Willkommen in der Krise

16. März 2008

Ich will den Kapitalismus lieben,

weil so viel für ihn spricht.

Ich will den Kapitalismus lieben,

aber ich schaff’ es einfach nicht.

Funny von Dannen, “Kapitalismus” auf “Groooveman”, 2002

Kapitalismus. Manche meinen ja, er sei das Gegenteil von “Sozialismus”. Ich mag Ismusse nicht. Sie sind so unmenschlich.

Kapitalismus und Krise, das ist wie Sahne und Torte, wie zwei verschränkte Teilchen. Es mag Leute geben, die das leugnen, aber die aktuellen Entwicklungen kann man nicht einfach wegleugnen. Naja, na gut, vielleicht, wenn man noch einen sicheren Job hat und keine Zeitung liest. Solche Leute solls ja geben.

Was Kapitalismus ist, darüber könnte man nächtelang streiten. Irgendwas mit “Kapital” muß es zu tun haben. Humankapital?  Eher selten. Zum Verheizen höchstens.

Die Krise. Endlich! Sie führt dazu, dass man interessante Artikel findet. In der “Systempresse”, könnte man sagen. Der Herzschrittmacher des Geldkreislaufes, die FAZ, versucht sich in einer Analyse und überrascht mit Erkenntnissen, die so bislang selten in der Zeitung zu lesen waren. Naja, und vermutlich darf ich noch sehr lange warten, bis ich sowas in meinem Provinzblatt lese (obwohl: Die ham’ ja seit einiger Zeit ‘nen gedienten BiLD-Redakteur als Chef):

Am heftigsten stehen im Moment die Hedge-Fonds im Feuer. Sie haben – finanziert mit Krediten der Banken – in großen Stil in vermeintlich sichere Wertpapiere investiert. Das kann zum Beispiel so funktionieren: Mit 100 Millionen Euro Eigenkapital seiner Anleger kauft ein Hedge-Fonds Wertpapiere. Diese gibt er einer Bank als Sicherheit und erhält dafür 90 Millionen Euro Kredit. Mit diesem Geld kauft er wieder Wertpapiere, reicht sie wieder bei einer Bank ein, erhält 81 Millionen Euro Kredit – das Spiel lässt sich fortsetzen und führt zu einem gewaltigen Kredithebel. Mit wenig eigenem Geld lassen sich riesige Summen bewegen.

FAZ vom 14.03.2008, Ökonofeuilleton-Teil in der mehrteiligen Serie “Märkte in Angst”: Die dritte Welle der Finanzkrise

Die Angestellten in der gegenüberliegenden Sparkassen-Filiale kennen diese Zusammenhänge sicherlich. Schließlich sitzt nicht weit von ihnen entfernt ein Finanzwirtschaftler an den sächsischen Hebeln der Macht. Dessen Lieblingsspielzeug, die SachsenLB, hat ja ihren Kredithebel irgendwo in Irrland abgebrochen. Nun gehört ein weiteres Stückchen stolzes Sachsenländle Investoren von irgendwo. Eine glatte Pleite. Und ganz sicher nicht die letzte.

Macht nix. Is ja nicht unser Geld. Denkt der Einfältige und wenn er einer von denen mit sicherem Job ist, dann freut er sich sicher über die monatliche Wachstumsrate seines Kontostandes. Sparrate positiv! (Sicherlich wertvolles Humankapital für seinen Arbeitgeber.) Doch wohin die Bank sein Verdientes weiterverleiht, das weiß Hans Wurst nur selten. Erst wenn ein (Hedge-?)Fond nach dem anderen platzt wie Luftballons in der Schießbude und auch seine Bank ihr Humankapital auf Kurzarbeit Null setzt wird er belehrt. Verdient?

Immer Oktober wär auch gar nicht schlecht

Internationale im letzten Gefecht

Türme gefällt, Börse entkernt

Eine schönere Welt, alles so weit entfernt

Fehlfarben, “Die Internationale” auf “knietief im dispo”, 2002

Ach quatsch! Vermutlich holpert die Maschine nur ein bißchen und die Medien bauschen nur wiedermal was auf. Öl, wir brauchen einfach nur ein wenig Öl und schon rutscht das ökonomische Getriebe wieder wie geölt. Venezuela läßt sich Erdöl künftig auch in Euro bezahlen. Und Euros haben wir ja genug. Und unsere amerikanischen Waffenbrüder? Deren Dollar grade zur Landung gestartet ist – womit kaufen die künftig ihr Öl? Egal! Wir leben im Kapitalismus, Solidarität ist hier verpönt. Und außerdem haben die George W. Bush, ein doppelt gewählter Präsident, der kümmert sich schon drum:

Gleich für Montag hat US-Präsident George W. Bush zur Krisensitzung gerufen: Mit Finanzminister Henry Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke sowie den Chefs der Börsenaufsicht SEC und der Commodity Futures Trading Commission will er über die Börsenbeben der vergangenen Woche und mögliche weitere Maßnahmen gegen die Kreditkrise beraten. Die Eile, mit der das Treffen einberufen wurde, wundert nicht. Den Börsen steht eine harte Woche bevor, das ist jetzt schon sicher.

