Unternehmen horten Bares: Die selbstverstärkende Krisenschraube

23. März 2009

Das Besondere an der “Naturkatastrophe Wirtschaftskrise”: Die Natur hat sich gar nicht eingemischt. Das menschengemachte Wirtschaftsspiel wird natürlich immer beeinflusst von der Natur – das Wetter beeinflusst die Ernten, die Rohstoffernte beeinflusst die Rohstoffpreise, Epidemien beeinflussen Pflanzen und Tiere und damit Angebot und Nachfrage – aber in den letzten Jahren hielt sich die Natur zurück. Und trotzdem bricht die Krise wie eine Naturgewalt über uns hinein, scheinbar unbeeinflussbar und wie aus heiterem Himmel.

Weil die innere Natur nicht beachtet wird: Die Psyche. Im menschlichen Spiel namens “Wirtschaft” spielen Menschen. Domestizierte Affen, wie RAWilson sagt. Und wir haben unser Wirtschaftssystem nicht gerade so gebaut, daß es mit unserer eigenen Psyche spielschonend zusammenarbeitet. Vielmehr ist zumindest ein Teil des Systems so aufgebaut, daß es Krisen selbstverstärkt: Das Geldsystem. Dazu lese man diesen Financial-Times-Beitrag vom 20.März, dessen Aussage sich in seinem Titel zusammenfasst: Unternehmen horten Bargeld.

Weil die Aussichten auf die künftige Wirtschaftsentwicklung unklar sind und eher mit einer geringen Nachfrage der eigenen Produkte gerechnet wird, geben die Unternehmen selbst kein Geld mehr aus. Aus dieser Situation läßt sich jedoch die weitere Entwicklung ableiten: Weil die Unternehmen kein Geld mehr ausgeben, müssen alle Wirtschaftsakteure mit einer geringeren Nachfrage rechnen. Nun mag das für unsere Umwelt und den Betonwahn unserer Spezies eher heilend sein, für unser gesellschaftliches Zusammenleben ist das eher Sprengstoff. Da an Unternehmen immer Arbeitsplätze dranhängen, die einerseits für die finanzielle Unterfütterung der (ungewissen) Nachfrage verantwortlich sind, andererseits bei vielen Menschen notwendig für eine halbwegs stabile Psyche sind, ist es nicht gerade unwichtig, ob der Fluss des Geldes in Gang kommt oder stockt. Horten alle Geld, stockt genau der Geldfluss, dessen Stocken die Hortung erst auslösen. Unser Geldsystem wirkt in krisenhaften Situationen wie der jetzigen also krisenverstärkend.

Ein Lösungsansatz: Die sanfte Erhöhung der integrierten Geldhaltekosten von heute 0% auf bis zu 8% als zusätzliches geldpolitisches Werkzeug der Zentralbank.

Das heißt: Außer dem Zinssatz bei der Kreditvergabe hätte die Zentralbank die Gebührenhöhe auf Bargeld als weiteren steuernden Hebel der Geldpolitik. Hortungen, wie sie derzeit zu beobachten sind, würde durch Erhöhung der Geldhaltekosten entgegengewirkt. Dies kann geschehen, indem auf Bankkonten kontostandsabhängige Gebühren erhoben werden und Bargeld serienmäßig zur Erneuerung aufgerufen wird.

Dann hätte man ein antizyklisch wirkendes Werkzeug in der Hand: Kommt es zu Geldhortungen werden die Geldhaltekosten erhöht, um die Eskalation der Wirtschaftskrise durch den Teufelskreis von Geldhortungen und Krisenerwartungen zu unterbrechen. Beruhigt sich die (Massen-)Psyche, weil durch das Enthorten wieder Nachfrage entsteht und der Geldfluss in Gang bleibt (=Aufträge =Umsätze =Liquidität =Investitionsmittel), können die Geldhaltekosten wieder auf ein anderes Niveau gesenkt werden.

Ohne solche gegenwirkenden Instrumente wird die Krise in Resonanz mit unserer Psyche selbstverstärkend. Als Ergebnis können sicherlich interessante gesellschaftliche Entwicklungen rauskommen, die hoffentlich weiterführend sind. Aber sicher ist das nicht.

4 Kommentare zu “Unternehmen horten Bares: Die selbstverstärkende Krisenschraube”

  1. Krebbi schreibt:

    Diese These erinnert mich stark an das “Geldwunder von Wörgl”:

    http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/spiegel/

  2. Konstantin schreibt:

    wie immer ein toller artikel, Norbert – danke.
    eine frage, die wahrscheinlich banal ist: was macht man, wenn leute gold horten? oder
    irgend ein wertvolles zeug, das kein ablaufdatum hat?

  3. Norbert schreibt:

    @Konstantin: Sehe ich erstmal als unproblematisch: Gold, was im Keller liegt, behindert nicht den Zahlungsfluss. Bezogen auf die Geld-Wirtschaft ist das also gar nicht so wichtig. Bezogen auf Grund&Boden mag das anders aussehen: Wenn Land akkumuliert wird und dieses seiner Nutzung durch die Allgemeinheit entzogen wird, wird’s kritisch. Siehe auch: Acker als Geldanlage bei Sonnenseite.com

  4. Konstantin schreibt:

    @Norbert: danke für den link!

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