Massenenteignungen in den USA und Großbritannien

25. November 2007

“Enteignung” ist ein Begriff, den die westliche Hemisphäre vor allem mit “dem Kommunismus” in Verbindung bringt. Nach dem 2. Weltkrieg wurden beispielsweise in der DDR durch eine Bodenreform Großgrundbesitz in Staatseigentum überführt. Daß es auch in den sogenannten “demokratischen Ländern” Enteignungen gab und gibt wird selten thematisiert, doch Aktienbesitzer kennen den Begriff des “Sqeeze out”, bei dem Kleinstaktionäre durch Großaktionäre enteignet werden können. Doch Enteignungen ganz anderer Größenordnungen stehen jetzt ausgerechnet in den Heimatländern der neoliberalen Wirtschaftsideologie bevor und Anlaß dafür gibt die Kreditkrise.

Spiegel-Online schreibt:

Die Krise an den Finanzmärkten geht in die zweite Runde – und die könnte schlimmer werden als die erste. In Großbritannien fürchten Zehntausende, in den USA Hunderttausende Familien die Zwangsversteigerung.

Hunderttausende – man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen – 100.000de Häuser, die von Menschen bewohnt werden, stehen von der Zwangsversteigerung. Die Bewohner können die Raten der mit Hypothekenkrediten gekauften Häuser nicht mehr bezahlen und die kreditgebenden Banken fordern ihre vertraglich vereinbarten Tribute. Die Versteigerungen bedeuten vor allem eines: Eigentumsübertragungen in Größenordnungen! Verkaufen müssen hunderttausende Kleine, kaufen werden natürlich vor allem die Großen – denn wer hat das Geld, um sich die Grundstücke samt Immobilien unter den Nagel zu reißen? Ganz sicher nicht die verschuldete Unter- und Mittelschicht.

Nun kann man argumentieren: Vertrag ist Vertrag! Wer sich Geld leiht, muß dieses plus vereinbarterter Zinsen entsprechend tilgen, wer nicht tilgt, muß anderweitig zahlen. In der individuellen Sichtweise mag dies stimmen, aber gilt dies auch aus gesellschaftlicher Sicht? Die Leistung des Hausbaus wurde längst erbracht, die Bauleute und Architekten sind längst entlohnt und die Häuser stehen da und werden genutzt und bewohnt. Wem entsteht ein Schaden, wenn dies weiterhin passiert?

Vielmehr ist es doch so, daß bei den Zwangsversteigerungen die Häuser samt Grundstücken zunehmend in die Hände vermögender Menschen geraten werden, die ganz sicher nicht noch ein Haus bewohnen werden, sondern es lediglich besitzen wollen. Besitzen, um von aktuellen oder künftigen Bewohnern Mietzahlungen zu generieren, die ihr Vermögen steigern werden – und für welches die Bewohner arbeiten müssen. Die Mietzahlungen sind in diesem Fall nichts anderes als der Tribut für die Nutzung eines Hauses, daß der Besitzer eh nicht selbst nutzen könnte – ein Tribut vergleichbar mit dem “Zehnt” aus dem Feudalismus. Welche Leistung erbringt der künftige Hausbesitzer im Gegenzug? Keine! Denn er hat das Haus nicht gebaut, das taten die Architekten und Bauleute, er hat nur die Zwangssituation der Kreditkrise genutzt, um sich zu bereichern. Mit dem Ergebnis, daß hunderttausende Menschen quasi in die Leibeigenschaft verbannt werden, denn mit dem Zwangsverkauf ihrer Häuser werden sie ihre Schulden noch nicht los sein, und so lange sie Schulden haben müssen sie ihre Lebenszeit dafür aufwenden, den (durch das Banksystem verschleierten Gläubiger) zu bedienen, indem sie quasi für ihn arbeiten gehen. Ein Hauch von moderner Sklaverei steckt in diesem Mechanismus.

Zwei Fragen tun sich auf:

  1. Wie reagieren hunderttausende auf die Aussicht, ihr Leben ohne Haus und in Sklaverei zu verbringen?
  2. Wann kommt der Mechanismus auf breiter Front auch nach Europa, denn auch hier werden steigende Zinsen Hypotheken und andere Kredite teurer machen und Träger bis zur Enteignung ruinieren?

9 Kommentare zu “Massenenteignungen in den USA und Großbritannien”

  1. Wilm schreibt:

    Das System ist niemals mehr reformierbar !! Ist halt auch so was ähnliches wie ein Windoofsystem > ergo Strg+Alt+Entf.

