns zu entscheiden. Denn zwei Philosophien treffen aufeinander: Die Philosophie des Eigentums und – etwas anderes. Wir kommen aus der Eigentumsgesellschaft. Ich will nicht mutmaßen, wann sie begann. Anhand der Diskussion um “geistiges Eigentum” zeigt sich jedoch, daß es schwer ist, unseren Eigentumsbegriff der Vergangenheit einfach so in die Zukunft zu übertragen. Wem gehören Informationen? Wem gehört Wissen? Dem ersten, der etwas sagte, schrieb oder dachte? Dem, der es “patentiert”?

Daß Wissen Eigentum ist, war bis hierher schon fast “natürlich”. Es gab wenige Möglichkeiten, es zu verbreiten, was das Geheimhalten erleichterte. Heute genügen ein paar Fingerbewegungen und ganze Bibliotheken sind kopiert und können in sekundenschnelle auf der anderen Seite des Planeten genutzt werden. Es gibt Gründe, warum das problematisch ist. Nämlich dann, wenn der Aufwand, der zur Erstellung des Wissens nötig war, nicht belohnt wird. Gut möglich, daß nur noch wenige Idealisten den Aufwand betreiben wollen, um künftig neues Wissen nutzbar zu machen. Doch – aus planetarischer Sicht – ist es ebenso problematisch, Wissen zurückzuhalten. Warum müssen hunderttausend Kranke sterben, obwohl Medikamente existieren, aber nicht hergestellt werden dürfen, weil die “Rechte” bei irgendwelchen Leuten liegen. Gier ist geil, schon klar. Weshalb unser künftiger Umgang mit Informationen auch darüber entscheidet, welchen Weg unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem geht. Denn natürlich entsteht aus immateriellem Wissen materielle Güter. Schaltpläne und Baupläne. Rezepte und Algorithmen. Anleitungen und Zusammenhänge. Das ist alles kopierbares Material, welches sich in Maschinen und Medikamente, Gebäude und Werkzeuge verwandeln kann. Materielle Produkte, die uns allen helfen können!

Seit Jahren sprechen wir über Globalisierung. Seit Jahren wird mit ihr vor allem eines verbunden: Wirtschaftliche Expansion, weltumspannende Ausbeutung von Mensch und Natur, Anpassungsdruck an uns alle. Wo aber bleibt das globale Bewusstsein? Wer setzt sich die globale Brille auf, um sich die Welt des Eigentums einmal im planetaren Kontext anzuschauen? Begreifen wir uns als Spezies, als Schicksalsgemeinschaft unseres Planeten, als Besatzung des Raumschiffs Erde, dann wäre es nur logisch, die Bibliotheken zu öffnen, das Wissen jedem verfügbar zu machen und den Beanspruchern des Geistes den Mittelfinger zu zeigen. Geistiges Eigentum ist geistiger Kleinmut! Egoismus in Reinform.

Wie wir das Problem lösen, daß “dann niemand mehr forschen will”? Dieses Argument halte ich für Unsinn. So lange es Probleme gibt, wird jemand versuchen, sie zu lösen. Albert Einstein war genau wie Niklas Luhmann Beamter, kein professioneller Forscher in industriellen Forscherteams! James Watt und Gutenberg dürften sich genau wie die Erfinder des Rades nicht deswegen an die Arbeit gemacht haben, weil sie sich eine überlebenslange Rente in Form von Geld versprachen. Dasselbe gilt für Autoren, Filmemacher und Musiker. Wer nicht des Spasses wegen kreativ ist, sondern der Gier wegen, dem wird die Kreativität gehörig abgehen. Wie weit kommen wir dann?

Deshalb ein fettes JA zur Forderung, das Patentwesen zu reformieren, es an die digitalen Gegebenheiten anzupassen oder gleich: Es abzuschaffen. Ein fettes NEIN an die Rechthaberindustrie, das globale Medium Internet zu kastrieren und damit zugleich die Front zur Zensur zu öffnen. Eure “Industrie” ist an einem ähnlichen Punkt angekommen, wie die Kutschenhersteller zu Beginn des Automobilzeitalters. Nehmt es hin! Lasst euch was einfallen! Aber hört auf, wie kleine Kinder bockig stehenzubleiben, während die Karawane weiterzieht.

Das Neue wächst, wie so oft, in den Nischen. Open Source Technology kommt nach der Open Source Software. Nach den Informatikern sind die Ingenieure dran, ihr Wissen breit zu streuen. Der Ansatz führt uns weiter weg von der alten Eigentumsgesellschaft in eine wahrhaftig globale Welt, in der wir für die Menschen auf der anderen Seite des Planeten mitdenken – und sie für uns. Das alte Europa, dessen Teil die meisten Leser dieses Textes sein dürften, hat ausgedient. Bleibt das Spiel das alte, erdrücken uns die Schwergewichte Asiens. Mich wird das nicht stören, ich lern auch noch chinesisch! Aber wer will, daß seine Kultur erhalten bleibt, der sollte sie weiterentwickeln. Und für Europa und speziell die sagenumwobenen Dichter und Denker bedeutet das nicht, sein Wissen einzusperren, sondern es zu verbreiten! Denn nur so kann es mitgestalten, auf dem Planeten in Erinnerung bleiben und Einfluss nehmen auf seine Zukunft.

In diesem Sinne: In Zukunft ohne Rechthaberindustrie!

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