Spiegel, 16.03.2008, “Experten erwarten Horror-Börsenwoche”

Tja. Watt kannste da machen? Ich versuche mich einfach mal wieder als Prophet: Es wird noch etwas dauern, bis die Erschütterungen uns erreichen. Aber die Schockwelle, die sich in den USA derzeit auftürmt, wird auch unsere Ufer erreichen. Die Vernetzung der Weltwirtschaft, die erst 1996 dasselbe Niveau wie schonmal 1917 erreichte, wird wiedermal zurückgehen. Kleine, vernetzte Einheiten werden wichtiger. Dezentrale Finanzsysteme werden wir aufsetzen, analog zu den dezentralen Informationsverbreitungssystemen die derzeit am Monopol des “geistigen Eigentums” kratzen und Filme, Musik und Wissen verbreiten helfen. Dezentrale Finanzsysteme, die es jeder Gemeinschaft ermöglichen, eigenes Geld, eigenes Geldkapital zu schöpfen.
Nicht mehr angewiesen auf die “Finanzalchimisten” (FAZ!) wird selbstorganisiertes Leben beginnen.

Hey, Everybody,

come on!

Knarf Rellöm, “Hey! Everybody” auf “Fehler is King”, 1999

4 Kommentare zu “Willkommen in der Krise”

  1. guan schreibt:

    “Was Kapitalismus ist, darüber könnte man nächtelang streiten.”

    Stimmt. Und viele zerstreiten sich dabei oder raufen sich nur noch die Haare. Aber man kann sich auch gern ein Bild dazu machen und schauen, was Robert Kurz im Schwarzbuch (kostenlos als pdf-Datei) geschreiben hatte – sehr empfehlenswert, eine interessante Lektüre, die hiermit jedem empfohlen sei:
    http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=buecher&index=2&posnr=6&backtext1=text1.php

    gruss
    guan

  2. Norbert schreibt:

    hey guan,
    schön, von dir zu hören!

    vielleicht kennst du ja jemanden, der jemanden kennt, der hierzu was beizusteuern hätte:
    http://wiki.regionales-wirtschaften.de/index.php/Dezentrale_Finanzsysteme
    ?
    grüße!
    norbert

  3. guan schreibt:

    hi, norbert.

    schau doch nochmal in alle alten parsimony-foren rein (denn parsimony macht jetzt alles platt und diverse archivsicherungen wären da nicht schlecht), da sind bestimmt noch paar leute, die was mehr dazu wissen könnten. aber mit qua ‘umgebogenen’ XML-Abrechnungssystemen oder sowas müsste ja entsprechendes eigentlich machbar sein können…

    gruss
    guan

  4. huscholz schreibt:

    Schön, mal dein Eingangszitat aus 2003 wieder zu sehen. Da passt doch gleich von dir, damals auch zitiert, http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16245/1.html

    Du rennst herum, mit deiner Wahrheit
    und niemand will sie hören.
    Nicht weil sie falsch ist. Nein!
    Niemand sagt: Das ist falsch!
    Nein, es ist richtig, aber wir wissen das alle
    und wir können es nicht mehr hören.
    Weil, es macht keinen Spass!
    Fehler is King! Halbheit Rules!
    Knarf Rellöm, “Soul Punk” auf “Fehler is King”

    Du magst keine Ismusse, ich auch nicht. Warum dann nicht den Kapitalismus als eine Art Denkschablone entsorgen? Kapital wird, denke ich, als Produktionsfaktor, immer mehr durch Information als solcher relativiert. Spricht deshalb jemand von Informationismus?
    (Wer 1984 gelesen hat, kennt Newspeak und Doublethink. Krieg ist Frieden, Lüge Wahrheit, Unwissenheit bedeutet Macht. Das schrieb er 1949, wie real ist das doch seit Nine-Eleven?).

    Ganz platt, wir haben es mit Menschismus zu tun. Da gibt es im Sprichwort den Vegetarier, der das Erbe einer Wurstfabrik übernimmt und zum Salami-Anpreiser mutiert. Da gibt es die Aussage, jeder hat seinen Preis. Was du zwischen den Zeilen bedauerst, ist, dass Menschen ernten, wo sie nicht säen. Dein FAZ-Beispiel konkretisiert an der BEWAG in Berlin: Southern Pacific, nach Hörensagen in den USA berüchtigt und im Minus, gibt die BEWAG als Sicherheit für einen Kredit einer Hamburger Bank an und kauft die Bewag dem Berliner Senat ab. Zuerst wird die Forschung gestoppt, dann die Wartung. Prompt gab es die ersten Blackouts. Nach Entlassungen, eigener Konsolidierung und Ausplünderung konnte dann die Bewag an Vattenfall weitergereicht werden, die ihr Territorium konsoldieren wollte.
    So hätten wir beide auch Millionen aus dem Nichts scheffeln können, hätten wir Beziehungen.

    Zwei Jahre hatte ich in Asien zu tun. Dort gibt es die Denkschablone Kapitalismus nicht. Handeln mit allem und Gewinne aufschlagen ist in den Genen. Korruption wird in den Zeitungen dargestellt, dient dort aber nur der Unterhaltung. Die davon profitieren, wollen das, und die darunter leiden wollen das erst recht, weil sie irgendwann daran teilzuhaben hoffen. (Und was mit Siemens jetzt veranstaltet wird, kickt Siemens aus Asien heraus.)

    Dein Rezept Dezentralisierung ist gut, mein Rezept noch dazu, Abbau von Feindbildern (auch alle ..ismen) und den (gebildeten) Souverän an die Macht, dann könnte Menschismus mit dem Kapitalismus umgehen.

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