Bald ist wieder ein Posten zu vergeben: Bundespräsident gesucht, plus Frau. 20.000 Euro monatlich plus Schloss, Fahrer, Dienstwagen und allerlei Klimbim. Wir, das Volk, verschleißen grade einen nach dem anderen und brauchen dringend einen neuen. Der Vorletzte ist uns abhanden gekommen, weil er vor den Kulissen aussprach, was hinter den Kulissen längst getuschelt wird, nämlich dass wir uns mal Gedanken machen müssen, ob wir unsere frisch renovierte Armee nun auch zum Rohstofferobern einsetzen wollen oder nicht. Und unser Noch-Präsident wird jetzt den Hut (und seine Frau) nehmen, weil er mitten in der Finanzkrise einen Kredit aufgenommen hat. Das sind schon schwere Kaliber, die sich die beiden da geleistet haben.
Naja, dass der Wulff eher der Präsident der oberen Zehntausend ist wußten wir schon bei seiner Inthronisierung. Gauck ist ja quasi der verkappte Stasi-Mann, wer so lange im Aktendreck wühlt, der kann kaum von den Mächtigen der Mächtigen gewollt sein. Insofern war das Theater schön, dass uns drei Wahlgänge nach dem Abendbrot bescherte und seit langem mal wieder zu intensivem Austausch an den Stammtischen des Landes führte, aber gewählt ist gewählt und Wulff sollte es schon sein. Gottseidank! Sonst hätten wir doch nie erfahren, was wir heute wissen: Wie es eben zugeht, hinter den Kulissen!
Merke: Wer BuPrä werden woll, muss schon vorher über ein angemessenes Anwesen verfügen. Ein Häuschen im Grünen unter einer halbe Mille ist da Standard. Wem das Geld fehlt, der muss eben geschäftig werden und in seinen Kontakten mal schauen, wer da grade welches übrig hat. Kredite – damit ist unsere Wirtschaft groß geworden! Und dass es absolut üblich ist, erstmal im Freundes-, Bekannten- und Geschäftspartnerkreis rumzufragen, wenn man etwas braucht, das wußten wir schon hier im Osten – und keine Angst: Wir werden es alle bald wieder lernen. Die östlichen Seilschaften, die Gauck mit seiner Behörde zerschlug, haben in Form ihres westlichen Pendants Wulff ins Amt gehievt. Bedenklich ist nur, dass eine entscheidende Rolle dabei tatsächlich ein ausgewanderter Schrotthändler spielte und nicht, wie man verschwörungstheoretisch annehmen dürfte, die Waffenlobby, die Pharmareferentengilde oder die Finanzgurus. Aber vielleicht ist es ja wirklich so, dass das Bundespräsidentenamt so machtlos ist, dass sich dort die zweite Riege der oberen Zehntausend einkauft, während die wirklich wichtigen (Hinter-)Männer sich um die wirklich wichtigen Politposten kümmern.
Wer plant, in die Politik zu gehen, kann das künftig also entweder nackig probieren oder er darf aus der BuPrä-Affäre die richtigen Ideen herauskristallisieren: Lass dir dein Buch von einem Interviewer schreiben und von einem Strukturvertriebler die Anzeigen finanzieren. Der Schrotthändler besorgt dir fehlendes Kleingeld. Es ist doch nur konsequent, die Methoden der Vetternwirtschaft auf den großen Politikbetrieb anzuwenden, nur sollte man nicht so dämlich sein, Leuten, die wenig vertrauenswürdig sind, auf den Anrufbeantworter zu singen. In digitalen Zeiten macht sowas schnell die Runde und Journalistenbeschimpfung ist für den Chefmultiplikator am oberen Staatsende ein Zeichen für Übermut.
Trotzdem: Es gilt zu hoffen, dass diese Affäre nicht mit einem schnellen Rücktritt endet. Mal abgesehen davon, dass wir mit Thomas Gottschalk als einzig künftig arbeitslosen Massenunterhalter auch nur wieder einen der oberen Tausend zur Verfügung haben, wünsche ich mir im Namen des Volkes mehr Details! Wie beispielsweise kommt die Info denn zum Spiegel, dass unser BuPrä dem BiLD-Dieckmann auf den AB gequatscht hat? Hat Herr Gauck was in seinen Akten gefunden? Anonymous was bei einem Hack? Oder sind beim SPIEGEL ein paar Ex-Praktikanten von Rupert Murdoch untergekommen? Warum gibt jemand wie Carsten Maschmeyer über 40.000 Euro für Werbung für ein Buch aus, das nicht seins ist und von dem er (angeblich) nichts hat? Warum kauft der RWE-Chef gleich 2500 Exemplare davon?
Na klar: Wenn man genug Geld hat, kann man es auch in seltsame Sachen stecken – wie Bücher, die keiner liest, deren Kauf aber als Wette gelten: Als Wette auf einen künftigen BuPrä. Aber was hat man dann davon? Man kennt den Obermacker des Landes, kauft sich eine Eintrittskarte ins Schloss Bellevue. Es schadet sicherlich niemandem, wenn man in Gegenwart des BuPrä sich herumtreiben darf oder gar von diesem eine Empfehlung bekommt, mit der man sich möglichen Geschäftspartnern nähern kann. Seltsam nur, dass dieser Bundespräsident selbst noch Empfehlungen seines Schrotthändlers bedarf, um an günstige Bank-Kredite zu kommen.
Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Steuerhinterzieher, Rote-Ampel-Läufer, Geschwindigkeitsübertreter, Rechnungen-zu-spät-Begleicher, Kohlendioxidemissionäre, Bargeldhorter, Notlüger – nur wenige werden sich finden lassen, die juristisch, moralisch und menschlich unfehlbar sind. Wenn Politik bedeutet, unfehlbar zu sein, steht die Abwicklung des Politikbetriebes vor der Tür. Herr Gauck kennt sich mit Abwicklungen aus. Und zweifellos wäre ein Frühjahrsputz im Politbüro und den Amtsstuben der Anpassungsfähigkeit des Landes zuträglich. Wo aber Geschäftemachen als gesellschaftliche Triebfeder gilt, gibt es wenig Grund, die Politik davon auszunehmen. Da muss das Volk wohl mal in sich gehen und auch die Journalisten, die mit jedem Krümel gerne auf die Kacke hauen und dabei nicht verraten, an welchen (moralischen?) Grundsätzen sie sich eigentlich orientieren. Moralverlust? Naja, als Alternative zur BuPrä-Wahl steht noch die Möglichkeit, den ganzen Staat zum Katholizismus konvertieren zu lassen und den Papst als obersten Hirten auf die Ranch zu holen. Der ist wenigstens konsequent in seinem Reden, was man von Akteuren der Partei mit dem großen C nicht bedingungslos behaupten kann. Es sind aber auch schwierige Zeiten…
Wer aber macht nun den Bundespräsidenten? Wer wäre geeignet, uns kreditfrei durch die Euro-Krise zu segeln, uns charmant den Weg durch den Klimawandel zu weisen, unserem fragmentierten Dasein moralischen Kompass zu geben und dies auf Basis von ausreichend Lebenserfahrung und empathischer Jugendliebe? Jörg Asmussen hat jetzt Zeit, wo er nicht EZB-Chef wird, und Gottschalk eben mangels Fernsehshow. Die LINKE nomiert bestimmt Lafontaine persönlich. Charlotte Roche wäre mir da lieber. Oder Dieter Nuhr. Beide viel zu jung. Aber vielleicht zusammen ja alt genug?
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