Kauft um euer Leben!

05. Dezember 2008

Zwischen “Autos, Autos über alles” und “Kauft um euer Leben!” schwanken die Zeitungsmeldungen dieser Tage. Eine Wirtschaftskrise zieht herauf. Niemand mag sie, aber trotzdem kommt sie. Und dies, obwohl Wirtschaft nichts anderes ist als das Ergebnis des Handelns aller Menschen, die gar keine Wirtschaftskrise wollen. Wir sind die Zauberlehrlinge, die ihre Geister nicht mehr loswerden…

Versuchen wir einen anderen Blick auf diese Krise. Daß die Leute keine Autos mehr kaufen deutet darauf hin, daß sie keine Autos BRAUCHEN. Zwar wurden “Milliarden” an Buchgeld im Zuge der Finanzkrise umgeschichtet, aber die meisten Menschen in Europa sind von echten Verlusten verschont geblieben. Geld zum Autokauf ist also da, aber offenbar ist der Kauf nicht NÖTIG. Was bedeutet das? Bedeutet das nicht, daß seit Jahren mehr Autos produziert und verkauft werden, als eigentlich GEBRAUCHT werden? Haben wir es mit einer Auto-Blase zu tun, die grade etwas Luft läßt?

Na klar, das Problem ist ja ein anderes: Werden weniger Autos gekauft, fahren die Autoproduzenten ihre Produktion zurück. Sie entlassen Leute und stornieren Aufträge bei Zulieferern, was letztlich entlang der Wertschöpfungskette zu Entlassungen und Einsparungen führt. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sieht so aus, daß ja eigentlich nur das WENIGER gekauft wird, was offenbar gar nicht so dringend GEBRAUCHT wird. Aus gesellschaftlicher Sicht heißt das, daß wir mit derselben Menge an Autos klarkommen. Wir haben also erstmal denselben Wohlstand wie zuvor. Aber: Wir sparen Zeit! Muss bei selbem Wohlstandsniveau weniger Arbeitszeit investiert werden, so bleibt mehr Freizeit! Das mag zynisch gegenüber jenen klingen, die grade von Entlassungen bedroht sind, soll aber folgendes verdeutlichen:

Wir jammern darüber, daß wir selbst und unsere Mitmenschen weniger einkaufen. Warum nutzen wir diese Situation nicht einmal, um darüber nachzudenken, warum wir Wirtschaft bislang so organisiert haben, dass möglichst VIEL zu tun ist? Was ist so gut daran, möglichst viele Autos zu herzustellen und möglichst jedes Jahr noch ein Stück Wachstum obendraufzulegen? Steigern die überfüllten Strassen unser Wohlbefinden? Macht Arbeit so viel Spaß, daß wir immer mehr davon haben müssen?

Wie würde wohl unser Leben aussehen, wenn wir nicht die ständige Ausweitung der Produktion betreiben, sondern unser Wirtschaftssystem auf Arbeitseinsparungen optimieren? Statt Sollbruchstellen in Konsumgütern einzubauen, damit sie möglichst schnell ersetzt werden können (Arbeit!!), möglichst lang haltbare Produkte herzustellen? Was ist so schlecht daran, wenn ein Auto 30 Jahre hält, statt im 10-Jahres-Zyklus verschrottet um dann mit enormem gesellschaftlichen und energetischen Aufwand wieder runderneuert zu werden?

Ich glaube es ist kein Wunder, daß die Suche nach SINN bei vielen Menschen verstärkt aufkommt. “Kauft um euer Leben” ist nichts, was langfristig SINN verspricht. Shopping als Ersatzhandlung kennt sicher jeder von uns, aber voran bringt uns das nicht. Weder dich und mich als Individuum noch uns als Gesellschaft. Mal aus dem ökonomischen Kontext rauszuspringen und Umwelt und Natur einzubeziehen, das wäre ein sinnvoller Punkt für die derzeit anlaufende öffentliche Diskussion. Und wir alle, die wir kaufen wollen und kaufen sollen wie die Blöden sollten uns mal fragen: Wieviel unserer Lebenszeit verbringen wir wohl gemeinschaftlich damit, Dinge zu kaufen, die wir nicht wirklich brauchen und diese Dinge herzustellen? Was würden wir wohl mit unserem Leben anfangen, wenn wir Wirtschaft etwas SINNvoller organisieren würden?

4 Kommentare zu “Kauft um euer Leben!”

  1. Stefan schreibt:

    Hallo Norbert,

    ich schau ja nun schon seit einiger Zeit regelmäßig auf dieser Seite vorbei, und muss sagen, dieser Beitrag hat mir von allen am besten gefallen. Liegt vielleicht daran, daß das Wort “Sinn” zum ersten Mal als Schlagwort auftaucht.
    Weiter so!

  2. Heiko schreibt:

    Vielen Dank für den Text. In der Krise liegt auch Hoffnung da vielleicht bei einem größeren Teil der Bevölkerung das Denken einsetzt…

    Wartens wir ab.

  3. Peter schreibt:

    Du sprichst mir mit diesem Artikel aus der Seele!

    “Wieviel unserer Lebenszeit verbringen wir wohl gemeinschaftlich damit, Dinge zu kaufen, die wir nicht wirklich brauchen und diese Dinge herzustellen?”

    Genau diese Frage stelle ich mir auch des öfteren -was für eine Verschwendung von Energie, Kreativität und Lebenszeit wird da bei der Herstellung von jeder Menge Schund verpulvert? Und dazu dann obendrauf die Ressourcen- & Zeitvergeudung durch die Werbung, die das Zeug anzupreisen hilft…

    Dass unser Wirtschaftssystem mit dem ewigen Wachstumszwang an seine Grenzen stoßen MUSS, habe ich auch in einem Artikel des New Scientist verdeutlicht:
    http://konsumpf.de/?p=556

  4. Bernhard schreibt:

    Das ist der falsche Ansatz. Es sind schließlich nicht die Konsumenten, nicht die Arbeiter an den
    Fließbändern und auch nicht die Ingenieure in den Büros, die darüber befinden, was und wieviel produziert wird. Es sind die Eigentümer der Produktionsmittel und ihre “Investoren” und ihr Motiv ist denkbar einfach: Profit und noch mehr Profit.

    Diejenigen, die arbeiten und konsumieren, sind gar nicht daran interessiert, noch mehr zu arbeiten und noch mehr zu konsumieren. Da gibt es einerseits die diversen “Absatzkrisen”, wenn “der Markt gesättigt” ist, die Konsumenten also eben nicht mehr kaufen. Warum wohl wird über Werbung versucht, Bedürfnisse zu erzeugen, wo schon längst kein Bedarf mehr vorhanden ist? Andererseits kann man am inzwischen jahrhundertealten Kampf um Verringerung der Arbeitszeit schön erkennen, dass die große Mehrheit der Menschen weniger arbeiten möchte und sich mehr Souveränität über die eigene Lebenszeit wünscht. “Wir” sind es also nicht, die übertreiben.

    Der “Appell an uns selbst” geht ins Leere.

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