2007 – 2012

18. August 2007

Seitdem ich im Jahr 2001 im Internet über Texte gestolpert bin, die mir eine völlig neue Sichtweise auf die Wirtschaft darboten, warte ich darauf, daß es kracht…

Für mich war am überzeugendsten die Kombination meiner naturwissenschaftlich-mathematischen Kenntnisse aus dem POS-Unterricht mit dem Aufzeigen einer Zinseszins-Kurve. Jede Bank wirbt damit, daß bei ihr angelegtes Vermögen sich in einem bestimmten Zeitraum Dank Zins & Zinseszins verdoppelt. Das klingt gut, läßt aber zwei Dinge außer acht: Zeit und Grenzen.

Der Mensch in den westlichen Zivilisationen lebt, als gäbe es kein Morgen. Er konsumiert unbewußt, läßt sich durch Filter leiten, die Werbung zwischen Netzhaut und Hirn gezogen hat und ist nur selten in der Lage, die tiefergehenden Wirkungen seines Handelns zu beurteilen. Sein Weltbild ist von der industriellen Revolution geprägt und ihm fehlt das Gefühl, daß es ein davor und ein danach gibt. Wir übersehen gern: Unser heutiges Wirtschaftssystem gibt es – ja nach Sichtweise – vielleicht gerade einmal 300 Jahre, wobei beispielsweise die deutsche Volkswirtschaft bereits mehrere Reboot-Vorgänge erleben durfte (Weltkriege + Inflation). Wir haben als Menschheit keine (bekannte!) Erfahrung in der längerfristigen Anwendung eines solchen Wirtschaftssystems und für mich ist ganz klar: Ein Wirtschaftssystem, welches seinen Akteuren eine dauerhafte Verzinsung des eingesetzten Kapitals größer 0% verspricht, gaukelt ihnen etwas vor. David Copperfield könnte die Illusionen nicht besser darstellen.

Exponentielles Wachstum findet sich in unserem Wirtschaftsweltbild ja nicht nur auf Seiten der Geldvermögen. Wer ein wenig buchhalterisches Wissen besitzt dem brauche ich nicht erklären, daß sich im Gleichklang mit den Geldvermögen auch die Geldschulden exponentiell entwickeln. Wer dieser Tage in den Medien häufiger über das Wort “Kredit” stolpert, sollte Zusammenhänge erfühlen… Da Geld nur Information ist, die man nicht essen kann, repräsentiert jede Geldeinheit den Anspruch auf ein Stückchen Leistungskraft der Ökonomie. Ein Brötchen hier, ein Haarschnitt da, eine Reise dort – doch nur wenn die Menge der Ansprüche mit der Höhe der Leistungskraft korreliert, nur dann ist es wahrscheinlich, daß die Geldbesitzer ihre Lottoscheine auch einlösen können. So lange alle so tun, als funktioniere dies, so lange merkt auch keiner, wenn zuviel Geld zu wenig Leistungskraft gegenübersteht. Wehe, wenn die Illusion Risse bekommt…

Grenzen. Das sinnlich wahrnehmende Individuum sieht keine Grenzen, wenn es sich auf diesem Planeten bewegt. Es kann dreimal um den Globus laufen, ohne an sein Ende zu stoßen. Natürlich: Das Raumschiff Erde ist groß, da fallen Grenzen erst spät auf. Und so lange unser Wirtschaftssystem Platz zum Erobern neuer RäumeMärkte hatte, so lange seine Leistungsbasis ständig erweitert werden konnte, so lange wurden auch im Wirtschaftsversum keine Grenzen wahrnehmbar. Doch was kommt nach der Globalisierung? Die Raumfahrt tuckelt den CEOs leider hinterher, Filialen auf dem Mars scheinen aktuell in zu weiter Ferne, um dem exponentiellen Expansionsdrang eine neue Grundlage zu geben. Doch was ist, wenn die Finanzmärkte weitere zinseszinsbefeuerte Expansion fordern und die realwirtschaftliche Grundlage nicht hinterherwill?