  2. Sven schreibt:

    besser noch dann ein freies System im CD-Rom Laufwerk ;-)

  3. chris schreibt:

    Der Immobilienmarkt scheint für Superreiche auch so´ne Art Open-Source-Software zu sein…

  4. Toronto real estate agent schreibt:

    Zu der Subprime-Krise musste es nicht kommen, wenn die Banken bessere Überprüfung der Bonität gemacht hätten und nicht Hypothekarkredite Leuten gewähren haben, die sich eine Immobilie überhaupt nicht leisten konnten. Und jetzt sitzen die größten amerikanischen Banken auf eine Menge von faulen Krediten, da diese ja unverkaufbar sind. Die haben ja damit gerechnet, dass sie die Kosten, die Ihnen wegen diesen faulen Krediten entstanden sind gegebenenfalls durch Zwangsversteigerungen decken werden, was aber jetzt wegen den gesunkenen Immobilienpreisen, nicht so leicht ist.

    Eine weitere schreckliche Folge der Immobilienkrise sind tausende Leuten, denen es droht obdachlos zu sein, weil sie die Raten nicht mehr bezahlen können.

  5. Steve schreibt:

    Das Problem fängt doch schön früher an: Wo ein Schuldner ist, da ist auch jemand, der mit seinem Geld nicht wohin weiss. Dies gilt in besonderem bei faulen Krediten und
    hört auf bei Staatsanleihen. Man könnte auch sagen, Leute die faul dem Staat Geld
    leihen ( ohne unternehmerischen Anspruch, alo auf nummer sicher), von denen hat der Staat zuvor zu wenig Steuern kassiert.
    Na ja, eigentlich läuft doch alles wie bei MONOPOLY. Zum Schluss hat einer ALLES.

  6. Heiko schreibt:

    Da gibt es eine Bank (ich glaube sie fängt mit ci… an) die hat gerne Kredite an Menschen gegeben. Neben knapp kalkulierten Raten, welche ein rückzahlen unmöglich macht, kamen noch ein Drittel Zinsen drauf und so etwas schönes wie eine Rechtschuldversicherung. Bedingt durch den Zwang aus dem alten einen neuen Kredit zu machen (wobei jedesmal wieder eine stattliche Restschuldsumme draufgepackt wurde) wuchs der ganze Mist im Halbjahresturnus wie von allein. Ja, den Kettenkredit hatte diese mit …ti.. endende Bank perfektioniert.

  7. Daniel Franke schreibt:

    Schaut man sich die heute bekanntgegebenen Zahlen zur Zahl der Zwandsvollstreckungen im 4. Quartal 2007 in den USA einmal an – etwa auf http://www.online-kredite.com/blog/news/pfandungen-und-zwangsvollstreckungen-2007-in-den-usa.html – so ist der Anstieg von fast 90 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal erschreckend. Stabilisiert sich diese Lage nicht bald, droht den USA wohl ein gewaltiger Konjunkturknick, denn zwangsvollstreckte Ex-Immobilienbesitzer konsumieren auch nicht sonderlich gerne, geschweige denn dass sie investieren können.

  8. Harm Wulff schreibt:

    So eine Zwangsversteigerung, so bedauerlich sie auch sein kann, ist in vielen Fällen die einzige Möglichkeit der Bank die Schulden wiederzubekommen. Die mitunter einzige Möglichkeit das zu verhindern wäre hier ein mit Freunden und Bekannten aufgestellter Finanzierungsplan. Die Kommunikation mit den Schuldnern ist dabei unausweichlich. Selbst durch einen kleinen Schuldenbetrag, einen Tag vor dem Vollstreckungstermin, kann die Vollstreckung verhindert werden. Die so vielen Massenenteignungen in den USA sowie Großbritanien sind mitunter meiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass viele Wohnungsbaukredite von den Banken ohne Verantwortung vergeben werden. Ich räume den Banken da die Hauptschuld ein. Die Krise soll auf keinen Fall dazu führen, dass in Zukunft kreditwürdigen Leute die Aufnahme eines Kredites verweigert wird.

  9. Matthias schreibt:

    Die zahlen sind wirklich erschreckend geht man noch von der negativen Sparquote aus und der Tatsache das 40% der Immobilien komplett über Fremdmittel finanziert wurden kann man eigentlich nur die Kopf schütteln. Ich kann immer nur wieder feststellen das eine solche Krise mit in etwa diesen auswirkungen abzusehen war, selbst für leihen die sich nur etwas mit der Materiele beschäftigen und ehrlich wenn dann große Bankchefs da von einer Unerwarteten Krise sprechen und dem kleinen “man” , der die kosten dafür letzlich trägt sagen wollen das dies doch ach so unerwartet war und das man dafür nix kann, kann man schon etwas uornig werden!

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