Sozialstudien zwischen System und Sündenbock
25. September 2008Sozialwissenschaftler sollten begeistert sein! Solche Beobachtungssituationen kommen selten: Es ist Finanzkrise!
“Finanzkrise” ist eine ideale Situation, seine Mitmenschen zu erforschen. Zu denen zählen bekanntlich auch Politiker. Die diskutieren plötzlich über Themen, die an ihnen in den letzten Jahren ziemlich vorbeigegangen sind. Sie lernen, was Leerverkäufe sind, müssen sich kritische Gedanken über Spekulation, Dominoeffekte und das Finanzsystem machen. Und sich eine Meinung bilden. Und diese Meinungen fallen schon interessant aus: Die Börsenumsatzsteuer kommt wieder ins Gespräch, das Urgestein, auf welches die Gründung von ATTAC zurückgeht. Und ökonomische Fragen werden tatsächlich auch mal in einem umfassenderen Kontext diskutiert. Nicht nur, Oskar Lafontaine übt fundamentale Kapitalismuskritik indem er von einer Krise der geistigen und moralischen Grundsätze der westlichen Gesellschaften spricht. Auch in der WELT wird über die Grundfrage diskutiert: Ist der Kapitalismus noch zu retten?
Schwierige Debatte, wenn gar nicht so recht klar ist, was “Kapitalismus” eigentlich ist. 1000 Definitionen bei 1000 Menschen, am geläufigsten ist wohl noch, daß dort irgendwas mit Markt passiert, während “Sozialismus” meist mit “Plan” assoziiert wird. Wieder andere – und mir scheint, dies werden zunehmend mehr – sehen das Wirken des heutigen Systems jedoch weniger als systematisches Problem, sondern als personelles. Nicht das System ist das Problem, sondern seine Lenker. Die Banker müssen mehr kontrolliert werden! Die Banker! SIE! Die Elite im Hintergrund, die uns führt und lenkt und deren Absicht uns verborgen ist, doch sicher ist: Die Finanzkrise – SIE wollen das SO und folgen strikt ihrem PLAN (Plan 1, Plan 2, Plan 3,…).
Menschen formen gesellschaftliches Gefüge. Wir sind Teil eines unsichtbaren Netzwerkes aus sozialen Bindungen. Jeder ist mit jedem auf diesem Planeten über maximal 6 Zwischenschritte verbunden. Informationen verbreiten sich auf diesen Bindungen wie Viren von Wirt zu Wirt. Auch Informationen über Ereignisse auf dem Planeten. Medien sind Verstärker in diesem Netz. Was sie aufgreifen, verarbeiten und weiterleiten erreicht größere Wirkungsmacht und schnellere Verbreitung als alle Mund-zu-Mund-Propaganda. Der Schock von 9/11 durchlief dieses Gewebe wellenartig, warf überall Echos und brachte es in Wallung. Die Struktur des Gewebes änderte sich, auch, weil sich einzelne Menschen änderten. Die Nachwirkungen sind weiterhin spürbar. Ganz genauso bearbeitet der Schock von der WallStreet unser gesellschaftliches Netzwerk. Die Viren des finanziellen Mißtrauens verbreiten sich, die Unsicherheit bezüglich der Verläßlichkeit des Systems nimmt zu. Als ich mich neulich nach Metallpreisen bei meiner Bank erkundigte, bekam ich nicht nur den wertvollen Hinweis, daß man Gold nicht essen könne, sondern auch einen Einblick in das plötzlich aufkeimende Interesse an Edelmetallen bei meinen Mitbürgern. Denn das war, ausgelöst durch die Information einer Bankenpleite irgendwo auf der anderen Seite des Planeten, ruckartig gestiegen und drückte sich bei dieser Bank in häufigeren Nachfragen und Verkäufen aus.
Ich denke, die jüngste Welle des Finanzschocks ebbt nun erstmal wieder etwas ab. Die erste Welle kam im Sommer 2007, als die Krise noch eine “Immobilien”- oder “Subprime”-Krise war. Nach der nächsten Welle Anfang 2008 wandelte sich der Finanz-Tsunami langsam in die “Finanzkrise”. Ich denke, die nächste Welle kommt spätestens Anfang 2009. Die Abstände werden kürzer, die Wirkung heftiger – denn das Vertrauen ist bereits angebrochen und jede neue Welle wird kaum zu einer Stabilisierung beitragen. Und die hektischen Aktivitäten, die derzeit auf politischer Ebene zu sehen sind, scheinen mir kaum geeignet, echte Stabilität herzustellen – die Gefahr eines Kreislaufkollapses ist nicht aus der Welt. Die Grundsatzdiskussionen werden hoffentlich zunehmen. Fragen nach dem Erfolg von “Kapitalismus”, die Suche nach neuen Wegen oder sowas wie “Wie wollen wir leben?” werden bestimmt öfter diskutiert. Oder bestimmt kommen wir auch auf Ideen wie Simone Boehringer in der Süddeutschen: Schafft die Zentralbanken ab! (Genau: Baut Dezentralbanken auf!) Vielleicht bekommt Attac wiedermal Schwung, nachdem die Wellen von Genua, G8 und Guantanamo sich doch etwas verlaufen hatten!?
Möglichkeiten zu Sozialstudien sind unverändert: Bestimmt wird auf Parties, beim Kaffee und beim Bier wieder öfter über Geldanlagen gesprochen. Im Gegensatz zum NewEconomy-Plausch dürfte diesmal nicht die Suche nach höchstmöglichem Vermögenswachstum sondern vielleicht eher nach niedrigstem Verlust eine Rolle spielen. Unter SAP-Kollegen, so hab ich gehört, kommt das schon desöfteren vor. Und auch ein befreundeter Unternehmer ist froh, sein Geld in Land statt in die Bank gesteckt zu haben (… bis zur nächsten Immobilienblase?) Dann schau’mer mal, wie die Geschichte weitergeht…






25.September 2008 19:47
*schmunzel* Sehr feiner Artikel