Oder nicht kann? Denn Grenzen gibt es nicht nur rein räumlich, es gibt sich auch in anderen Bereichen. Menschliche Belastung beispielsweise. Oder Öl: Das Stichwort Peak Oil ist in meiner Tageszeitung immer noch nicht angekommen. Es besagt, daß die Fördergeschwindigkeit von Öl mit der Verbrauchsgeschwindigkeit nicht Schritt halten kann. Als Begründung ist zu hören, daß die seit Jahren und Jahrzehnten angezapften Erdöl-Läger mit sinkenden Reserven auch sinkenden Druck ausgesetzt sind, wobei gleichzeitig die sich zunehmend industrialisierenden Länder in Asien und Afrika den Verbrauch in ungekannte Höhen jagen. Wo sich Verbrauchskurve und Produktionskurve in einem entsprechenden Diagramm kreuzen, dort sind steigende Öl-Preise und Ölknappheit programmiert. Was bedeutet das in Volkswirtschaften, bei denen Güter über große Distanzen zur Versorgung der Bevölkerung transportiert werden müssen und die Menschen täglich ihr Fäßchen Öl brauchen, um “auf Arbeit” zu kommen? Ich war bei der ersten Ölkrise nicht dabei, vielleicht erinnern sich “die Alten” noch… !?

5 Jahre gebe ich dem aktuellen System für eine große Umstrukturierung. Irgendwo zwischen 2007 und 2012 werden manche Illusionen dem Publikum offbart. Auswirkungen? Ungewiß. Bis auf eines: Änderungen sicher…

“Wenn in China im Jahr 2030 auf 3 Menschen 4 Autos kämen wie heute bei uns [USA], wären das 1,1 Milliarden Autos. Die gesamte Weltflotte liegt derzeit bei 800 Millionen. China würde dann täglich 99 Millionen Barrel Öl verbrauchen. Heute liegt die Weltproduktion bei 84 Millionen täglich. Und das lässt sich nicht wesentlich steigern.

China zeigt uns eines ganz deutlich: Das westliche Modell einer ölabhängigen, autozentrierten Wegwerfgesellschaft funktioniert dort nicht. Und es funktioniert nicht für Indien, wo bald vielleicht sogar noch mehr Menschen leben und nicht für die 3 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern, die ebenfalls den amerikanischen Traum träumen.”

Lester Brown, Präsident Earth Policy Institute

Und es bleibt die Frage: Wenn es dort nicht funktioniert, wie lange kann es dann (noch) bei uns funktionieren?

10 Kommentare zu “2007 – 2012”

  1. elias krämer schreibt:

    ja die frage stellt sich so gesehen ja schon lange. scheinbar muss es zuerst einmal ordentlich krachen,das chaostier mensch dazulernt oder ausstirbt. aber möglicherweise gehört dies alles zu unserem erwachsen werden und vielleicht schaffen wir es sogar unsere evolutionäre adoloszenz zu überwinden ohne uns dabei gänzlich auszulöschen.
    ein mir sehr sympathischer mensch,sagte einmal vor einer weile:

    Ich bin zuversichtlich, dass LSD nie mehr aus der
    menschlichen Gesellschaft verschwinden wird und
    also genügend Zeit vorhanden ist für die Erfüllung
    seiner evolutionären Aufgabe als ein Hilfsmittel für
    das Erkennen und das Bewusstwerden der Schönheit,
    des Wunders und der Majestät der Schöpfung.

    man kann sagen was man will,fakt ist das doch so manchen geldgesteurten menschen eine aufrichtige psychedelische erfahrung gut tun würde. die begegnung mit dem wahren selbst(welches frei von gesellschaftlichen zwängen und kulturneurosen werden kann) stösse jedoch so manchen politiker vor den kopf.

    mit bestem gruss elias

  2. tribalizer schreibt:

    schön, dass es feldpolitik wieder gibt!

    ein film zum zinseszinz (falls noch nicht bekannt):
    wie geld funktioniert

  3. Chris schreibt:

    Sehr schön geschrieben – die Idee vom zinsgetriebenen ewigen Wachstum ist wie ein Krebs – schädlich und schwachsinnig. Zins als die Geißel der Menschheit, zinsloses Geld als die Lösung. Der Kapitalismus ist mit Abstand das leistungsfähigste System der Welt, aber sobald die Märkte gesättigt sind, geht seine gesamte Energie in zerstörerische Aktivitäten über, dann wird Werbung gemacht für Produkte, die keiner haben will, Rüstung und Kriege betrieben, denn sie sind teuer und danach muss wieder aufgebaut werden, Wettbewerber werden mit den korruptesten Tricks zerstört, weil nur ein Monopolist überleben kann.

