Archiv Februar 2010

Umdenken 2010

09. Februar 2010

Es bebt hinter den Fassaden. Die Finanzkrise, Ende 2008 grade noch vom Kollaps- in ein Abrutsch-Szenario hinüberfinanziert, kommt aus anderer Ecke als Wirtschaftskrise zurück. Die Kommunen warnen vor finanzieller Überlastung, Jugendarbeit und Co. stehen ganz oben auf der Abschussliste. Zeitgleich klammern sich die Banken an ihre Einlagen, denn die Risiken “da draußen” werden eher größer statt kleiner und durch eben diese Horterei kommt der Geldfluss und mit ihm die Wirtschaft ins Stottern. Selbsterfüllende Prophezeiung. Daß man bei Wirtschaftswoche und Manager-Magazin vorm Aktienkauf gewarnt wird, hätte sich vor einigen Jahren selbst vorausschauende Systemkritiker nicht träumen lassen. Doch auch anderswo bauen sich Krisenfronten auf, nach Griechenland steht Spanien unter Druck, selbst im Rahmen der G7 sieht man den Kollaps ganzer Volkswirtschaften als nicht mehr unmöglich an. Hinzu kommt die drohende Rohstoffkrise. Peak Oil ist als Stichwort inzwischen nicht mehr nur Eingeweihten bekannt, doch auch über die Reichweite anderer Rohstoffe wie Kohle wird inzwischen öffentlich gesprochen. Der Gründer der Virgin-Fluglinie Richard Branson ist inzwischen in der Peak-Oil-Welt angekommen, äußert sich öffentlich und sieht darin eine größere Bedrohung als in der Finanzkrise.

Zugleich läßt sich der Wandel der Krisensituation hin zur Sozialkrise erspüren. Damit ist weniger das Urteil gemeint, daß HartzIV seit Jahren zu niedrig angesetzt ist, sondern immer öfter grundsätzlich geäußerte Kritik am bestehenden System. Laut einer Bertelsmann-Studie halten nur 20% der Deutschen die wirtschaftlichen Verhältnisse für “in Ordnung” und der Großteil empfindet sich in einer ungerechten Wirtschaftswelt angekommen. Kritik am System wird auch im persönlichen Umfeld zunehmend geäußert, nachdem jahrelang Probleme zwar gesehen, aber eher – mangels Einflussmöglichkeiten – weggeschoben wurden. Nun scheint die Anzahl der Menschen, die sich hier nicht gut aufgehoben fühlen, förmlich zu explodieren. (Wo liegt die Schmerzgrenze?) Gefördert wird diese Wahrnehmung unter anderem dadurch, daß die Finanzjongleure wieder genau dort weitermachen, wo sie zwischendurch nie richtig aufgehört hatten: Boni, Boni, Boni – und mithin tausendfach falsche Anreize, die die Lemminge zur Abbruchkante führen. In Großbritannien ist der erste Aufruf zum Steuerboykott in der Welt, weil immer weniger Menschen verstehen, daß sie Steuern dafür zahlen sollen, den Reichen noch den letzten Pickel zu vergolden.

Das Rad der Zeit wird sich nicht dorthin zurückdrehen, wo sich viele von uns noch vor wenigen Jahren fühlten. Das System ist über einen Point-of-no-return gegangen. Von hier aus geht es nur noch vorwärts. Wenn wir nur wüßten, wohin…

Zieht der Steuerboykott, wird nach Island und Griechenland auch das Vereinigte Königreich seinem Bankrott entgegensehen. Doch gelöst sind die Probleme weder mit dem Staatsbankrott, noch mit der widerspruchsfreien Einzahlung in ein System, was keine Mitbestimmung erlaubt. Bürgerhaushalte und Wählen beim Finanzamt wären eine sinnvolle Evolution des Systems, in dem wir künftig leben. Eine Bürgerversicherung fürs Gesundheitssystem würde den Gerechtigkeitsstreben der Menschen weitaus näher kommen als der jetzt eingeschlagene Weg der Kopfpauschale, der nur zu weiterer Unzufriedenheit und noch mehr Druck im sozialen Kessel führen wird. Bürgerwährungen, die allen gehören und sich durch enge Kopplung zwischen Geld und Gut auszeichnen und damit als Spekulationsobjekte wegfallen, dürfen diskutiert werden. Der Bürger, der Mensch, muss wieder zum Mittelpunkt des Gemeinwesens werden, mehr Zusammenhalt und Solidarität statt dem ewigen (und zunehmend langweiligeren) Spiel der Konkurren. Daß es nicht weitergeht, wie bisher, haben wir ja nun hoffentlich langsam gemerkt. Kernfrage wird jetzt: Wohin soll die Reise gehen? 2010 werden wir diese Frage öfters hören.

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