Stadtmarketing, Teil 1. Heute: Dresden

04. Dezember 2009

Dresden ist’ne Reise wert. Das weiß man seit letztem Wochenende nicht nur in Braunschweig, das wissen seit Jahren viele Leser und Leserinnen der allgemeinen Medienlandschaft. Frei nach dem Motto, jede Nachricht ist eine gute Nachricht bemühen wir Bewohner uns seit Jahren, immer neue Ereignisse zu generieren, damit die Welt uns sieht und hört und wir nicht den Eindruck bekommen, Dresden verkomme erneut zum Tal der Ahnungslosen - so ganz ohne Aufmerksamkeit der “Westpresse”. Unser Programm reicht von Architektur bis Kabarett, von Krimi bis Katastrophenfilm, von Kunst bis Knallkörper, von Sportereignis bis Demokratie in Reinform - man weiß gar nicht, wo man anfangen soll.

Unser Fußballverein brilliert dadurch, daß er sich in der dritten Liga eins dieser hypermodernen Stadien bauen läßt, was er sich nicht leisten kann. Dafür ist der Laden Vorreiter beim GenderMainstreaming, denn die grade frisch einfusionierte Frauenmannschaft ist inzwischen erfolgreicher als die alternden Kerle. Muss aber sein, denn nächstes Jahr ist Frauenfußball-WM, auch in Dresden! Ob die genauso lebhaft wird, wie das hiesige Hooligan-Milieu?

Mit der Architektur haben wir es ganz besonders, die ersten Gerüchte werden laut, die Betonmafia hätte sich in den Dresdner Stadtrat eingekauft.  Lukrativ, lukrativ, dieser Betonmarkt. Denn trotz Peak Oil bauen wir Canaletto-Blick-Brücken und planen vierspurig. Wer das noch nicht gesehen hat, sollte seine Ferien bei uns planen!

Dresden ist Einkaufsmeile schlechthin, der ansässige sächsische Landtag plant nicht nur, die Ladenöffnungszeiten endlich freizugeben, wir haben auch die größten Einzelhandelsflächen in Sachsen. Da sind wir stolz drauf, wir wollen halt mithalten! Und jeder Quadratmeter bedeutet Umsatz bei den Betonindustrie und wir wissen ja alle, wie nötig wir Wachstum und Arbeitsplätze brauchen. 900.000 Quadratmeter bei 500.000 Einwohnern, bald gilt: 2 Quadratmeter für jeden! Hier gibt es was zu kaufen!

Ja, wir sind in der Wettbewerbs- und Werbewelt angekommen! Wir wissen, wie man sich vermarktet und die dünne Haut einer Stadt zu Markte trägt.  Unübertroffen ist aber das elegante Zusammenspiel zwischen den Medien und unserem politischen Kulturprogramm. Man nehme: Ein Bild, eine Bild und eine bildschöne Oberbürgermeisterin, bilde letzteres auf ersterem ab (mit Canalettobeton als formschönen Hintergrund) und lasse zweitere empört zu letzterer laufen, um dann vor Gericht zu ziehen. Zu verwirrend? Stimmt doch gar nicht:

  • das Bild, um das es geht, findet sich auf der ursprünglichen Seite nicht mehr
  • die Bild, die das Bild unserer Oberbürgermeisterin Orosz zur Empörung vorgelegt hat, hat ihren Erlebnisbericht hier geschildert. Da sieht man auch das Bild, aber leicht zensiert. (Natürlich!) Unter dem werbewirksamen Titel: Oberbürgermeisterin Orosz ganz nackt im Internet! Wer würde da nicht klicken?
  • Und wer dann trotzdem nach dem Bild sucht, bekommt dazu noch einen netten Text.

Ich meine: Besseres Stadtmarketing ist nahezu unmöglich. Grüße nach Toronto!

1 Kommentar zu “Stadtmarketing, Teil 1. Heute: Dresden”

  1. Stefan schreibt:

    “Wenn es dunkel genug ist, kann man die Sterne sehen.”
    Ralph Waldo Emerson

    Vielleicht bist Du ja so ein Stern?

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