    Fazit:
    a) den Zins verbannen und den Schuldendruck wegnehmen
    b) dem Kapitalismus enge Grenzen setzen, damit andere Werte erhalten bleiben. Globalisierung (und damit ausschalten nationaler Gesetze zugunsten des globalen Profits) ist genau der falsche Weg. Wir brauchen starke Regierungen, die das radikale Profitdenken zum Wohl der Gemeinschaft und der Natur auf enge Bereiche beschränken.

  4. Leser schreibt:

    @Chris
    “..Zins als die Geißel der Menschheit, zinsloses Geld als die Lösung…”

    Falsch.

    Du schreibst doch selber weiter unten, WAS das Kernproblem ist:

    “… weil nur ein Monopolist überleben kann…”

    Monopole sind das Problem.

    Der Zins ist ein NOTWENDIGER Knappheitsanzeiger, der auf MÄRKTEN die Ressourcenverteilung steuert – und zwar OPTIMAL auf freien Märkten.

    Fazit:
    a) Geldkonkurenz ermöglichen (siehe Regionalgelder mit Zinsen die auch negativ werden können)
    b) sämtliche andere Monopole entschärfen (Patente, Boden, Rohstoffe, …)

  5. Daniel Franke schreibt:

    Zinsloses Geld würde doch dessen Steuerungsfunktion gänzlich ad absurdum führen. Wie hier bereits angemerkt wurde, dient doch gerade der Zins als Anreiz zur Allokation von Geld in bestimmten Märkten, Anlageformen etc. Eins ist aber unumstößlich: jede exponentielle Funktion, zu der auch der Zins und Zinseszins gehört, strebt ins Unendliche. Dass dies in der Praxis eines Tages nicht mehr funktionieren kann, leuchtet ebenso ein.

  6. Norbert schreibt:

    Hallo Daniel,

    “zinslos” ist sowieso der falsche Ausdruck. Ein Zinssatz von 0% bedeutet nicht “allgemein zinslos”, in Einzelfall können sich bei einzelnen Geldgeschäften, in einzelnen Märkten oder bei – wie du ja auch schreibst – bestimmten Anlageformen andere Zinssätze ergeben. Aber genau die Unmöglichkeit dauerhaft exponentiellen Wachstums zeigt, daß ein niedrigeres Zinsniveau durchaus sinnvoll wäre.

    Grüße nach Leipzig,
    Norbert

  7. Daniel Franke schreibt:

    Wo Du recht hast, hast Du recht. Interessant ist es doch zu sehen, wie lange das derzeitige System so noch funktioniert. Den baldigen Zusammenbruch sagen “Experten” ja bereits seit Jahren voraus und jedes Jahr passiert erneut… nichts. Und schöne Grüße aus Leipzig nach Dresden zurück.
    Daniel

  8. Norbert schreibt:

    Hallo Daniel,

    nunja, für die Häuslebauer in den USA ist der Crash schon ziemlich hautnah, meinste nicht?
    Aber ich gebe zu, das Wort “Crash” suggeriert sehr plötzliche Entwicklungen, unser Finanz- und Wirtschaftssystem hat aber eine gewisse Trägheit…

    Norbert
    (PS: Interessante Art der SEO übrigens ;-) )

  9. Daniel Franke schreibt:

    Hallo Norbert,
    danke für das versteckte “Kompliment”. Wie rasend schnell die Verschuldung im übrigen auch bei den privaten Haushalten wächst, habe ich einmal auf http://www.online-kredite.com/blog/wirtschaft/der-kreditbedarf-deutscher-privathaushalte.html zusammengetragen. 70 Prozent in nur 15 Jahren und das bereits inflationsbereinigt, sind eine Menge Holz und zeigen eindeutig, wohin die Fahrt geht.

  10. Matthias schreibt:

    Spannendes Thema gar keine Frage und auswirkingungen spürt und merkt schon jeder von uns heute. Aber du bestätigst mich nur in meiner Meinung das jeder leihe der sich auch nur ein bisschen für das thema interessiert dort soviel einblick bekommt das sowasi wie die Immobilienkrise schon vorhersagbar ist.

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