Die Mißtrauensrepublik
11. November 2009Etwas hat sich geändert.
“Schrei niemals FEUER, wenn’s nicht brennt. Sonst kommt nämlich niemand, wenn du wirklich Hilfe brauchst.” Stammt aus irgendeinem Film. Passend ist dieser Satz in diesem Beitrag deshalb, weil man angesichts von SARS (2004) und Vogelgrippe (2005/2006) auf den Gedanken kommen könnte: Weil die grippale Apokalypse trotz enormem Medienrummels ausblieb, weigert sich heute (2009) das halbe Land, sich seine staatsbürgerliche Schweinegrippe-Spritze abzuholen. Die Skepsis gegenüber Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der angepriesenen Impfung ist enorm. So enorm, daß es Zeit ist, sich Gedanken über Vertrauen und Mißtrauen in einer Gesellschaft wie der unseren zu machen.
Früher waren Ärzte Vertrauenspersonen. Wer sich ungesund fühlte oder ungesund war ging zum Arzt seines Vertrauens und ließ sich helfen. Es war nicht notwendig, das Handeln dieses Helfers zu hinterfragen, unlautere Absichten der beruflichen Königsklasse kamen niemand in den Sinn. Doch seitdem auch Gesundheit, wie so vieles andere, von einer Industrie bearbeitet wird, schwindet dieses Verhältnis. Der Zweck der Ärzte und der Zweck der Industrie gehen nicht in dieselbe Richtung, vielmehr stehen sie sich nahezu unvereinbar gegenüber. Zweck der Ärzte ist die Heilung, Zweck der Industrie das industrielle Geldverdienen. Unter Beachtung des Wachstumsparadigmas ist Heilung kontraproduktiv, zahlt man hierzulande doch nur, wenn man krank ist. Heilung bedeutet, Nichtzahler zu produzieren – was keiner Industrie gelegen sein kann.
Seitdem die Grenzen der Werbung verschwunden und verschwommen sind, fühlt man sich überall zum Kaufen animiert. Der gemeine Weltenbürger kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem, was er wirklich braucht und dem, was ihm aufgeschwatzt wird. Und seitdem PR und die Lancierung von Pressemeldungen zum Zwecke der redaktionellen (=vertrauenswürdigen) Aufarbeitung genutzt werden, ist die Werbung auch im politischen Raum angekommen. Im Fall der Grippe-Impfung ist die Zielgruppe sehr klar zu definieren: Die paar Hanseln, die man Bundesregierung und Parlamentarier nennt, denn die paar Köpfe können per Handstreich hunderte Millionen locker machen – keine Werbekampagne, die sich an Otto Normalverbraucher richtet erreicht solch ein Kopf-zu-Umsatz-Verhältnis. Bei diesem (unterschwelligen) Wissen in breiten Teilen der Bevölkerung ist es nicht unwahrscheinlich, daß viele nicht mehr wissen, ob die Zeitungsberichte über Schweineviren und Impfeuphorie echter Alarm oder nur die Auswirkungen einer imposanten Marketingaktion sind. Und seitdem die Sättigung der Auto-Märkte offensichtlich ist, braucht der Kapitalismus neue Absatzmärkte, warum nicht die Venen unserer Mitbürger?
