Wenn ich mal groß bin krieg ich 177 Euro Rente

01. März 2010

Vor einigen Wochen habe ich ein Fax an meine Versicherung geschickt. Ich habe die Aussetzung meines Rentenversicherungsvertrages gefordert. Begründung: Finanzieller Engpass. Die Versicherung hat akzeptiert. Der Vertrag liegt auf Eis. Ich könnte ihn zurückkaufen. Würde einen Bruchteil dessen ausgezahlt kriegen, was hineingeflossen ist. Aber ich zieh es in Betracht…

Der Vertrag läuft bis 2036. Dann werde ich etwa 60 Jahre auf diesem Planeten vegetiert haben. Bis vor wenigen Jahren war das noch das Alter, in dem “Rentner werden” logisch klang. Doch der Vertrag zeigt ein ganz grundsätzliches Problem, denn ich werde dann 177 Euro Monatsrente beziehen. Als Selbständiger ist mir die gesetzliche Rentenversicherung verwehrt, also versuche ich anderweitig “zu sparen”. So wie mir geht es allein in meinem Umfeld einem guten Dutzend Leute, die sich mit Selbständigkeit oder geringer Bezahlung durchschlagen. Ich bin sicher, nicht jeder hat solch einen Vertrag, viele warten auf die besseren Zeiten, wo dann soviel übrig bleibt, daß sich der Abschluss auch lohnt. Doch das Problem ist: Was soll ich in 25/30 Jahren mit 177 Euro Monatsrente anstellen? Selbst heute kann man von dieser Summe nicht leben, in einem Vierteljahrhundert noch viel weniger, hat doch allein die Euro-Inflation in den letzten Jahren schon fast 23% der Kaufkraft gefressen.

Ich sehe den Rentenvertrag als Wette. Laß ich ihn laufen, wette ich darauf, daß es das Versicherungsinstitut in einem Vierteljahrhundert noch gibt und meine Einzahlungen noch in irgendeiner Form vorhanden sind. Will ich darauf wetten, daß das Institut pleite geht oder die Inflation sich intensiviert, müßte ich ihn auflösen und die kleine Kapitalspritze mitnehmen und mit den Verlusten leben. Irgendwie bin ich schlecht beraten.

Doch das Beispiel zeigt, daß wir in 2036 ganz andere Probleme haben werden. Wenn sich an der wirtschaftlichen Situation vieler tausender, zehntausender, ja hunderttausender Menschen in diesem Land nicht grundlegend was ändert, werden diese hunderttausenden in einem Vierteljahrhundert ohne nennenswerte Einkünfte im Alter dastehen. Das betrifft ja nicht nur mich und mein Umfeld, das betrifft ganze Heerscharen von Leuten. Das heißt aber auch, daß wir anno 2036 mit großer Wahrscheinlichkeit über die grundlegende Frage der Organisation unserer Altersversorgung nachdenken müssen, ansonsten gibt es haufenweise arme Schlucker, die nicht wissen, wie sie um die Runden kommen. Da diese Grund-Frage zur Diskussion ansteht (und hoffentlich nicht erst 2035 diskutiert wird), spricht die Wette derzeit eher gegen das Versicherungsinstitut: Wozu soll ich in einen Vertrag einzahlen, dessen Erlös mich ganz offenbar nicht über die Runden bringen wird und der als Beispiel dafür dient, daß in einigen Jahrzehnten das Versicherungssystem überholt ist und mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr dieselben Regeln gelten, wie heutzutage?

3 Kommentare zu “Wenn ich mal groß bin krieg ich 177 Euro Rente”

  1. cense schreibt:

    Ich habe diesen Schritt schon vollzogen, d.h. alle Vorsorgeversicherung(en) mit Verlust aufgelöst … vor etwa einem Jahr. Es war die Konsequenz aus zweierlei:

    1. dem Einblick in die grundlegende Funktionsweise unseres aktuellen, monopolistischen Geldsystems und dessen bevorstehenden, zwangsläufigen Zusammenbruch/Neustart.

    Und 2. der Gewissheit, dass die nächsten 20 Jahre garantiert anders ablaufen als die just vergangenen.

    Ich spiele jetzt also eine andere Wette, und zwar eine auf solidarische Menschen in einem überschaubaren Wirtschaftsraum, nicht auf ein anonymisiertes System, das absehbar alle möglichen Zugeständnisse und Rechtsverzichte von mir erwartet um die Legitimation zur Teilnahme zu erhalten.

    Klingt abstrakt, schon klar, und hat auch seine Zeit gebraucht. Aber davon mal abgesehen spricht nichts dagegen, alternative (Geld-)Systeme parallel zu fahren … dann ist es schonmal nicht ganz so desaströs, wenn eins (vorübergehend) Flöten geht. Darin liegt meiner Meinung nach ein ganz wichtiger Schlüssel für eine Wende zum Besseren.

    Genialer Kurzvortrag von Douglas Rushkoff zum Geld … “I’m here to tell you, that the operating system for money is obsolete …”

    http://www.youtube.com/watch?v=OHMvknT_uk4

  2. Matthias schreibt:

    Wow… du hast eine Rentenversicherung und das freiwillig ;-) Wenn ich könnte würde ich aus der gesetzlichen austreten!

    Gruß aus Toronto!

  3. 2nd_Ralf schreibt:

    Vielleicht kommen wir ja bis dahin wieder zu dem sozialen Gefüge zurück, dass sich die Jungen um die Alten kümmern, auch finanziell. Das soll kein Ruhekissen für Dich sein, eher ein Ansporn, um Deinem Nachwuchs diese Option vorzuleben, verbunden mit der Hoffnung, dass sich dies irgendwann real “auszahlt”. Das klingt zwar ziemlich illusorisch, aber wir werden wohl keine andere Chance haben. Im Hinblick auf die uns nachfolgende Generation und im Hinblick – ja, auch im Hinblick auf meine eigenen Kinder! – wird mir da zwar ein wenig mulmig, doch was will man denn sonst tun?

    Darüber hinaus halte ich es für angemessen und notwendig, den Staat und Steuersch(r)öpfer stetig und lautstark daran zu erinnern, dass soziale Systeme nicht weiter geschwächt, sondern ausgebaut gehören! Ich werde einen Teufel tun, dieses dämliche, neoliberale Gesäusel jener “Experten” nachzuäffen, die die gesetzliche Rente permanent für zukunftslos erklären! Das dümmliche Gelächter über Norbert Blüms Satz “Die Renten sind sicher!” hat nämlich sehr wohl noch Bestand, wenn – ja WENN – Junge und Alte Geld und Gut zu teilen wissen; notfalls durch Gesetz und Regulierung. Wer dies leugnet, zeigt sein wahres Inneres: Ignoranz, Egoismus, Gewalt. Sozusagen eine neue Art von Faschismus: nicht gegen Ethnien oder Rassen, sondern gegen Generationen Hass zu schüren. Eigentlich gehört so etwas bestraft.

    Mit besten Grüßen aus dem Fernen Osten!
    Ralf

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