Natürliche Auslese

05. Oktober 2008

Völker hört die Signale: Die Deutsche Bank ist flüssig! Steht im Spiegel! Ein *Ping* geht durch die Netze, die Dicke Berta steht! Beruhigt euch! “Der Bedarf an Liquidität ist bei der Deutschen Bank jeden Tag mehrfach überdeckt” weiß Hugo Bänzinger, Risikovorstand. Dasselbe gilt für die Commerzbank.

Na also.

Nur ein paar Peanuts liegen noch rum, in “Commercial-Paper”-Wertpapieren. Commercial Paper? Wikipedia weiß dazu:

Commercial Papers [gehören zu Geldmarktpapieren], auch CP genannt, die vornehmlich durch erstklassige Industrieadressen oder in Form forderungsbesicherter Wertpapiere (Asset-backed Commercial Papers kurz ABCP) durch spezielle Emissionsgesellschaften (Conduits) begeben werden. In der Regel ist Voraussetzung für die Platzierung und den Handel ein ausgezeichnetes Rating des Emittenten. Commercial Papers werden zur Deckung eines kurzfristigen Kreditbedarfs ausgegeben.

Aha.

Hmm. Banken handeln also mit Wertpapieren, die von “erstklassigen Industrieadressen” herausgegeben werden (ich hoffe, nicht nur Chemie- und Rüstungsfirmen) und mit denen die sich kurzfristig finanzieren. Die Deutsche Bank besitzt ein paar davon und der Handel mit ihnen ist derzeit nicht so leicht möglich.

Abhilfe? Gibt es! Aber nur für “gute Adressen”. Denn für die ist man bei der Deutschen Bank offen. Gute Adressen dürfen bei der Deutschen wieder handeln! Laut Spiegel gehören dazu BNP Paribas, HSBC und JP Morgan – aber auch die Deutsche Bank selbst. Alles klar?

Zur französischen BNP Paribas gehört auch CortalConsors, deutsche Online-Bank. Die haben kürzlich nicht nur ihre Festgeldzinsen angehoben, sondern das gleich mal zum Anlaß genommen, ihre Kunden auch darüber zu informieren, daß die Mutterbank mit AA+ bewertet wurde – also als ziemlich sicher gilt. War das vor Jahresfrist eine Bemerkung wert? Welcher Bankkunde interessiert(e) sich schon dafür, wie die globale Etikettieragentur Standard & Poor’s, seine (Haus-)Bank bewertet? Standard & Poors übrigens: Eine der drei großen Etiketteure, die zusammen 85% Marktanteil ausmachen. (Fehlen also nur 15% Marktanteil und zwei Großfusionen zum Monopol…)

HSBC ist laut Forbes-Liste das größte Unternehmen der Welt. Branche: Banking. Location: Großbritannien. Historie: HSBC steht für Hongkong and Shanghai Banking Corporation, man stammt geschäftsmäßig also aus Asien und ist stark im Islamic Banking verankert. JP Morgan ist nicht nur das global viertgrößte Unternehmen auf diesem Planeten laut Forbes-Liste, es hat auch den Titel “Bank-Räuber des Jahres 2004″ von der Schutzgemeinschaft der Kleinanleger verliehen bekommen. Die Story dazu zeigt, was für Geschäftspraktiken an so mancher Ecke auf Lauer liegen, sogar in “besseren Adressen”.

Zwei europäische, eine amerikanische und eine asiatisch ausgerichtete Bank werden also explizit öffentlich eingeladen. Eine Handvoll der größten Unternehmen der Welt handeln in den (virtuellen?) Räumen der Deutschen Bank mit ihren Wertpapierchen von der Industrie. Und vor allem bei ihnen, so der Tenor des Artikels, ist unser Geld sicher.

Kredit=Vertrauen=Geld.

Und die anderen Banken? Die vielen, die Hugo Bänzinger nicht nennt, was ist mit denen? Wenn demnächst viele deren Kunden “ihr Geld” zu den “guten Adressen” schaufeln, beginnt bei der kapitalistischen Auslese ein neues Tempo. Billigste weniger gute Adressen ohne Frischgeld stehen dann wenigen fetten Räubern gegenüber, preiswert per “Nothilfepaket zu retten”. Und bestimmt bereit im Fall des Falles, aus ihrem Geldpapiermarkt das “papiermarkt” zu streichen, um eine globale Konzernwährung zu erschaffen. Eine private Währung für bessere Adressen?

Tja. Monopole und Kartelle werden sogar von der Mainstream-Wirtschaftstheorie als problematisch angesehen. Aber”angesichts der aktuellen Umstände” wäre es nicht verwunderlich, wenn sich Papa Staat an zwei/drei fetten Rettungspäckchen überhebt und dann galant über neue Zusammenschlüsse hinwegsieht. Naja, können wir nur hoffen, daß die soziale Verantwortung der Deutschen Bank tatsächlich integraler Bestandteil der Unternehmenskultur ist…

just listening to Olli Schulz & Der Hund Marie: Weil die Zeit sich so beeilt…

1 Kommentar zu “Natürliche Auslese”

  1. Gmorrk schreibt:

    Domino Day mit Erdnüssen, auf denen jeweils eine 6-8 stellige Nummer eingeritzt ist…da fällt garantier jedes Steinchen, hier fällt die Nikkei Clownsnase, da der DAX-Springbrunnen über die HRE , JPM whatsoever Rennstrecke zur Dow Jones Freiheitsstatue…Ein Fall fürs Guiness Buch…

    und jedes Jahrzehnt hatte seine eigenen vertrauensbildenden Maßnahmen mit dazugehörigem politischen Aushängeschild:

    Unser Oggersheimer Urgestein: Die Arbeitsplätze sind sicher in den 80 ern
    Unsere hessische Büttenredenworscht: Die Renten sind sicher in den 90 ern
    Und jetzt heißt es: Wir bürgen für die Spareinlagen der Privatanleger….

    öhm…man schaue mal nach Südamerika, speziell Argentinien, die hatten diese Argumente equivalent alle etwa 15 jahre früher, bis es hieß.:Dieser Geldautomat ist z.Zt. außer Betrieb….

    Wie gut daß ich nichts auf der “hohen” Kante habe. Dann fällt wenigstens nichts runter…

    Fragt mal die etwas älteren Semester, die 1929 noch erlebt haben, wie sich die Dinge doch gleichen…bis auf die Dimensionen ;)

    Gruß @Norbert und Guan und die anderen “alten” Hasen hier.

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