Volkseigene Betriebe, Teil II

31. Januar 2009

Vor 20 Jahren wurde hierzulande das Konzept angewickelt, Unternehmen sollten überwiegend staatseigen sein – ach nein, volkseigen. Die Wirtschaft der DDR sprach ein scheinbar eindeutiges Bild: Volkseigene Betriebe (VEBs) waren nicht sonderlich innovativ, nicht besonders einfallsreich und nicht besonders schlank. Mit der Wende, die wir dieses Jahr zum 20. Mal feiern, wurde das Projekt Planwirtschaft abgewrackt (mit Abwrackprämien für so manche treue Hand).

20 Jahre drauf zeigt der Kapitalismus öffentlich, daß er auch nicht grade das Beste aller Systeme ist.  Er tat dies schon länger, schließlich sind Millionen Arbeitslose auch nicht grade effizient, aber nun steht’s in der Zeitung: Die Banken wanken, Versicherungen sind verunsichert und bei Autokonzerne steh’n die Räder still. Wo das Systemrisiko zu groß wurde, sprang Papa Staat ein, gelenkt von der alten Pionierin Mama Merkel. Sie hat keine Wahl, schließlich sind Arbeitsplätze bedroht und das war in den letzten 20 Jahren schon immer wichtiger als andere bedrohte Arten. Nach den ersten Finanzinstituten wollen sich jetzt die ersten Industrieinstitute verstaatlichen lassen. Schaeffler, die Firma, die sich an Conti übernahm, Airbus, der europäische Flugverkehrslärmproduzent und natürlich rufen die Autohersteller und das taumelnde Silicon Saxony (Qimonda) nach staatlichem Geldregen. Und im Spiegel fragt man sich: Hilfe für DAX-Konzerne: Auf dem Weg in die Staatswirtschaft? Nun könnte da ja jeder kommen: Jedes Unternehmen bietet die bedrohte Ware Arbeitsplätze, jedes Unternehmen hat Zulieferer, die im Fall eines Bankrottes mitbedroht wären, jedes Unternehmen löst einen Dominoeffekt aus, wenn es fällt – und sei es nur einen kleinen. Und ist es nicht das, was mehr oder weniger “Sozialisten” seit Jahren fordern: Die Verstaatlichung großer Konzerne?

Da muß man sich jetzt fragen: Sind die Hardcore-”Kapitalisten” plötzlich zu “Sozialisten”  mutiert oder haben die “Sozialisten” den “Kapitalismus” schon immer besser verstanden als die die “Kapitalisten” selbst?

Versuchen wir, dieses seltsame Spiel mal konstruktiv zu betrachten. Frau Schaeffler, die “angeschlagene Milliardärin mit dem Faible für Autoreifen”, schreit vermutlich nicht deswegen nach Staatsknete, weil ihr Weltbild dazu neigt, alle Menschen an dem von ihr mitaufgebautem Reichtum teilhaben zu lassen. Es ist wahrscheinlicher: Die will eher ihren Pelzmantel behalten. Und ihren Einfluss. Konsequent wäre, wenn Papa Staat und Mama Merkel ganz klar sagen: Wie helfen gern, dafür kürzen wir der Milliardärs- und Aktionärsriege das Vermögen auf gehobenen Durchschnitt (= eine Vierzimmerwohnung, 1 PKW, 55.000 Euro Geldvermögen). Kann ja auch nicht angehen, daß ich mich monatlich wegen meiner paar Piepen mit dem Steuerkram quäle, um Frau Schaeffler ihren Mantel zu bezahlen. Und wenn ihr das nicht passt, steht ihr ja HartzIV offen, entworfen von einem vorausschauenden Manager der Automobilindustrie. Quasi ein Kollege.

Und gleichsam verfolgen wir konsequent das in den letzten Jahren immer mal wieder diskutierte Modell, Arbeitnehmer mehr am Unternehmenserfolg zu beteiligen und geben jedem Einwohner des Landes ein Achtzigmillionstel der Unternehmen Schaeffler, Conti & Co. Etwas, was man im Übrigen auch mit der Bahn machen könnte. Verkauf- und handelbar wären diese Eigentumspapiere nicht, um keine erneute Eigentumskonzentration aufkommen zu lassen, stattdessen gibt es eben einmal jährlich Wirtschaftswahlen, wo wir Aktionäre darüber abstimmen, in welche Richtung die Unternehmen zu gehen haben und wer den Vorstand stellt. Das Übliche eben, wie man es von Aktionärsversammlungen oder der Bundestagswahl eben so kennt. Und wer nicht mitwählen will, wählt eben nicht, auch das ist ja nicht unüblich.

Unvorstellbar? Na warten wir mal ab, wer sich in nächster Zeit noch so verstaatlichen lassen will….

0 Kommentare zu “Volkseigene Betriebe, Teil II”

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