Die Renten-Lüge

19. Januar 2008

“Die Rente ist nicht sicher” ist eines der Grundthemen, welches derzeit durch Medien und Politik schwappt. Altersarmut wird prognostiziert, Privatvorsorge propagiert. Doch das meiste, was derzeit zu lesen und zu hören ist, ist intellektueller Sondermüll. Die Begründung ist ganz einfach: Geld kann man nicht essen!

Wenn heute von drohender Altersarmut gesprochen wird, so werden vor allem jene Menschen genannt, die von zeitweiser oder dauerhafter Arbeitslosigkeit gebeutelt waren/sind oder jene, die wenig verdienen. Vor allem sie sollen “privat vorsorgen”, so als würde dies das Problem lösen. Sie sollen also Geld beiseite legen, um es für später aufzubewahren, damit sie im “Rentenleben” davon zehren können.

Diese Denkweise ist problematisch. Denn: Wir essen ja kein Geld. Weder heute noch dann, wenn wir 60, 70 oder 80 sind und nicht mehr krauchen können. Auch dann werden wir Gemüse essen wollen, ihn Wohnungen wohnen wollen, uns die Haare schneiden lassen und andere Leistungen und Produkte gebrauchen. All diese Produkte und Leistungen werden ganz sicher nicht deswegen vorhanden sein, weil wir heute möglichst viel “Geld gespart”  haben, sondern weil zum Zeitpunkt ihrer Nutzung/ihres Verbrauchs Menschen arbeiten. Nicht das gesparte Geld läßt das Gemüse wachsen, nicht gespartes Geld baut und bewahrt Wohnungen, nicht gespartes Geld schneidet uns die Haare – das werden Menschen tun. Wenn also genügend Menschen arbeiten, wenn wir zu altersschwach sind, um selbst mitzuarbeiten, so werden auch genügend Leistungen & Produkte verfügbar sein, die wir nutzen können. Geld ist nur das Medium, mit dem wir die Verteilung dieser Leistungen&Produkte organisieren, es wird aber ganz sicher nicht das Medium sein, wegen dem diese Produkte&Leistungen entstehen!

Die Renten-Debatte, die derzeit die Kanäle belagert, ist einerseits der Versuch des Finanzsystems, seine Instabilität noch eine zeitlang zu verhüllen. Je mehr Geld in die kriselige Banken- und Versicherungslandschaft fließt, die es ihrerseits in Börsen und Spekulationskassen verschieben wo vor allem Luft und Zukunftserwartungen gehandelt werden, umso länger zögert sich eine notwendige Bereinigung der Illusionsindustrie hinaus. Andererseits unterdrückt die Renten-Debatte eine viel fundamentalere Debatte. Es wird suggeriert, das Renten-Problem sei ein rein individuelles Problem, etwas, was jeder Mensch für sich zu lösen hat. Dabei ist “Rente” eine gesellschaftliche Vereinbarung zwischen jungen Menschen und älteren Menschen. Denn es sind die Leistungen der jungen Menschen, die “die Alten” verbrauchen und benötigen. Jene Leistungen, die von “den Alten” während ihrer Arbeitszeit geschaffen wurden, sind großteils längst verbraucht oder stehen auch weiterhin zur Verfügung – z.B. in Form gebauter Häuser, geschaffener Infrastruktur, existierender Maschinen, Bildung. Insofern ist die Frage, wieviel “Geld” jeder von uns heute beiseite legt um im Alter davon zu zehren, nur eine Teilfrage. Eine Frage, die heute schon darüber entscheiden soll, wer wieviel in 30, 40 oder 50 Jahren “zurückbekommt”. Viel wichtiger als die Frage nach “beiseitegelegten Papierscheinen” ist die Frage, wie hoch in 30, 40 oder 50 Jahren die Produktivität ist, wie viele Menschen sich am Wertschöpfungsprozess beteiligen dürfen (oder ob wir immer noch ein Wirtschaftssystem haben, welches mal eben 10% der arbeitsfähigen Bevölkerung als arbeitslos beseite stellt). Und natürlich ist es eine Frage der Verteilung der dann produzierten Güter und Leistungen! Fließen diese Güter & Leistungen jenen zu, die durch Erbfolge, Grundbesitz oder andere Kapitalien sowieso viel besitzen und sich durch erzielte “Kapitaleinkommen” einen besonders großen Anteil am produzierten Sozialprodukt herauspicken oder gibt es ein gesellschaftlich vereinbartes System, was auch jenen einen ausreichenden Anteil am Sozialprodukt zubilligt, die nicht soviel beiseite legen konnten, die nicht durch die Gnade der kapitalen Geburt systematische Vorteile erlangten?

Die aktuelle Renten-Debatte muß weg von der gedanklichen Fixierung auf Geld, welches heute zurückgelegt werden soll, hin zu der Betrachtung von Leistungsproduktion (=Leistungserstellung) und Leistungsflüssen (=Leistungsverteilung) heute und in der Zukunft. Nur so kann eine sinnvolle Analyse erfolgen und können daraus gesellschaftlich notwendige Entwicklungen abgeleitet werden.

5 Kommentare zu “Die Renten-Lüge”

  1. MacBeth schreibt:

    Wer ist der Autor dieses Textes? Ich persönlich stimme mit dem geschriebenen nicht zu.

  2. Tobias schreibt:

    Hallo Norbert,

    ich stimme deinen Ausführungen in allen Teilaspekten zu.

    Das, was hierzulande VWL genannt wird, ist deplatzierte BWL. Daraus ergibt sich die Annahme, die Rente sei ein rein individuelles Problem. Daraus auch die Idiotie der “Kapitaldeckung”. Selbst André Kostolany, der meines Wissens kein Kapitalismuskritiker war, wusste, dass an der Börse immer nur eine Minderheit Recht bekommt und dass die Finanzmärkte undemokratisch sind. Auch die Erkenntnis, die Börse sei “die Suche nach dem letzten Idioten”, stammt von ihm. Bei der kapitalgedeckten Rentenversicherung braucht man zwei mal einen Idioten: Heute muss ein Idiot massenhaft Wertpapiere verkaufen, damit die Riesterfonds billig kaufen können, und morgen – nach kräftig gestiegenen Kursen – muss ein Idiot ebenso massenhaft Wertpapiere kaufen, damit die Riesterfonds mit Gewinn aussteigen können. Ich möchte hier Zweifel anmelden. Der Idiot, den man hier sucht, muss in zig-facher Anzahl vorkommen und/oder sehr solvent sein.

    Mit Goethe zu reden: Die Kunde hört ich wohl, doch allein mir fehlt der Glaube.

  3. Jürgen schreibt:

    Die Idee ist doch gut. Erst wird die gesetzliche Rentenkasse geschröpft bis zum geht nicht mehr, dann stellt man fest, daß die Rente nicht mehr sicher ist und treibt die Leute in die wartenden Arme der Banken und Versicherungen, d ie dann erst einmal einen Haufen an Gebühren kassieren. Nebenbei – in England gibt es das kapitalfinanzierte Rentensystem schon länger. Und kein Engländer versteht, warum wir deutschen da unbedingt hin wollen…..

  4. Peter schreibt:

    Da muss ich mir seit Jahren diese Diskussion über die Rentesituation anhören,
    aber bis jetzt hat sich nichts getan. Ich bin nun sicher auf meine Rente kann
    ich lange warten.

  5. Bernd Hoditz schreibt:

    Wenn man die nichteingezahlten Rentenversicherungsbeiträge aller Beamten nur von 10 Jahren hochrechnet, dann hätten wir heute kein Problem mit der Rentenverteilung.

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