Doch die Impf-Diskussion ist nur eines der Schlachtfelder, in der der Kampf um das Vertrauen geht. Vertrauen ist die Grundlage jeder Gesellschaft. Löst es sich auf, lösen sich die gesellschaftlichen Bindungen. Eine Gesellschaft ohne Bindungen ist keine, sie ist nur eine Menge von Individuen. Der “Erosionsprozess” des Vertrauens setzte aber weit vor der Grippe ein, ganz persönlich darf ich den vorläufig letzten Höhepunkt in 2001 datieren. Zehntausende Menschen allein in diesem Land glauben nicht an die offizielle Darstellung des 11. September 2001. Schon damals gab es einen intensiven Bruch zwischen den Bürgern und anderen gesellschaftlichen Strukturen. Dieser Bruch ist genauso wie die Menge an “Skeptikern” größer geworden. Der nächste Schub kam letztes Jahr, als das Vertrauen in die Bankiers (und jenes, das die Bankiers untereinander hegen) sich mit den ersten Banken in Luft auflöste – und Angela Merkerl dazu brachte, ihre ganze Person in die Waagschale zu legen, um den Sparer davon abzuhalten, seiner Matraze mehr zu trauen als seinem Geldverwalter. Spröder Kitt, der da in die Fugen geschmiert wurde. Man merkt es an solch kleinen Details, wie das Finanzamt einen behandelt, wie Geschäftspartner plötzlich drauf sind, wie die Redakteure sich bemühen, ihrer Verantwortung nachzukommen, indem sie ihr eigenes Mißtrauen nicht allzusehr in die Jubelmeldungen einfließen lassen, um sich nicht selbst dem Vorwurf auszusetzen, sie würden die Krise herbeischreiben.
Wie kurzatmig Vertrauen im politischen Zirkus ist, musste gleich nach der Wahl die FDP erleben, die laut Umfragen danach gleich mal wieder einige Prozentpunkte abgeben musste, nachdem die Wohlfühlversprechen sinkender Steuern an der harten Schuldenrealität zerplatzt sind. Die Politik, die Politik, sie ist das seltsame Spielfeld, was eigentlich seit Jahrzehnten schon mit Mißtrauen zu kämpfen hat. Ein ganzes Drittel der Bevölkerung geht schon gar nicht mehr hin, wenn zum Stimmenabwurf gerufen wird. Man erwartet von oben nix, und das ganz wohl zurecht. Sitzen doch in der Regierung ein vergeßlicher Waffenhändler-Freund als Finanzminister neben einem schwerreichen, industrieverbandelten Verteidigungsminister, wo man doch (von hier unten aus betrachtet) nicht wirklich glaubt, da kämen Entscheidungen raus, die ins eigene Fleisch schneiden?
Nunja. Ab morgen kommt ja der neuer Emmerlich ins Kino. Weltuntergang. Auch wenn nun fraglich ist, ob 2012 die Welt verloren ist, so verdichten sich doch die Erscheinungen die signalisieren, daß die alte Welt schon ihre Stunden schlagen hört.






11.November 2009 23:49
Klasse, wieder mal von Feldpolitik zu lesen. Wunderbar aufbereitet, stets auf dem Teppich geblieben, dennoch amüsant zu lesen.
Aus meiner Sicht zieht sich besagter Erosionsprozess durch die ganze Geschichte, je mehr ich von anno dazumal erfahre, egal wie weit ich zurückgeführt werde, desto eher erscheinen mir die Methoden als die immer gleichen. Austauschbar sind allerdings die Mittel, was früher unter Monarchie jeglicher Färbung lief, läuft heute unter dem Deckmantel der Demokratie. Von Epoche zu Epoche versprechen uns Wirtschafts-, Politik- und Militärfuzzis “Schöne Neue Welten”, streichen die Empfangshalle in den gerade modischen Tönen und das Spiel beginnt von vorn. Und so kommt uns die Sau in unserem Dorf gar merkwürdig und neuartig vor, dabei hat sie nur einen Zahn zugelegt und ferkelt sich um so schneller durch die Strassen, die früher noch Gassen waren. Nichts ist wirklich neu, sobald die Muster als solche unter Ausschluss der Mittel verglichen werden, formal bewegen wir uns in ausgetretenen Pfaden.
Die Amis auf Kurs
Grüsse
kosh
17.November 2009 18:35
“Schrei niemals FEUER, wenn’s nicht brennt. Sonst kommt nämlich niemand, wenn du wirklich Hilfe brauchst.” Aus einem Film? Twelve Monkeys, und worum gehts da ;-) ? Wenn das nicht zum impfen passt…
http://de.wikipedia.org/wiki/Twelve_Monkeys
DaWool